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Nicht zu retten

Würden wir die Wissenschaft ernst nehmen und konsequent handeln, wenn ein riesiger Komet auf die Erde zusteuerte? Die Katastrophenkomödie „Don’t Look Up“ macht wenig Hoffnung

Don`t look up

Worum geht’s?

Der Astronomiedozent Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio) und seine Doktorandin Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) sehen als Erste, dass die Apokalypse im Anflug ist. In ihrer Sternwarte entdecken die beiden einen neun Kilometer breiten Kometen im äußeren Sonnensystem. Der steuert direkt auf die Erde zu und wird in sechs Monaten einschlagen. Flutwellen, Erdbeben und Explosionen wären die Folge, kurzum: die sichere Vernichtung allen Lebens. Doch die Warnung vor dieser Katastrophe will niemand hören. Die US-Präsidentin sorgt sich um die nächsten Wahlen, Mindy und Dibiasky wirken bei ihren warnenden Fernsehauftritten so ungeschickt wie ein Comedy-Duo, und in den sozialen Netzwerken wird diskutiert, ob dieser Komet nun real oder erfunden ist. Ist die Menschheit noch zu retten?

Worum geht’s eigentlich?

Um Wissenschaftskommunikation und das Dilemma, präventiv über Katastrophen aufzuklären. Natürlich soll, nein, muss man bei „Don’t Look Up“ an die Klimakrise denken. Die Folgen der Erderwärmung zeigen sich schon jetzt durch zunehmende Extremwetter, vor allem im globalen Süden. Doch im politischen Alltag erscheint das klimatische Worst-Case-Szenario oft theoretisch und weit weg. Der Film versinnbildlicht diesen Verdrängungsmechanismus und spitzt ihn zu: Mit dem Kometenschlag steht der Weltuntergang unmittelbar bevor. Dass die Menschheit trotzdem nichts dagegen unternimmt, wirkt schmerzhaft grotesk.

Stärkste Szene:

Ein tragikomischer Moment, bei dem man auch Parallelen zur Corona-Pandemie ziehen könnte, spießt politisches Krisenmanagement auf: Kurz nach der Entdeckung des Kometen sitzen Mindy und Dibiasky im Weißen Haus, um die Präsidentin zu informieren. Die interessiert sich aber erschreckend wenig für den nahenden Weltuntergang. Weil Mindy sich in technischen Details verliert, bringt es ein Kollege der NASA schließlich auf den Punkt: „Frau Präsidentin, dieses Ding ist ein Planetenkiller.“ Zu 99,78 Prozent werde der Komet auf der Erde einschlagen. Immerhin keine 100 Prozent, entgegnet der Stabschef des Weißen Hauses. „Ich schlage vor, wir halten die Füße still und beurteilen die Lage in aller Ruhe.“

Wie wird’s erzählt?

Als satirischer Rundumschlag über eine Gesellschaft, in der Politik und Medien sich ständig in kurzlebigen Kontroversen verlieren. Leider ist der Plot so überfrachtet und die Schauplätze wechseln so häufig, dass das hochkarätige Ensemble dabei fast untergeht: Leonardo DiCaprio spielt einen sozial verkrampften Biedermann-Akademiker, Jennifer Lawrence landet als Wissenschaftsrebellin zu schnell im Abseits der Handlung. Oscar-Rekordhalterin Meryl Streep (21 Nominierungen) darf sich als Trump-Wiedergängerin in die lange Liste der Leinwand-Präsidentschaften einreihen. Cate Blanchett und Tyler Perry geben ein irres Morning-Show-Duo im Stile des konservativen Fernsehsenders Fox News ab. Ariana Grande verkörpert selbstironisch einen Popstar ohne Privatsphäre und Timothée Chalamet unironisch einen romantischen Skatepunk.

Lohnt sich das?

Für Netflix ist „Don’t Look Up“ eine Prestigeproduktion, um gegenüber den etablierten Hollywoodstudios weiter aufzuholen. Regisseur Adam McKay hat mit „The Big Short“ und „Vice“ schließlich schon zwei starke Satiren vorgelegt. So treffsicher komisch wie die Vorgängerinnen ist die Apokalypse-Vision von „Don’t Look Up“ allerdings nicht. Als epische Erzählung über eine globale Katastrophe ist der Film zu sehr auf die US-amerikanischen Befindlichkeiten der Trump-Ära fixiert. Die Kritik an Entertainment-Politik, Social-Media-Clickbaiting und allmächtigen Internetmogulen fühlt sich an wie ein Late-Night-Sketch, der auf zweieinhalb Stunden gestreckt wurde.

Gut zu wissen:

In Wirklichkeit hat das „NASA-Büro zur Koordination der planetaren Verteidigung“ (Zwischentitelkommentar im Film: „Ja, das gibt es wirklich!“) einen Schlachtplan für den Fall eines Kometen- oder Asteroidenschlags in der Schublade. Der reale Katastrophenfall dürfte also (hoffentlich) weniger dilettantisch aussehen.

„Don’t Look Up“ läuft seit dem 9. Dezember in den deutschen Kinos und ist ab dem 24. Dezember auf Netflix verfügbar.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.