Thema – Stadt

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Form follows fuck you

Manche lassen sich richtig was einfallen, um Obdachlose, Jugendliche und Arme aus den Innenstädten zu vertreiben

Fotos: Julius C. Schreiner

Eine Parkbank kann viel mehr sein als eine Sitzgelegenheit. Für Obdachlose wird sie zum Schlafplatz oder zumindest zum Rückzugsort, der ein wenig Komfort verspricht.

Tatsächlich gibt es Stadtverwaltungen und Architekturbüros, die sich Gedanken machen, wie man solche Stadtmöbel oder ganze Plätze in den Innenstädten so unbequem wie möglich machen kann. Wie man Obdachlose vertreiben kann, manchmal ältere Menschen, Jugendliche oder Einkommensschwache – mit Design.

Es gibt einen Fachbegriff dafür: „defensive Architektur“. Manche sprechen auch von „Hostile Design“, also feindlichem Design, was wohl ehrlicher ist. Im Fall der Parkbank sorgen zum Beispiel Armlehnen dafür, dass sich niemand ausstrecken kann. Oder die Bänke sind gleich ganz aus Metall und damit im Winter viel zu kalt, um länger auf ihnen zu verweilen.

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Lüftungsschacht in London
Soziale Kälte: Dieser Lüftungsschacht in London wurde vergittert, damit Obdachlose sich nicht an der Abluft wärmen

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Barriere in New York
Manchmal ist Defensive Architektur ziemlich offensiv: Cornern möchte an dieser Ecke in New York nun wirklich nicht

Der Fotograf Julius C. Schreiner sammelt solche Designs. Bei ihm sieht man Freiflächen, die mit Gittern oder Dornen zugebaut sind, Steinbeete oder Betonpoller, die verhindern, dass sich Spaziergänger eigene Wege suchen, und Mülleimer, die so konstruiert sind, dass man nicht mehr an die Pfandflaschen rankommt. In manchen Städten gibt es Lautsprecher, aus denen klassische Musik leiert, die auf Dauer nervtötend ist. Defensive Architektur, findet Schreiner, macht Innenstädte für alle weniger einladend.

Aber ist der Versuch, zu lenken, wo und wie sich Menschen in einer Großstadt aufhalten, nicht berechtigt? Sind öffentliche Plätze der richtige Schlafplatz für Obdachlose oder wünschenswerte Orte für Drogenkonsum? Ist es nicht nachvollziehbar, wenn Verkehrsbetriebe ihre Haltestellen für Fahrgäste frei halten wollen?

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Straßenpflaster auf dem Uber-Platz in Berlin
Veränderungen im Pflaster wie hier auf dem Uber-Platz in Berlin können POPS anzeigen: „Privately Owned Public Spaces“. Das sind öffentliche Plätze in Privatbesitz. Damit gilt Hausrecht: Auf manchen POPS ist es etwa untersagt, sich „ohne Konsumabsicht“ aufzuhalten

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Kamera und Lautsprecher einer Gated Community in New York

Kamera und Lautsprecher einer Gated Community in New York. Einige Städte (auch deutsche) testen bereits „Mosquitos“: einen hochfrequenten Ton, den angeblich nur unter 25-Jährige hören – und so unangenehm finden, dass sie nicht lange bleiben wollen

Schreiner sieht das nicht so. „Der öffentliche Raum gehört allen.“ Eine Stadtverwaltung, die das ernst nimmt, muss dafür sorgen, dass verhandelt wird, wer den öffentlichen Raum wie nutzen darf – und dass jeder irgendwo seine Interessen wahrnehmen kann. Defensive Architektur tut genau das Gegenteil. Weil sie die Konflikte einer Stadt – ob Armut, Einsamkeit oder Wohnungslosigkeit – nicht löst, sondern still und heimlich verdrängt.

Schreiner nennt die (Um-)Bauten deshalb „Silent Agents“. Was man mit „stille Polizisten“ übersetzen kann. Hier übernimmt Architektur Aufgaben, die einmal Polizei und Ordnungsamt zukamen: Personen vertreiben, die andere vom Arbeiten, Einkaufen oder Sightseeing abhalten könnten und die Quadratmeterpreise im Viertel drücken.

Dieser Beitrag ist im fluter Nr. 90 „Barrieren“ erschienen. Das ganze Heft findet ihr hier.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.