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Liebe für alle

Menschen mit sichtbaren Behinderungen haben auf den gängigen Online-Datingportalen oft schlechte Chancen. Carina und Sebastian haben eine andere Partnervermittlung ausprobiert – und das ziemlich erfolgreich

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Dating mit Behinderung

Für ihr erstes Date haben sich Sebastian und Carina ein ganz besonderes Café ausgesucht: die Cafeteria des Juliusspitals in Würzburg. Und es saß ein Dritter mit am Tisch, Herr Hemrich. „Es war gut, Unterstützung beim ersten Date zu haben“, sagt Sebastian. Hemrich, damaliger Mitarbeiter von Herzenssache.net, führte ein bisschen durchs Gespräch, fragte, was sich die beiden so vorstellen vom Leben und der Liebe.

„Sebastian war nett und lustig“, sagt Carina. Sie wohnt – wie auch Sebastian – in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung. Beide kommen aber im Großteil ihres Alltags gut alleine zurecht. Nach dem ersten Treffen haben sich die beiden nur noch alleine getroffen. Ob ihre Beziehung ohne das Datingportal möglich gewesen wäre? Nein, sagt sie, 36, und Nein, sagt er, 42. Seit fünf Jahren sind sie nun ein Paar.

Onlinedating-Portale wie Tinder, Bumble und Elitepartner heißen auf ihren Seiten theoretisch alle Menschen willkommen. Das Onlinedating ist aber in der Realität ein hartes Pflaster mit vielen Erwartungen, was „normal“ ist: Der Schwerpunkt liegt oft auf dem Äußeren, und wer seinen Charakter zeigen will, muss erst mal die Chance dazu bekommen. Menschen mit sichtbarer Behinderung haben es in einer Datingwelt oft schwerer, in der der erste Eindruck zählt und die wenigsten Geduld zum Kennenlernen mitbringen. Denn das potenziell bessere Match wartet schon. Wer einen Rollstuhl nutzt und das nicht verheimlichen will, hat schlechtere Karten in diesem Spiel.

„Es gibt leider Menschen, die die Behinderung anderer Menschen ausnutzen“

Herzenssache.net hat Menschen mit Behinderungen als Zielgruppe und betreibt eine sogenannte geschützte Partnervermittlung. „Das bedeutet, dass wir jeden unserer Kunden persönlich kennen“, sagt Sarah Bauer. Die 27-Jährige ist eine von zwei Sozialpädagoginnen der Organisation, bezahlt vom Bezirk Unterfranken.

Nach einem Aufnahmegespräch erstellen die beiden Mitarbeiterinnen das Profil für die Website. Im Gespräch kommen sie relativ schnell auf den Punkt: Was wünschst du dir? Freundschaft, Partnerschaft oder einfach nur Sex? Die Nutzerinnen und Nutzer sehen sich auf der Website um und rufen an, wenn sie jemanden kennenlernen möchten. Das kostet sie 20 Euro Aufnahmegebühr und im Jahr zwölf Euro. Wenn die andere Person auch Interesse hat, wird ein Treffen arrangiert. Es matchen Menschen, keine Algorithmen. Wer Anonymität sucht, ist hier natürlich falsch. Wer persönliche Unterstützung sucht, dagegen richtig. „Es gibt leider Menschen, die die Behinderung anderer Menschen ausnutzen“, sagt Carina. „Manche können sich gar nicht oder nur schwer ausdrücken und sich nicht wehren, wenn ihnen etwas nicht passt.“ Die geschützte Vermittlung soll verhindern, dass sich Menschen mit bestimmten Fetischen auf der Plattform herumtreiben.

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Carina und Sebastian (Foto: picture alliance/dpa/Daniel Karmann)
Fünf Jahre and counting: Carina und Sebastian bei einem Date 2017 (Foto: picture alliance/dpa/Daniel Karmann)

Die Plattform hat sogenannte Peer-Beraterinnen, die mitkommen zum ersten Date. Sie haben selber eine Behinderung. Das sei persönlicher, als wenn eine Sozialpädagogin von oben herab Ratschläge gibt.

Persönliche Hilfe anzunehmen bei etwas so Privatem wie der Partnersuche ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. „Ich habe anfangs von der Partnervermittlung nicht viel gehalten. Ich wollte meine Freundin ‚normal‘ kennenlernen“, sagt Sebastian. Schnell habe er gemerkt, dass das schwierig ist. „Ich hatte ein Problem damit, selbstbewusst auf Frauen zuzugehen.“ Sein Vater war es, der ihn schließlich motivierte, sich bei der Partnervermittlung anzumelden.

Die Organisation gibt es seit 2012 in Würzburg. Die Vermittlung wurde erst über Spenden, später über die Aktion Mensch und schließlich vom Bezirk Unterfranken finanziert. Obwohl bei Herzenssache.net auch Menschen aus München und Berlin angemeldet sind, liegt der Schwerpunkt im Regionalen. Das Pendant im Norden ist die „Schatzkiste“.

Sag mal: Ist das mit uns inklusiv?

Mit seinen Hilfestellungen widerspricht das Projekt dem Inklusionsgedanken: Müsste es nicht selbstverständlich sein, dass sich Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen der Gesellschaft frei bewegen können und es keine Extraangebote braucht, die sie womöglich von der Mitte der Gesellschaft trennen? „Es geht darum, dass sich unsere Gesellschaft öffnet, dass Vielfalt unser selbstverständliches Leitbild wird“, schreibt die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen in der UN-Behindertenrechtskonvention. Statt Nischenportale zu schaffen, die „besondere Bedürfnisse“ adressieren und dadurch letztlich auch bevormunden, sollten demnach also eher die großen Datingplattformen und auch die persönliche Partnersuche vielfältiger und offener für den Menschen werden.

Die Realität sieht oft anders aus. Nicht jeder Bahnhof ist barrierefrei, und nicht jede Schule verfügt über das Know-how, inklusiv zu unterrichten, und die ungeschriebenen Regeln des Datings erschweren es vielen Menschen, jemanden kennenzulernen.

Dass es auch mit dem Portal nicht immer klappt, haben die Mitarbeiterinnen schon oft erlebt und mussten die Botschaft überbringen: Er oder sie will dich nicht kennenlernen. Bei Sebastian und Carina hat das geklappt. Ihre Beziehung ist über die Jahre gewachsen. Sie haben gelernt, mit Konflikten umzugehen, und waren sich auch in sehr schwierigen Zeiten nah. Beim Maitanz der Partnervermittlung – wenn Corona ihn stattfinden lässt – sind sie als Ehrengäste eingeladen. Vielleicht finden sich dort wieder zwei Menschen, die eine Partnerschaft bisher für unmöglich gehalten haben.

Illustration: Raúl Soria

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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