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Coworking-Spaces klingen nach hippen Großstädten. Mittlerweile sind sie aber auch auf dem Land angekommen – allein in Brandenburg gibt es bereits über ein Dutzend Orte. Unsere Autorin war dort

Coconat

Der französische Soziologe Luc Boltanski hat einmal auf die Frage „Frisst der Kapitalismus seine Kinder?“ geantwortet: „Nein, er verstrickt sie in Projekte.“ Auch im Coworking-Space „Coconat“ lautet die erste Frage an neue Besucher meist nicht: „Wer bist du?“ oder „Was machst du?“, sondern „Was ist dein Projekt?“.

Die jährliche Wachstumsrate der deutschen Coworking-Spaces beträgt 30 Prozent

Mit der Frage kommt auch der Psychologe beim ersten Kaffee mit der Bloggerin ins Gespräch. Sie versucht ihn davon zu überzeugen, wie wichtig ein aggressives Marketingkonzept für das Buch ist, an dem er gerade schreibt: „Ich überlege mir immer: Wer hat mein Geld? Und dann hole ich es mir.“ Der Psychologe guckt etwas entsetzt und tätschelt den Kopf seines Hundes. Ein paar Coworker betreten die ehemalige Gaststube des Gutshauses und schenken sich Kaffee ein. Die morgendliche Yogastunde ist gerade vorbei. Aus den Boxen kommt elektronische Musik, die mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit auch gerade in irgendeinem Coworking-Space in Berlin-Mitte läuft. 

Coworking boomt, die jährliche Wachstumsrate der deutschen Coworking-Spaces beträgt 30 Prozent. Fast ein Viertel dieser Orte liegt allein in Berlin. Auf dem Land hingegen gibt es nur wenige, ein Grund dafür ist auch die schlechte Internetverbindung in vielen Teilen des ländlichen Deutschlands. 

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Menschen sitzen zusammen und hören einem Vortrag zu (Foto: Coconat)

Bei Workation geht es nicht nur um entspanntes Arbeiten, sondern auch um Inspiration durch andere Menschen, die man sonst nicht in seinem Büro antreffen würde

(Foto: Coconat)

Eine Ausnahme ist der Coworking-Space Coconat. Er liegt nicht in Berlin, sondern gut 90 Kilometer südwestlich davon: in Klein Glien, am Fuße des Hagelbergs – mit 200 Metern der zweithöchste Berg Brandenburgs. 55 Einwohner zählt das Dorf, der Internationale Kunstwanderweg führt direkt hindurch. Von Berlin aus ist man mit Bus und Bahn innerhalb von anderthalb Stunden in Klein Glien – ein weiterer Grund, weshalb es seit dem letzten Jahr eine weitere Attraktion gibt im Dorf: einen Coworking-Space oder, wie es seine Gründer nennen, ein „Workation Retreat“. 

Solche Orte, an denen work und vacation, Arbeit und Urlaub, miteinander verbunden werden, finden sich üblicherweise im globalen Süden, auf Bali oder in Thailand – in Ländern, in denen es wärmer und günstiger ist als in Deutschland. Viele der arbeitenden Urlauber dort bezeichnen sich als Digitalnomaden; sie arbeiten auf ihren Laptops, wo es ihnen gefällt. 

Workation in Deutschland ist Luxus

Im Coworking-Space im Dorf Klein Glien machen die Digitalnomaden nur einen kleinen Teil der Gäste aus. Die große Mehrheit von ihnen hat ihren ständigen Wohnsitz in Berlin und fährt nur ab und an mal raus, um konzentriert an ihren Projekten zu arbeiten. So wie Lifecoach Katharina, die Videos für ihren Onlinekurs zum Thema Digital Detox schneidet. Oder der Psychologe, der eigentlich fest angestellt ist und sich einquartiert hat, um an einem Buch über Coaching zu schreiben.

Längst nicht alle Selbstständigen können sich coworking oder workation leisten. Die Zahl der Freiberufler, die ihr Gehalt mit Arbeitslosengeld II aufstocken müssen, ist seit 2007 um 56 Prozent gestiegen: Mehr als 105.000 waren es laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2015. Auch bei Coconat ist man mit den Kosten für Einzelzimmer, Vollverpflegung und Zugang zum Coworking-Space schnell bei 80 Euro pro Tag. Im Durchschnitt bleiben die Gäste dreieinhalb Tage.

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Wald und Wiese um den Coworking Space (Foto: Coconat)

Die ländliche Idylle bietet den displaygeschundenen Augen eine ruhigere Abwechslung als eine Stadt

(Foto: Coconat)

 

Trotzdem laufen die Buchungen seit der Eröffnung im letzten Jahr so, wie es sich die Gründer erhofft haben. Gerade im Sommer seien die Betten in den 13 Zimmern oftmals voll belegt. Die Lage am Rand des Naturparks Hoher Fläming: Wälder und Wiesen, so weit das displaygeschundene Auge reicht. Doch die Städter kommen nicht nur wegen der Landschaft, sondern auch wegen der Gemeinschaft. „Ich hätte ja auch in ein normales Hotel fahren können, wo ich auch Natur, meine Ruhe und WLAN habe. Ich bin aber bewusst hierhergekommen, weil ich mich austauschen will“, sagt Lifecoach Katharina. 

Auf der Straßenseite gegenüber beginnt eine kleine Lindenallee. Folgt man ihr ein kurzes Stück und biegt nach links ab, landet man im Garten von Wolfgang Wagner. Wagner ist der Ortsvorsteher von Klein Glien. Er hat früher mal in Berlin gewohnt, bevor er etwas Geld beim Tele-Lotto – der Fernsehlotterie in der DDR – gewonnen hat und in ein Häuschen in Klein Glien gezogen ist. 

Lieber Digitalnomaden als Geflüchtete? 

Wagner denkt langfristiger als in Projektzeiträumen, ein Jahr findet er noch viel zu kurz, um schon Bilanz zu ziehen. Dass Coconat gegenüber eingezogen ist, findet er aber grundsätzlich gut. Mit dem Gutshof gab es in den vergangenen Jahren öfter Probleme: Die Besitzer wechselten häufig, zwischenzeitlich wollte die Stadt Bad Belzig 60 Geflüchtete dort unterbringen. Das kam nicht bei allen im Dorf gut an. Die Einwohner seien wegen der ständig wechselnden Gäste zwar auch jetzt zurückhaltend, sagt Wagner. Aber die meisten seien offen für das Projekt und zeigten Interesse. 

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Lagerfeuer bei der Eröffnungsfeier vom Coworking-Space (Foto: Tilman Vogler)

Lagerfeuermoment: Coworking und Jugendfreizeit scheinen einiges gemeinsam zu haben

(Foto: Tilman Vogler)

Von den Gästen sehen Wagner und seine Nachbarn meist nur die Rückseite ihrer Laptops. Das Bindeglied zwischen den Coworking-Kunden und der Dorfgemeinschaft sind die Gründer von Coconat. Für ihr Coworking-Projekt sind drei der insgesamt sechs Gründer dauerhaft von Berlin in den Fläming gezogen und Wagners Nachbarn geworden. Sie gehen zum Osterfeuer auf den Hagelberg und laden zum Tag der offenen Tür ein. In diesem Jahr findet zum ersten Mal das jährliche Sommerfest des Dorfvereins auf dem Gutshof statt. Das rechnet der Dorfvorsteher ihnen hoch an. 

Jetzt also eine Laptop-Kommune, die Würste auf dem Dorffest bleiben aber fleischig

Auch der Dorfverein trifft sich einmal im Monat in der Bar des Gutshofs. Sein Bier muss sich Wagner dann allerdings selber zapfen. „Ungewöhnlich, aber das kann man schon machen, wenn man sich kennt“, meint Wagner. Auch den Veganismus der jungen Leute findet er etwas seltsam. „Beim Dorffest gibt’s auf jeden Fall Würstchen!“ 

Doch Neuankömmlinge sei die Region schon gewöhnt. In der Gegend gebe es viele alternative Kommunen. Da waren die Leute anfangs auch etwas skeptisch, erzählt Wagner. Mittlerweile gehörten sie dazu. „Wir Ossis sind da eben ein bisschen verkniffen, wir hatten lange genug eine Kommune mit einem Vorsitzenden. Hatten wir nicht viel davon.“ 

Jetzt also eine Laptop-Kommune, warum nicht. Als Wagner das erste Mal vom Coworking-Space-Vorhaben im Gutshof gehört hat, wusste er erst nicht recht, was das sein sollte. Er hat es dann aber einfach gegoogelt. 

Titelbild: Coconat

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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