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Ist Vollzeit-Arbeit noch zeitgemäß?

Nein, glaubt Eva Müller-Foell. Es gibt genug Teilzeit-Modelle, die sinnvoll und effizient für Arbeitgeber und -Nehmer sind. Felix Denk meint: Wer Teilzeit arbeitet, verschenkt viel – nicht nur Geld. Unsere Autoren streiten

Eva Müller-Foell und Felix Denk streiten

Pro: Teilzeit ist gut für die Gesundheit und effizient wie Vollzeit

Nicht ohne Grund erkranken viele Berufstätige an Burn-out. Mit einem Teilzeitmodell könnte Stress abgebaut und berufliche Kraft aufgebaut werden, findet Eva Müller-Foell

Frühmorgens bin ich am produktivsten. Doch schon um die Mittagszeit lässt meine Konzen­trationsfähigkeit deutlich nach. Eine gute Freundin von mir steht wiederum dann erst auf, weil sie vorher gar nichts zustande bringt. Für uns beide - und alle anderen - gibt es eine gute Nachricht: Der deutsche Arbeitsmarkt wandelt sich. Es gibt immer mehr Teilzeitstellen und immer weniger Vollzeitstellen. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten ist laut Institut für Arbeits­markt- und Berufsforschung in den vergangenen 20 Jahren von rund 25,9 auf 24 Millionen gesunken.

Eine ausgewogene Work-Life-Balance finden - so geht's

Auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales geht auf diesen Wandel ein. Auf seiner Website werden verschiedene Teilzeitmodelle vorgeschlagen, damit Arbeitnehmer die Chance haben, "eine ausgewogene Arbeit-Leben-Balance zu finden" - von "Teilzeit classic" (fünf Tage arbeiten, dafür kürzere Arbeitszeiten) über "Teilzeit Classic Vario" (die wöchent­liche Arbeitszeit wird auf zwei bis fünf Tage verteilt, wobei auch die tägliche, wöchentliche oder monatliche Stundenanzahl variieren kann) bis hin zu "Teilzeit Invest" (Vollzeit arbeiten, Teilzeit-Bezahlung, dafür ganze Wochen, Monate, Jahre freihaben). Ist endlich Schluss mit dem Arbeitseifer als Teil der Identität? Werden die Deutschen, man traut es sich kaum zu sagen, am Ende flexibel?

Ein Umdenken ist längst überfällig. Das hat nun auch die IG Metall erkannt und ein Recht auf die 28-Stunden-Woche gefordert. Außerdem will die Gewerkschaft durchsetzen, dass die Beschäftigten ihre Arbeitszeit künftig ohne Begründung für eine Dauer von maximal zwei Jahre auf bis zu 28 Stunden in der Woche reduzieren können. Danach soll der Anspruch bestehen, zur ursprünglichen Arbeitszeit zurückzukehren.

Teilzeitbezahlung mit Vollzeitarbeit - dagegen kann die Überstundenbremse helfen 

Dass solche Forderungen momentan noch recht rar sind, liegt sicher an der Angst, dass Be­rufstätige dadurch finanziell schlechter wegkommen könnten. Eine Überstundenbremse müsste eingeführt werden, um zu vermeiden, dass Arbeitnehmer zwar Teilzeit bezahlt werden, aber Vollzeit arbeiten - weil es ja noch so viel zu tun gibt. Zahlreiche Studien belegen, dass kürzere Arbeitszeiten eine höhere Produktivität bewirken, weil die Leistungsfähigkeit und die Konzentration höher sind und dadurch weniger Fehler gemacht werden. Die Frage ist: Braucht man für diese Erkenntnis wirklich Studien, oder reicht da nicht Erfahrung? Die von mir und meiner Freundin zum Beispiel. Wer kann sich schon acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche konzentrieren, geschweige denn kreativ sein?

Wir sind keine Maschinen, die egal zu welcher Tageszeit die gleiche Effizienz aufweisen. Erst vor kurzem haben Wissenschaftler für ihre Forschung zur "inneren Uhr" den Nobelpreis für Medizin erhalten. Es gibt Lerchen (ich) und Eulen (meine Freundin), also Leute, die früh fit sind, und solche, die abends am besten arbeiten. Ein weiteres Teilzeitmodell soll genau da ansetzen: das Jobsharing. Wie der Name verrät, handelt es sich dabei um ein Arbeitszeit­modell, bei dem sich (mindestens) zwei Arbeitnehmer eine Vollzeitstelle teilen. Sie arbeiten als Team zusammen und legen untereinander fest, wer, wann und wie viel arbeitet. Für mich und meine Freundin wäre dieses Modell perfekt.

Jeder arbeitet, wenn er fit ist 

Jeder kann arbeiten, wenn er fit ist. Kräfte, Konzentration und Kreativität werden gebündelt. Und: Wir hätten genügend Zeit, um ent­weder anderen Tätigkeiten nachzugehen oder einfach mal abzuschalten - auch das Handy. Studien zu Burn-out-Fällen belegen, dass die ständige Erreichbarkeit, die meist mit dem Job verbunden ist, krank macht. Die unscharfe Grenze zwischen Beruf und Privatleben be­günstige die Entstehung eines Burn-outs.

Noch fühlen viele sich schlecht, wenn sie dem Arbeitgeber sagen, dass sie gerne mehr Zeit für sich haben wollen. Schnell bekommen wir den Stempel "arbeitsscheu" oder "unmotiviert" auf die Stirn gedrückt, was vollkommen falsch ist. Wer nur einseitig arbeitet und denkt, wird früher oder später zu einem automatisierten Etwas, das erst die Rente aus dieser Einseitigkeit befreit. Frischer Wind kommt da sicher nicht ins Büro. Und ganz privat gesehen: Später sind wir vielleicht zu alt und zu schwach, um manchen Träumen nachzugehen. Das wäre traurig. Also: Ändern kann man immer etwas. Man muss es nur wollen und sich trauen.

Wir sind keine Faulenzer, sondern einfach flexibel

Ich will in dieser Debatte nicht nur von meiner Einstellung zur Arbeit reden. Einer meiner Bekannten liebt seinen Zehn-Stunden-pro-Tag-Job. Er wüsste auch gar nicht, was er mit seiner durch einen Teilzeitjob gewonnenen Freizeit anfangen sollte, sagt er. Es würde ja reichen, wenn das Teilzeitmodell in Deutschland von jedem Arbeitgeber als vollwertig anerkannt würde. Jeder sollte das Recht haben, für sich selbst zu entscheiden, wie er seine Arbeitszeit einteilt. Ich bin mir sicher, dass durch die Einführung der Teilzeit das private und das berufliche Leben profitieren könnten. Wir werden nicht alle zu Faulenzern - nur ein bisschen flexibler.

Eva Müller-Foell arbeitet als freie Autorin und Texterin. Wenn sie einen komplizierten Auftrag hat, schleicht sich in ihre Teilzeit-Existenz manchmal doch die Vollzeit ein. Aber besser als ihre früheren Nine-to-five-Jobs findet sie das allemal. 

Collagen: Renke Brandt  

 Contra: Teilzeit bedeutet gleich viel Arbeit - für weniger Geld

Wer nur die Hälfte arbeitet, macht sich das Leben doppelt schwer. Er schenkt seinem Arbeitgeber viel und befördert eine gesellschaftliche Spaltung, glaubt Felix Denk

Am besten klingt das mit der Teilzeitstelle natürlich am Freitag. Da hat man als überspannte Büromonade endgültig den Kanal voll. Der Geist ist träge, der Körper erschlafft, halb Mensch, halb Bürostuhl kauert man am Schreibtisch und hangelt sich von Kaffee zu Kaffee. Nein, den ganz großen Wurf kriegt man am Freitag meist nicht mehr hin.

Jetzt könnte man sagen: Super, Freitag machen alle frei, dann sind alle glücklich. Teilzeit verlängert das Wochenende und verkürzt die Arbeitswoche um einen Tag. Hoher Fun-Faktor, überschaubare wirtschaftliche Einbußen. Eine Menge Menschen scheint so zu denken. Die Zahl der Teilzeitstellen hat sich seit Beginn der 1990er-Jahre etwa verdoppelt.

Aber immer halblang. Es gibt ein paar ganz gute Gründe, warum sich die volle Stelle unbedingt lohnt, auch wenn sie in der heutigen Arbeitswelt so modern wirkt wie ein Nadeldrucker im Büro. Teilzeit-Arbeiten ist in der Praxis meist ein elender Staffellauf. Ein Mehraufwand, der sich selten lohnt. Dauernd muss man Übergaben machen, ständig erreichbar sein, falls es mal eine Nachfrage gibt. Bloß bezahlt bekommt man das nicht. Für die spannenden Aufgaben ist oft nicht genug Zeit, oder man bekommt sie erst gar nicht auf den Schreibtisch. Vielleicht ist man ja gerade nicht da, wenn sie vergeben werden.

Gleiche Arbeit, weniger Zeit

Ein absurdes Theater erleben viele, die mal eine Vollzeitstelle hatten und dann die Stunden reduziert haben in der Hoffnung, Arbeit und Leben angenehmer auszubalancieren: Dann bleiben die Aufgaben meist die gleichen wie vorher, nur hat man dafür weniger Zeit. Und bekommt weniger Geld. Und damit später mal weniger Rente. Und die Karriere schiebt man wohl auch nicht an. Denn wer weniger arbeitet, wird auch seltener befördert. Führungskräfte in Teilzeit - die gibt es, aber sie sind sehr selten.

Und da ist man auch schon bei dem gesellschaftlichen Aspekt. Die 15 Millionen Menschen in Deutschland, die in Teilzeit arbeiten, sind meist Frauen. Vier von fünf Teilzeitarbeitnehmern sind weiblich. Und knapp die Hälfte aller weiblichen Angestellten arbeitet in Teilzeit. Besonders in der Gesundheits- und Pflegebranche sind solche Arbeitsmodelle gängig, auch in der Gastronomie und im Einzelhandel. Zum Vergleich: Nur knapp jeder zehnte Mann ist in einem Teilzeit-Arbeitsverhältnis beschäftigt.

Was ist wirklich freiwillig?

Zwar gaben bei einer Befragung durch das Statistische Bundesamt nur 16 Prozent der Frauen an, dass sie gerne mehr arbeiten würden. Man kann also längst nicht sagen, dass sie in dieses reduzierte Beschäftigungsverhältnis gezwungen würden. Trotzdem ist die Frage nach der Freiwilligkeit so eine Sache. Denn die Hälfte gab persönliche und familiäre Gründe für die Tätigkeit in Teilzeit an.

Kurze Frage: Geht's noch? Im Jahr 2018 sollte es doch irgendwie möglich sein, dass Männer und Frauen Vollzeit arbeiten und sich gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern können. Viel wichtiger als Teilzeitmodelle, die moderne Paare mit Kindern geradezu dazu zwingen, das Geschlechtermodell ihrer Großeltern nachzuleben (siehe Ehegattensplitting oder steuerfreie Minijobs), sind flexiblere Arbeitsbedingungen.

Das könnte etwa durch ein Wochenarbeitszeit-Modell funktionieren. Der Arbeitnehmer könnte ein Konto haben, das ihn verpflichtet, 40 Stunden in der Woche zu arbeiten. Wie er die aber erbringt, das kann er - in gewissen Grenzen, etwa einer verbindlichen Kernarbeitszeit - selbst entscheiden.

Home-Office hilft

Von Vorteil wäre es auch, wenn in deutschen Büros weniger die leidige Präsenzkultur herrschen würde. Klar, der Krankengymnast muss arbeiten, wenn die Patienten Zeit haben. Aber wie viele Jobs gibt es überhaupt noch, die direkte Interaktion erfordern? Zumal ja immer weniger telefoniert wird. Die meiste Interaktion läuft ja schriftlich ab. Vielen wäre schon damit geholfen, wenn sie nicht alle acht Stunden, die sie täglich arbeiten, rückenkrumm im fahlen Neonlicht der Schreibtischlampe absitzen müssten, sondern einen Teil zu Hause erledigen könnten. Etwa den Freitag oder halt ab 16 Uhr. So können Eltern die Betreuung der Kinder mit einer Vollzeitstelle vereinbaren. Auch jene, die ihre Eltern pflegen, würden davon profitieren. Und die digitalen Nomaden, die gern mal eine Weile von Hanoi oder Honolulu aus arbeiten, kämen auch auf ihre Kosten.

Ebenfalls wichtig: ein Rückkehrrecht in die Vollzeitstelle. Das wurde gerade in das Sondierungspapier der Groko-Verhandlungen geschrieben. Gute Sache. Man könnte eine Weile beruflich kürzertreten, ohne gleich die ganze Karriere aufs Spiel zu setzen. Denn jeder, der einmal seine Stunden reduziert hat, weiß, wie schwierig es ist, sie wieder aufzustocken. Gefühlte Wahrheit in diesem Fall: Klappt nie. Blöd nur, dass das Recht auf befristete Teilzeit nur für Betriebe mit mehr als 45 Mitarbeitern gelten soll. Sieht man sich mal genauer an, wie die 37 Millionen abhängig Beschäftigten in Deutschland arbeiten, dann kommt man auf rund 40 Prozent, auf die diese Regelung nicht zuträfe. Solange die Konditionen so sind, ist man wohl besser in der Vollzeitstelle aufgehoben. Auch wenn's am Freitag schon mal wehtut.

Felix Denk ist Kulturredakteur bei fluter.de. Er hat keine Hobbies. Alles, was er kann, macht er irgendwie auch beruflich. So macht die Arbeit immer Spaß, einen ganz klassischen Feierabend vermisst er aber schon ab und zu.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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