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Occupy McDonald’s

Für viele sind Fast-Food-Filialen ein Sinnbild des Kapitalismus. Für die Bewohner eines Marseiller Vororts war ihr McDonald’s der einzige Treffpunkt des Viertels. Als er schließen soll, besetzen sie ihn

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McDonalds

Eigentlich wollten sie diesen Montag nicht vor acht Uhr loslegen, diesmal wirklich nicht. Aber dann stehen um kurz nach sechs schon wieder die Ersten auf dem Parkplatz vor dem McDonald’s am nördlichen Rand von Marseille: Paare mit Kleinkindern, Großmütter mit eng gebundenen Kopftüchern, Männer in Jogginganzügen. Immer länger wird die Schlange, also machen sie die Fenster der ehemaligen McDrive-Ausgabestelle doch schon auf und geben aus: Rapsöl, Mehl, Bohnen, Milch. Noch vor zwei Jahren waren es Big Macs und Chicken McNuggets.

Die Fast-Food-Kette McDonald’s ist für viele ein Sinnbild der privaten Marktwirtschaft. Ein rot-gelber Tempel eines Kapitalismus, der streng durchgetaktet versucht, mit möglichst wenigen Arbeitskräften unter geringsten Kosten möglichst hohen Profit zu machen. Anders verhält es sich mit einem Ableger der Franchisekette im Norden Marseilles: In den verwaisten Räumen des dortigen McDonald’s bauen ehemalige Angestellte mitten in der Pandemie einen Laden auf, der für Solidarität stehen soll.

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Das Viertel Saint-Barthélemy gehört zu den ärmsten der Stadt – entsprechend super sized ist der Andrang bei der Essensausgabe

Sie verteilen Lebensmittel, die von Supermärkten oder Marktständen nicht mehr gebraucht werden – sehr wohl aber von jenen, die hier anstehen, um durch die nächsten sieben Tage zu kommen. Sie kommen aus den Marseiller quartiers nord, den Stadtvierteln des Nordens, die zum Synonym für heruntergekommene Hochhaussiedlungen und Armut geworden sind. Um die 250.000 Menschen leben hier, so auch viele von den 20 bis 30 Aktivisten und Aktivistinnen.

Vom Drogendealer zum Restaurantmanager

Kamel Guémari, groß und schmal, tiefe Augenringe, Vollbart, ist das Gesicht der Bewegung. Mit Journalisten verabredet er sich nicht mehr, es sind inzwischen zu viele. Er sagt: „Komm einfach vorbei.“ Und dann heißt es warten. Ständig will jemand etwas von Kamel. Ob er nicht kurz den neugeborenen Sohn halten will? Ob er nicht kurz mit der herausgeflogenen Stromsicherung helfen könne? Als die Schlange draußen endlich kürzer wird, macht er an der alten Kaffeemaschine eine Kanne starken Espresso und erzählt.

1992 eröffnete die damalige Arbeitsministerin Martine Aubry den McDonald’s als Vorzeigeprojekt im Norden Marseilles. Sie wollte Unternehmen mit Steuererleichterungen locken, um Arbeitsplätze zu schaffen. Damals war Kamel, fünftes Kind eines arbeitslosen Vaters, „un enfant de la misère“, sagt er, ein Kind des Elends. Die Zukunftsaussichten in der Gegend hätten sich hauptsächlich auf Karrieren im Drogengeschäft beschränkt. Auch er selbst hat Drogen vertickt. Mit 16 putzte er dann bei McDonald’s Toiletten, später verkaufte er Burger, wurde schließlich Restaurantmanager. Viele, sagt Kamel stolz, lernten hier zum ersten Mal, im Team zu arbeiten und für etwas verantwortlich zu sein.

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Kamel Guémari

Kamel Guémari will bald nicht nur Speisen, sondern auch Ausbildungsplätze auf dem Menü haben …

Weil in Marseille kaum Geld in Sozialleinrichtungen floss, wurde ein McDonald’s zum Gemeinschaftstreff

Der McDonald’s wurde zu einer Art Reintegrationsmaschine, einem Dorfplatz, auf dem die einen arbeiteten und die anderen entspannten, sich die Rentner zum Kartenspielen trafen und Kinder zum Hausaufgabenmachen. Ungewöhnlich für ein Fast-Food-Restaurant. Den Soziologen Michel Peraldi überrascht das aber nicht: In Marseille hätte die Stadtverwaltung jahrelang mit Korruptionsfällen zu kämpfen gehabt und nicht gerade gerne Geld für Sozialarbeit ausgegeben, erzählt Peraldi. Darunter litten unter anderem Kantinen, Hausaufgabenhilfen, alles, was den Alltag lebendiger und gemeinschaftlicher machen sollte. „Eine Leerstelle, die allmählich Unternehmen wie McDonald’s füllten“, sagt Peraldi.

Nur: Eine Fast-Food-Kette ist keine Wohltätigkeitsorganisation. Das spürte Kamel Guémari, als er in eine Gewerkschaft eintrat. Er organisierte Streiks und Demonstrationen, erkämpfte einen 13. Monatslohn und unbefristete Arbeitsverträge. Angestellte in anderen Filialen Frankreichs zogen nach. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen kündigte McDonald’s 2018 dann an, die Filiale schließen zu wollen. Aus dem Kampf um bessere Arbeitsbedingungen wurde einer darum, überhaupt arbeiten zu dürfen. Im Dezember 2019 wurde der letzte Burger gebraten. Kamel und einige andere aber wollten davon nichts wissen. Sie blieben einfach, selbst nachts.

Von „Besetzung“ oder gar Vandalismus wollen sie aber nicht sprechen. Als er die Wörter hört, mischt Fathi Bouaroua sich ein, der wenige Meter neben Kamel steht und telefoniert. Früher leitete er eine große Wohltätigkeitsorganisation, heute ist er der Präsident des eigens gegründeten Vereins. „Attention“, sagt er. „Wir haben nichts beschädigt!“ Er zeigt auf die in Plastik eingeschweißten Frittiermaschinen. Kamel besitze immer noch einen Schlüssel und verwalte den „L’Après M“, wie sie den Ort getauft haben, zwar inoffiziell, aber gewissenhaft weiter.

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... und so Jugendliche von der Straße holen. Denn abgesehen vom Drogenhandel gibt es hier wenige Karriereoptionen

Die Pressestelle von McDonald’s nennt das, was in dem McDonald’s passiert, eine „illegale Besetzung“ und damit: eine Straftat nach französischem Gesetzbuch. Es gibt auch Vandalismusvorwürfe, das Unternehmen hat vor dem Marseiller Zivilgericht Klage eingereicht. Sollte es recht bekommen, würde das eine polizeiliche Räumung bedeuten.

Während des Lockdowns machte sogar die Tafel dicht. Aber der Hunger war größer als die Angst vor dem Virus

Als zu Beginn der Corona-Pandemie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Lockdown ankündigte, standen im Land von einem auf den anderen Tag viele ohne Einkommen da. Mit dem Schulunterricht fiel das Mittagessen in der Mensa aus – für viele Kinder die einzige warme Mahlzeit des Tages. Selbst die französische Tafel machte dicht. „Die Angst, an Hunger zu sterben, war größer als die vor dem Virus“, sagt Guémari. Weil es sonst niemand tat, hätten sie eben selbst begonnen, Lebensmittelverteilungen zu organisieren. Landwirtschaftskollektive spendeten Kartoffeln, Großmarkthändler brachten palettenweise Mehl, Kioskbesitzer luden die Kofferräume ihrer Citroëns mit Milch voll. Immer mehr kamen und kommen zum Abholen – und immer mehr inzwischen auch zum Helfen.

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Happy Meal zum happy Deal? Die Juniortüten von L’Après-M sind kostenlos, aber nicht umsonst: die Freiwilligen stecken viel Arbeit hinein

Der in Blau und Lila besprühte Bungalow ist für sie zum Knotenpunkt geworden. Yazid pflanzt hier jeden Mittwoch mit den Kindern aus den Vierteln Bohnen, Minze und Koriander. Karim geht mit ihnen die Hühner füttern, die er in einem Verschlag am Kreisverkehr hält. Farida kocht jeden Donnerstag für die, denen selbst die Küche zum Kochen fehlt. All das ist gut – aber nur das Notfallprogramm. Eigentlich nämlich geht es ihnen um mehr: um die Zukunft der Mädchen und Jungs, die auf Cityrollern durch den McDonald’s rauschen.

Erst besetzen, dann kaufen?

Kamel ist überzeugt, dass sie nicht als voyou, Gauner, enden wollen, sondern eine Alternative wählen, wenn sie eine sehen. Seine Lösung: Mit einem Restaurant du Peuple, einer Art sozialem Fast-Food-Restaurant, möchte er Arbeitsplätze schaffen, Betriebspraktika und Kurzausbildungen anbieten.

Damit das langfristig klappt, will er McDonald’s den Bungalow abkaufen. Dafür hat der Verein eine Immobiliengesellschaft gegründet, deren Anteile er an groß inszenierten Kirmessamstagen verkauft hat. An einem dieser Nachmittage stand Kamel auf dem Dach des Flachbaus, in gelbem Polohemd und gelber Hose, in der Hand ein Mikrofon, und rief: „L’Après M, c’est notre monde à nous!“ – L’Après M, das ist unsere Welt! Welche Sätze sich nachher in der Zeitung gut lesen und welche Bilder gut ankommen werden, das wissen die Aktivisten inzwischen.

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In keiner französischen Großstadt ist die Armut so groß wie in Marseille. In vielen Stadtteilen leben über die Hälfte der Menschen unterhalb der Armutsgrenze

Der Verkauf der einzelnen Anteile lief jedoch schlecht. So schlecht, dass Anfang Juni der Marseiller Bürgermeister verkündete: Die Stadt Marseille will einspringen und die Filiale kaufen. Der „L’Après M“ soll bleiben, auch wenn manche kritisieren, dass dieses Vorgehen der Stadtverwaltung andere dazu ermutigen könnte, ebenfalls Häuser zu besetzen. McDonald’s bestätigte in einer Pressemitteilung Verhandlungen mit der Stadtverwaltung als zukünftigem „alleinigem Inhaber“.

Als der Marseiller Bürgermeister die Pläne der Stadt von Journalisten umringt bekannt gibt, steht Kamel daneben und applaudiert. Mieter des Bürgermeisters zu sein, das ist zwar nicht ganz das, was er sich vorgestellt hat. Aber solange er und die anderen weiterhin die Regeln machen und Essen durch das McDrive-Fenster reichen dürfen, werden sie genau das machen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Nell
  ·  
09.07.2021-06:07

Ein total interessantes Thema! Ich habe mich bisher wenig mit den Folgen der Pandemie für ärmere Menschen auseinandergesetzt, aber man sieht doch immer wieder, dass selbst die größten Krisen schöne Blüten treiben können! =)