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Die sollte man auf dem Schirm haben

Noch vor Kurzem arbeitete Alexandria Ocasio-Cortez in der Cocktailbar ihrer Mutter. Jetzt gilt die junge New Yorkerin manchen als Hoffnungsträgerin der Demokratischen Partei. Wer ist diese Frau?

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Alexandria Ocasio-Cortez

Ihre Ziele sind klar und kompromisslos links: Sie kämpft für eine staatliche Krankenversicherung, strengere Waffengesetze, gegen Studiengebühren und will die umstrittene Einwanderungsbehörde abschaffen. Genau die Behörde, die zuletzt für Aufregung gesorgt hatte, weil sie Kinder und Eltern an der mexikanischen Grenze bei der illegalen Einreise trennte. Alexandria Ocasio-Cortez hat puerto-ricanische Wurzeln, ihre Wahlplakate warben auf Spanisch und Englisch für sie. In der Bronx, ihrem Wahlbezirk, leben 50 Prozent Latinos, 70 Prozent sind „People of Color“. Hier wurde auch sie 1989 geboren. Bis vor ein paar Monaten hat sie noch in der Cocktailbar ihrer Mutter gejobbt und als Sozialarbeiterin gearbeitet. Nun möchte sie sich auf großer Bühne für die „working class“ einsetzen. Ein Wort, das nur wenige benutzen.

Ocasio-Cortez stellte sich an U-Bahn-Eingänge, klopfte mit ihren Helfern an mehr als 120.000 Türen, lud ihre Nachbarn zum Kaffeeklatsch

Wie Bernie Sanders, dem Ocasio-Cortez im Wahlkampf half, will sie die Politik unabhängig machen vom großen Geld aus der Wirtschaft. Deshalb hat sie als einzige Kandidatin der Repräsentantenhaus-Vorwahlen ihre Wahlkampagne zu 100 Prozent mit Privatspenden finanziert und so 300.000 Dollar eingesammelt. Davon wurden vor allem die Social-Media-Kanäle finanziert: Dort gab Ocasio-Cortez mehr Geld aus als ihr Kontrahent trotz deutlich kleinerem Budget. Im Straßenwahlkampf hingegen ging es eher familiär zu: Das Plakat entwarf eine Freundin, mit der sie früher kellnerte, das Büro war in einem Gebäude, in dem noch ein Tätowierer und eine Handleserin ihre Läden hatten.

Ocasio-Cortez selbst stellte sich an U-Bahn-Eingänge, klopfte mit ihren Helfern an mehr als 120.000 Türen, lud ihre Nachbarn zum Kaffeeklatsch. Dazu kamen Hunderttausende SMS, eine forsche Social-Media-Kampagne und ein Wahlwerbespot, der an einen Netflix-Trailer erinnert.

In ihrem New Yorker Wahlbezirk hatte sie mit ihrer Kampagne überraschend Erfolg: Sie setzte sich klar gegen ihren Konkurrenten Joe Crowley durch. Der ist doppelt so alt wie sie, hatte über zehnmal mehr Geld für den Wahlkampf zur Verfügung und sitzt seit 1999 im Washingtoner Abgeordnetenhaus. Er gilt also als politisches Schwergewicht und hatte berechtigte Hoffnungen, nach der Wahl die Fraktion der Demokraten anzuführen. Die Wahl ist insofern bedeutsam, als das Repräsentantenhaus eine wichtige Rolle bei der Gesetzgebung einnimmt und gegenüber dem US-Präsidenten eine Kontrollfunktion ausübt. Die Demokraten hoffen, dort die Mehrheit zurückzugewinnen. Da in der Bronx, in der Ocasio-Cortez antritt, stets eine große Mehrheit für die Demokraten stimmt, gilt ihr Einzug als sicher.

Die drei Mitglieder der Führungsriege im Repräsentantenhaus sind allesamt über 75 Jahre alt. Dafür, dass sich die Demokraten traditionell als Partei der jungen Menschen sehen, ist das Durchschnittsalter sehr hoch. Ocasio-Cortez wäre die jüngste Abgeordnete aller Zeiten. Sie spricht eine wichtige Wählergruppe an, denn die Wählerschaft der Demokraten ist in den letzten Jahren zunehmend weiblicher und hispanischer geworden.

Ihre Ansichten sind in der Partei im Moment eher nicht mehrheitsfähig. Dafür sind sie zu umstritten

Die Begeisterung geht bei manchen so weit, dass sie ihren Lebenslauf mit dem des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama vergleichen: Beide verkörpern nicht nur das weiße Amerika, sondern das der Minderheiten. Sie haben sich auf lokaler Ebene als Sozialarbeiter und Aktivisten eingesetzt, bevor sie als Kandidaten für den Einzug ins Repräsentantenhaus gewählt wurden.

Für viele vom linken Flügel der Demokraten gilt Ocasio-Cortez als Hoffnungsträgerin – das Parteiestablishment bleibt gelassen: Nancy Pelosi, Vorsitzende der Demokraten im Repräsentantenhaus, meinte, man solle Ocasio-Cortez’ Sieg nicht überbewerten. Ocasio-Cortez’ Ansichten sind in der Partei im Moment eher nicht mehrheitsfähig. Dafür sind sie zu umstritten. Im Wahlkampf warf die Jungpolitikerin dem Staat Israel vor, ein „Massaker“ an Palästinensern in Gaza verübt zu haben, und zog damit auch viel Kritik auf sich.

Der Sieg von Ocasio-Cortez ist kein Einzelfall. Bei den Vorwahlen der Demokraten sind Frauen auf dem Vormarsch. Fast genau die Hälfte aller Kandidaten für die Wahlen im Herbst sind weiblich – und noch wichtiger: Wenn eine Frau antrat, gewann sie in 71 Prozent der Fälle.

Titelbild: DAVID DEE DELGADO/NYT/Redux/laif

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