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Unklare Verhältnisse

Bettina Wilperts Debütroman „Nichts, was uns passiert“ erzählt von Sex, Einvernehmlichkeit und den widersprüchlichen Erinnerungen an eine Nacht mit Folgen

  • 3 Min.
Bettina Wilpert

Wen interessiert’s? Ganz Leipzig. Ein Doktorand, heißt es, habe eine Studentin vergewaltigt. „Solche Dinge passieren eben“, sagt der Verdächtigte über den aus seiner Sicht einvernehmlichen Sex, und das Schlimme daran ist, dass solche Dinge, wie sie in diesem Buch erzählt werden, wirklich ständig passieren. Insofern ist bereits der Titel eine Fadenscheinigkeit. „Nichts, was uns passiert“ ist das Buch zum Hashtag (#MeToo), der inzwischen, den Gesetzmäßigkeiten der digitalen Erregung gemäß, bereits von den nächsten (#MeTwo und #SheToo) abgelöst wurde. Bald jähren sich die ersten öffentlichen Vorwürfe um Harvey Weinstein, der von den sozialen Netzwerken aus eine Sexismusdebatte ins Rollen brachte. Weltweit berichteten Frauen von ihren Erfahrungen, die Bandbreite reichte von anzüglichem Lächeln über zu lange Umarmungen bis hin zur Vergewaltigung. 

Mit einer solchen haben wir es in Bettina Wilperts Roman zu tun. Oder etwa nicht? Seine Protagonisten lernen sich während der Fußball-WM kennen. Aus Skepsis wird Sympathie, er mansplaint ihr ein bisschen ihre Lieblingsautoren, sie verbringen Bibliothekszigarettenpausen und ein paar Mal die Nacht zusammen, so wie man das eben macht mit Ende zwanzig. Jonas, der gerade aus einer siebenjährigen Beziehung kommt, fürchtet sich vor Annas Liebeswunsch (der im Kopf der meisten Männer scheinbar zu Frauen gehört wie ihre Handtasche) und beendet „die Sache“, noch bevor sie richtig begonnen hat. Bei der Geburtstagsparty eines gemeinsamen Freundes haben die beiden enorm Betrunkenen ein letztes Mal Sex. Jonas sagt: Betrunken, aber einvernehmlich, schließlich mit Kondom! Anna sagt: Gegen meinen Willen.

Hat Anna Nein gesagt, gelallt, und, wenn ja, hat Jonas es nicht gehört, oder wollte er es nicht hören?

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nichts, was uns passiert

Bettina Wilpert: „Nichts, was uns passiert“, Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 168 Seiten

Nein heißt Nein, auch hierzu gibt es einen Hashtag. Das Sexualstrafrecht in Deutschland wurde Ende 2016 überarbeitet, sodass nun der Grundsatz nun gilt, dass bestraft wird, „wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt“. Hat Anna Nein gesagt, gelallt, und, wenn ja, hat Jonas es nicht gehört, oder wollte er es nicht hören? Hat er blaue Flecke auf ihrem Handgelenk hinterlassen, die, als es zwei Monate später zur Anzeige kommt, längst verheilt sind? Lügt Anna, um sich für Jonas’ Ablehnung zu rächen? Oder ist dieser eben doch nicht der brave Frauenversteher, für den ihn alle halten?

Aus diesen Fragen werden im überschaubaren Leipzig, wo auch die 1989 geborene Autorin lebt, erst Mutmaßungen und schließlich Verleumdungen, weil so eine „Sache“ ja niemals nur die Betroffenen betrifft. Dem Protagonisten wiederfährt das, was vor einigen Monaten von einem deutschen Feuilletonisten als „Hexenjagd“ bezeichnet wurde: Er verliert seine Doktorandenstelle, bekommt Hausverbot im besetzten Haus, Freunde wenden sich ab, seine Mutter wird auf offener Straße angespuckt. Anna hingegen verspielt Teile ihrer Glaubwürdigkeit, indem sie ihr traumatisches Erlebnis mithilfe Dutzender One-Night-Stands verarbeitet. Denn, so viel steht fest: Traumatisiert ist Anna, die Frage ist, wie weit sich dieses Trauma in ihrem eigenen Kopf abspielt. Erinnerung funktioniert in Schemen, nicht in Schubladen, heißt es an einer Stelle.

Vergewaltigung oder Fake News?

Wilpert wählt eine nüchterne Sprache und die indirekte Rede. Es ist die Perspektive eines oder einer unbeteiligten Dritten, der oder die „Interviews“ mit den Betroffenen und den Menschen aus deren Umfeld führt, wobei unbeteiligt natürlich nicht stimmt. Plötzlich werden andere Vergewaltigungsopfer durch Jonas’ bloße Anwesenheit getriggert, erinnert sich seine Ex-Freundin an fliegende Geschirrtücher im Pärchenurlaub und seine Studentinnen an sexistische Sprüche. Und hat Anna etwa Daddy Issues? 

Die Stärke dieses literarischen Debüts ist, dass es keine klaren Verhältnisse schafft. Somit berührt es eine andere große Debatte unserer von twitternden Präsidenten bestimmten Gegenwart. Annas Vergewaltigung als Kategorie Fake News? Kurz bevor eine „Sache“ das Leben zweier Menschen für immer verändert, stimmen die Geburtstagsgäste ein Lied von Bertolt Brecht an: „Denn für dieses Leben/ist der Mensch nicht schlau genug/niemals merkt er eben/allen Lug und Trug.“ Und damit ist eigentlich alles gesagt.

Du willst es genauer wissen? In Deutschland gilt: Wer Sex nicht will, muss das deutlich sagen. Nur, wo beginnt Sexual Consent und wo ist Schluss? Fünf Leute berichten vor der Kamera

Titelbild: linonono

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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