Thema – Flucht

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Endstation Libyen

Die Flucht nach Europa endet für viele Menschen in den Internierungslagern der libyschen Regierung. Sebastian Jung war als Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Hier berichtet er von seinen Erlebnissen

Lager in Libyen

Wie ist derzeit die Situation für Flüchtlinge, die über die zentrale Mittelmeerroute Europa erreichen wollen? Mehr dazu in unserem FAQ

„Die offiziellen Internierungslager in Tripolis unterstehen dem libyschen Innenministerium. Hier sind die Leute oft 24 Stunden, sieben Tage die Woche eingesperrt. Die Zellen wurden in ehemaligen Lagerhäusern errichtet, die nicht darauf ausgerichtet sind, Leute unterzubringen. Es gibt keine Möbel und viel zu wenige sanitäre Einrichtungen. Die Menschen sitzen oder liegen auf alten Matratzen. Die Hallen sind brutal überfüllt und schlecht belüftet.

Häufig haben die Leute nur einen Quadratmeter Platz für sich. Es stinkt gottjämmerlich, weil die Hygiene nicht gegeben ist und es den Leuten richtig schlecht geht. Essen gibt es nur wenig, und es ist qualitativ schlecht. Häufig liefern wir Trinkwasser mit Lastern, da die existierenden Wasseranschlüsse mangelhaft sind. Der Gesundheitszustand der Menschen steht in direktem Zusammenhang mit der Art der Unterbringung. Somit sehen wir viele Patienten mit Hauterkrankungen, Infektionen, Durchfällen, Gliederschmerzen und natürlich mit psychischen Problemen.

 „Man spricht immer über die Toten bei der Mittelmeerüberquerung. Über die Menschen, die bei der Durchquerung der Sahara sterben, schweigt man.“

Morgens früh um sieben hat man seine Tagesbesprechung mit dem Team. Zusammen mit den Ärzten, Krankenschwestern und Psychologen machen wir uns auf den Weg Richtung Lager. Wenn wir eine Zelle betreten, strömen bis zu 500 Menschen auf einen zu. Sie stellen Fragen, die man nicht beantworten kann. Was passiert mit ihnen? Können sie nach Hause oder nach Europa fliegen? Wie lange verweilen sie hier? Wo sind ihre Angehörigen? Männer- und Frauenzellen sind getrennt. Oft weiß der eine Partner nicht, was aus dem anderen geworden ist.

Alle diese Leute haben Schlimmes erlebt, bevor sie überhaupt in den offiziellen Internierungslagern gelandet sind. Man spricht immer über die Toten bei der Mittelmeerüberquerung. Über die Menschen, die bei der Durchquerung der Sahara sterben, schweigt man. Die Flüchtlinge wenden sich in ihrer Not oft an Schlepper und gelangen so meistens in die Hände von Menschenhändlern und Milizen, die sie in inoffizielle Lager bringen. Dort sind die Bedingungen katastrophal. UN-Beobachter sprechen von Zwangsprostitution, massiver Folter und Zwangsarbeit. Auch unsere Patienten berichteten uns oft von dem Erlebten, und so mussten wir häufig die psychischen und physischen Wunden gefolterter Menschen behandeln. 

Wenn sie den Weg durch die Wüste und die Etappen durch die Schmugglercamps überstanden haben, werden sie von Schleppern zur libyschen Küste gebracht. Oft werden sie auf die Boote gezwungen. Wenn die Boote von der libyschen Küstenwache abgefangen werden, warten auf die Flüchtlinge die offiziellen Internierungslager in Tripolis. Ungefähr 13.000 Flüchtlinge hat die Küstenwache dieses Jahr schon zurück aufs libysche Festland gebracht.
 

 „Die Flüchtlinge und Migranten haben die Möglichkeit freiwillig von der UN zurück in ihre Heimat geflogen zu werden.“

Wir haben nur Zugang zu den offiziellen Lagern, die von der Regierung in Tripolis betrieben werden. Hier sind auch die UN tätig. Die Lager unterscheiden sich voneinander. In der Hauptstadt Tripolis gibt es eine Handvoll Internierungslager. Wir müssen tagtäglich den Zugang zu den Lagern neu verhandeln. In dem einen ist die Überbelegung das größte Problem, in dem anderen die Behandlung der Leute oder die Qualität des Essens. Meistens jedoch alles zusammen. Es gibt Lager, wo Menschen schon extrem lange verweilen. In manchen warten Leute schon seit sechs Monaten. 

Die Flüchtlinge und Migranten haben entweder die Möglichkeit, freiwillig von der UN-Partnerorganisation IOM (Internationale Organisation für Migration) zurück in ihre Heimat geflogen zu werden. Oder wenn sie das beispielsweise wegen politischer Verfolgung oder Krieg im eigenen Land nicht möchten, können die UN sie in Verteilerzentren im Niger fliegen. Dort können Flüchtlinge direkt Asyl in europäischen Ländern beantragen. Zu meiner Zeit waren jedoch alle Lager im Niger überfüllt, und die Flüge dorthin fanden nicht mehr statt. Beide Optionen sind mit langen – teils monatelangen – Wartezeiten verbunden, während derer die Leute weiter im Gefängnis sitzen.“

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Sebastian Jung (Foto: privat)
(Foto: privat)

Ärzte ohne Grenzen leistet in Krisen- und Kriegsgebieten medizinische Nothilfe. In Libyen ist die Hilfsorganisation seit 2011 aktiv. Sebastian Jung, 40 Jahre alt, koordinierte drei Monate lang den Einsatz vor Ort. Der studierte Geograf arbeitete für Ärzte ohne Grenzen bereits in Haiti, Tschad, Kongo und Libyen.

Titelbild:  TAHA JAWASHI/AFP/Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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