Ein Streit an der Essensausgabe einer Flüchtlingsunterkunft bei Kassel schaffte es im September in die Schlagzeilen: Die Diskussion zweier Männer hatte eine Massenschlägerei mit fast 400 Beteiligten entfacht. Die Menschen gingen mit Stöcken und Reizgas aufeinander los; einige wurden verletzt. Immer wieder kommt es zu solchen Ausbrüchen von Gewalt.

Kaum Privatsphäre, Schlangen vor Duschen, Toiletten und beim Essen. Dazu die Traumatisierung durch die Flucht. Das alles zusammen führt zu Aggressionen

Wesentlicher Auslöser für die Konflikte sind laut Kay Wendel vom Flüchtlingsrat Brandenburg die beengten Verhältnisse in den Einrichtungen. Die Menschen müssten mit „sehr wenig Privatsphäre“ auskommen, sagt der Politikwissenschaftler. Der private Raum bleibe häufig auf das eigene Bett beschränkt; es gibt Schlangen vor Duschen und Toiletten, an der Essensausgabe oder am Herd. Außerdem seien manche Flüchtlinge traumatisiert. „Der Stress aller Beteiligten führt daher schnell zu Aggressionen“, heißt es bei PRO ASYL. Manche sehen auch die Gefahr sexueller Übergriffe auf Frauen und Kinder. „Ich bin in größter Sorge, dass Flüchtlingskinder in Zeltlagern, Turnhallen oder ehemaligen Kasernen nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen geschützt sind“, teilte der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, jüngst mit.

Es gibt verschiedene Ideen, wie man Konflikten in Flüchtlingsunterkünften vorbeugen könnte:

Nach religiöser und/oder ethnischer Zugehörigkeit trennen

Nicht nur der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) fordert die nach Religion und Herkunftsregion getrennte Unterbringung von Flüchtlingen. Wenn zum Beispiel Christen nicht auf engstem Raum mit Muslimen leben müssten, so die Idee, könnte mancher Konflikt vermieden werden. Doch der Ansatz ist umstritten. Laut PRO ASYL wäre die Trennung entlang von Religionszugehörigkeiten ein „fatales Signal“. Als Begründung führt die Menschenrechtsorganisation an, dass gerade das Erlernen von „Toleranz für andere Religionen, Weltanschauungen und Lebensweisen“ eine „wesentliche Voraussetzung für eine gelingende Integration“ in Deutschland sei.

Wohnungen bereitstellen und Flüchtlingen mehr Privatsphäre geben

Eine weitere Möglichkeit, Konflikten vorzubeugen, ist die Unterbringung von Flüchtlingen in Wohnungen. In Bundesländern wie Rheinland-Pfalz und Niedersachsen sind in den vergangenen Jahren vier von fünf Flüchtlingen nach ihrer Zeit in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Wohnungen gezogen. Dort haben die Menschen etwas Privatsphäre und müssen sich nicht um die Benutzung von Kochplatten oder Duschen streiten. Ein weiterer Vorteil: Sie können direkt mit ihren Nachbarn in Kontakt kommen – was wiederum die Integration fördert.

Einen Schritt weiter gehen drei junge Berliner mit ihrem Internetportal „Flüchtlinge Willkommen“: Dort können WG-Bewohner und Anbieter anderer privater Wohnsituationen freie Zimmer melden, in die dann Flüchtlinge ziehen. 177 Vermittlungen in Wohngemeinschaften hat es in Deutschland über dieses Portal schon gegeben.

Doch das hat auch einen Nachteil: Wenn Flüchtlinge in Wohnungen ziehen, stehen diese niemand anderem mehr zur Verfügung. In manchen Regionen mit Wohnungsknappheit könnte sich die Lage verschärfen, Mieten könnten steigen.

Modul-Neubauten mit Ruhe- und Rückzugsräumen

An Neubauten für die Unterbringung von Flüchtlingen führt also mancherorts kein Weg vorbei. Doch wie sollen die neuen Gebäude aussehen? Die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen hat dazu ein Positionspapier veröffentlicht. Die Architekten schlagen vor, einen flexiblen Standardentwurf für Unterkünfte in Holzbauweise zu erarbeiten. Die Neubauten würden aus Modulen bestehen und könnten deshalb schnell und kostengünstig an die jeweilige Baufläche angepasst werden. Die Vorteile des Konzepts: Familien hätten in den Gebäuden mehr Privatsphäre als beispielsweise in Zelten. Zudem sei das Material Holz vergleichsweise schallsicher und würde deshalb eher ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln als ein Stahlcontainer. Die Holzbauten wären also ruhiger – und das könnte Konflikten vorbeugen.

In Marburg wird dieser Tage eine Unterkunft aus Holzmodulen fertiggestellt; fünf weitere sollen folgen. Statt der Großzelte, in denen in der Studentenstadt derzeit einige Hundert Flüchtlinge wohnen, werden Holzbauten mit 26-Quadratmeter-Zimmern für jeweils maximal acht Leute errichtet. Geplant ist, die Häuser so anzuordnen, dass es Rückzugsräume und Treffpunkte für die Bewohner gibt, teilte Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) mit. Ihm zufolge soll in der neuen Wohnanlage ein friedliches „Quartiersgefühl statt Lagermentalität entstehen“.

In Massenunterkünften für Ablenkung sorgen

Angesichts der immer weiter steigenden Flüchtlingszahlen wird aber eines klar: Ohne Massenunterkünfte wird es in absehbarer Zeit wohl nicht gehen. Deshalb muss auch dort etwas getan werden, um Konflikten vorzubeugen, meint Kay Wendel vom Flüchtlingsrat Brandenburg. Er fordert daher, mehr Sozialarbeiter einzustellen und dafür zu sorgen, dass es in den Heimen kleine Rückzugsräume oder Möglichkeiten zur Ablenkung gibt.

Diesen Ansatz unterstützt zum Beispiel auch Til Schweiger: Der Schauspieler finanziert mit seiner Stiftung in Osnabrück unter anderem die Einrichtung eines Musikzimmers und eines Fitnessraums in einer Erstaufnahmeeinrichtung.

Trotz allem wird sich die Situation für einige Asylbewerber demnächst wahrscheinlich noch verschlechtern, vermutet Wendel. Denn seit der jüngsten Asylrechtsverschärfung müssen manche Flüchtlinge – vor allem solche mit „schlechter Bleibeperspektive“ – es länger in den besonders beengten Erstaufnahmeeinrichtungen aushalten. Von dort können sie einfacher abgeschoben werden. „Die neue Gesetzgebung wird die Sache weiter verschärfen“, sagt Wendel: Es sei davon auszugehen, dass Konflikte in den großen Unterkünften zunehmen werden.

Fabian Scheuermann ist Volontär bei der Bundeszentrale für politische Bildung