Juan Zero ist ein bekannter syrischer Karikaturist. Derzeit lebt der 38-Jährige im Exil in der türkischen Stadt Antakya. Vor der syrischen Revolution veröffentlichte er seine Zeichnungen in saudi-arabischen und syrischen Medien und stellte sie sowohl in der arabischen Welt als auch in Europa aus. Heute hat er seine Fans vor allem auf Facebook. Mit seinen Karikaturen dokumentiert er das Geschehen in Syrien. Zero hat außerdem den deutsch-syrischen Verein „Jasmin Baladi“ gegründet, der in der Türkei, Syrien und dem Libanon Workshops für Flüchtlingskinder organisiert: Sie malen, spielen Fußball und versuchen so, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten, die hinter ihnen liegen.

fluter.de: Herr Zero, wie hat sich Ihre Arbeit im Verlauf des Konflikts in Ihrem Land verändert?

Juan Zero: Vor der Revolution waren meine Zeichnungen nicht sehr politisch. Es ging um Alltägliches, die Wirtschaft, Soziales. Um sie in Syrien veröffentlichen zu können, mussten meine Karikaturen relativ harmlos sein. Aber letztlich ist jede Karikatur politisch. Es muss nicht immer um den Präsidenten gehen. Manchmal ist es viel stärker, wenn man die Unterschiede zwischen Arm und Reich thematisiert. Das Soziale wird zum Politischen. Als die Revolution dann losging, hatte ich das dringende Bedürfnis, mich dem zivilen Widerstand anzuschließen. Das zu tun, was in meiner Macht steht. Von da an wurden meine Karikaturen direkter und provokativer.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie dachten: „Jetzt muss ich aktiv werden?“

Ich saß in einem Internetcafé in Damaskus. Von dem Café aus habe ich immer gearbeitet. Dann habe ich die Nachricht über die ersten Demonstrationen gehört. Ich war so glücklich, dass in Syrien endlich etwas passiert. Ich hatte das Gefühl, dass es etwas zu berichten gibt, etwas, das raus muss. Aber wir Araber sind sehr schlecht im Journalismus. Vor allem weil unsere Presse alles andere als frei ist.

Gleichzeitig wurde es aber gefährlich für Sie.

Stimmt. Es war unmöglich, von Syrien aus zu arbeiten. Zuerst habe ich es trotzdem getan und mir ein Pseudonym zugelegt. Die Zeichnungen habe ich dann an Freunde in den USA geschickt, die sie auf verschiedenen Websites und auf Facebook veröffentlichten. Das Problem war nur, dass ich einen ganz bestimmten Stil habe. Irgendjemand innerhalb des Regimes hat ihn wiedererkannt. Sie sind in das Internetcafé gegangen, wo ich immer war, und haben mit meinem Facebook-Profilbild nach mir gesucht. Zum Glück war ich an diesem Tag nicht da. Dann bin ich sofort in die Türkei geflohen. Hier habe ich dann noch intensiver gearbeitet und jeden Tag mindestens eine Zeichnung veröffentlicht.

Ihr Pseudonym hieß „Che“ – wie Che Guevara. Warum?

Ich nannte mich so, aber ich bin kein Kommunist. Ich fühle mich keiner politischen, ethnischen oder religiösen Gruppe zugehörig. Wir haben sie alle schon kommen und gehen sehen. Ich orientiere mich an der humanitären Seite. Auch in meinen Karikaturen kritisiere ich alle: das Regime, die Opposition, die internationale Gemeinschaft, die Islamisten.

Haben Sie es jemals in Erwägung gezogen, sich auf andere Weise in die Revolution einzubringen?

Jede politische Gruppierung macht früher oder später Fehler oder wird korrumpiert. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, Zeichnungen zu machen und mit Kindern zu arbeiten. In Reyhanli, direkt an der syrischen Grenze, haben wir Räume gemietet, in denen die Kinder spielen, malen und Musik machen können. Wir gehen auch in Krankenhäuser und Flüchtlingslager. Ich versuche, neutral zu sein und den Kindern eine Basis zu geben, von der aus sie dann selbst entscheiden können, wenn sie so weit sind. Ich will nah bei den Menschen sein, sie aber auch immer provozieren, wenn ich kann.

Fühlen Sie sich heute sicher in der Türkei?

Ich habe immer noch Angst, die Bedrohung besteht nach wie vor. Aber ich will hierbleiben. Ich habe auch schon in den USA Asyl beantragt und dort drei Monate gelebt. Damals wollte ich Distanz zum Regime. Aber jeder, der sehr weit weg wohnt, wird isoliert und hat nichts mehr mit dem zu tun, was in Syrien passiert. So habe ich das empfunden. Deswegen lebe ich lieber mit dem Risiko in der Türkei. Mit den Kindern hier zu arbeiten ist effektiver, als in den USA zu sitzen und nur zu zeichnen. Manchmal fahre ich auch nach Syrien hinein, um Workshops in den Flüchtlingslagern zu machen.

Wie sieht die Bedrohung aus, von der Sie sprechen?

Ich bekomme Drohnachrichten auf Facebook von Leuten, die mir meine säkulare Einstellung vorwerfen. Das passiert recht häufig, aber dann verschwinden diese Accounts wieder. Zuletzt hatten wir bei unseren Workshops in Syrien Probleme mit Anhängern der Al-Nusra-Front, einer al-Qaida nahestehenden Gruppe. Sie haben uns bedroht, und wir konnten nicht weiter dort arbeiten.

Sie erzählen das so selbstverständlich und scheinen an diese Gefahr seit dem Beginn Ihrer Karriere gewöhnt zu sein. Für Ihre Kollegen in der Pariser Redaktion der Zeitung „Charlie Hebdo“ war die Bedrohung vermutlich weniger konkret. Und doch hat es sie getroffen. Wie haben Sie reagiert, als Sie von den Attentaten gehört haben?

Was in Paris passiert ist, ist eine Katastrophe. Diese Extremisten vermischen Religion mit Wut und sehen Gewalt als einfachste Lösung an. Gewalt löst aber keine Probleme.

Hätten die Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ vorsichtiger sein sollen?

Unsere muslimische Gesellschaft hat eine rote Linie: Das ist die Religion. In Europa gibt es andere rote Linien, obwohl dort Demokratie herrscht. Das hat mit der Gesellschaft und ihren Werten zu tun. „Charlie Hebdo“ hätte nicht vorsichtiger sein müssen. Aber es war auch keine Überraschung, dass irgendwann etwas passiert.

Was hat diese Tat mit dem Islam zu tun?

Es gibt immer Leute, die einen extremen Weg einschlagen und den anderen sagen wollen, wie sie zu leben haben. Die einen sind moderat, die anderen extrem. Das ist in jeder Religion so.

Wie wurden die Ereignisse in Paris hier aufgenommen?

Die Syrer sind gespalten zwischen Akzeptanz und Ablehnung. Das Volk leidet stark, auch wegen des Versagens des Westens. Die eine Gruppe findet es gut, was passiert ist, weil sie ihre Frustration und die Wut auf den Westen mit Religion vermischt. Die andere Gruppe verurteilt es. Es gab aber meines Wissens keine islamischen Verbände, die mit der Zeitung gesprochen und versucht haben, eine politische Lösung für das Problem mit der Prophetendarstellung zu finden. Es gab nie eine ernst zu nehmende Debatte.

Es hätte also mehr geredet werden sollen?

Vertreter des Islam hätten mit der Zeitung reden sollen. Das Problem ist aber auch, dass es nicht einen Vertreter gibt wie etwa bei der katholischen Kirche. Es gibt die gemäßigten Imame und die Extremisten. Jemand hätte friedlich mit der Zeitung reden sollen, um Verständnis zu schaffen. Die einzigen Versuche waren, soweit ich weiß, gerichtliche Klagen. Aber so finden sich keine Lösungen. Wenn ich ein Problem mit dir habe, dann rede ich mit dir, und danach kann ich dich immer noch verklagen. Auf die Kommunikation vor der Klage kommt es an.

Sie sind doch selbst Karikaturist, würden Sie sich denn auf einen Kompromiss einlassen?

Wenn ich nicht von den Argumenten überzeugt wäre, würde ich meine Kritik nicht einschränken. Und ich ließe mich sicher nicht von Kommunikation aus der Ferne überzeugen. Wenn aber jemand versucht, offen und in direktem Kontakt mit mir zu sprechen, würde ich vielleicht einsehen, dass jetzt nicht der richtige Moment für eine bestimmte Karikatur ist oder dass meine Kritik große Probleme bei Menschen auslöst oder sogar Gewalt. Dann würde ich vielleicht noch einmal über meine Arbeit nachdenken. Das Problem ist die Kommunikation. Ich bin, was die Karikaturen von „Charlie Hebdo“ angeht, auch gespaltener Meinung. Ich weiß nicht, ob ich sie gut finde.

Sie hatten also kein sofortiges Gefühl der Solidarität mit den Kollegen in Paris?

Doch, natürlich. Als Karikaturist weiß ich, dass ich in der gleichen Situation sein könnte. Und das mit weniger provokativen Zeichnungen und einfacheren Themen. Ich lebe mit der gleichen Bedrohung. Weil ich hier in der Türkei bin, denke ich immer darüber nach, wie kritisch und provokativ meine Zeichnungen sein dürfen.  In jedem Land herrschen andere Gesetze. Die Karikaturisten in Paris haben viel mehr Freiheiten.  Es war ihre Freiheit, das zu zeichnen, was sie wollten. Sie leben in einem Land, das ihnen diese Freiheit gibt. Niemand hatte das Recht, sie zu bedrohen oder zu töten.