Wir kennen Europa und wir kennen es doch nicht. Als „EasyJetset“ fliegen wir zum Partymachen an jedem Wochenende in eine andere angesagte Hauptstadt. Wir können im Internet das Sofa anderer buchen, um bei ihnen zu übernachten und so einfach und unkompliziert Menschen vor Ort kennenzulernen. Die Finanzkrise zwingt viele junge Europäer sogar dazu, auf der Suche nach Arbeit in ein anderes Land zu ziehen, sich immer wieder auf Neues einzulassen, Brüche in Kauf zu nehmen, sich in der Ferne ein neues Zuhause zu schaffen.

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Selig sind die Schlafenden. Aber wo in Europa kommen die Menschen am besten zur Ruhe? (Foto: Christoph Kniel/Ostkreuz)

Selig sind die Schlafenden. Aber wo in Europa kommen die Menschen am besten zur Ruhe?

(Foto: Christoph Kniel/Ostkreuz)

So werden viele junge Erwachsene gerade zu den eigentlichen Experten des Kontinents – und trotzdem bleiben Stereotype.EUROPOLY begibt sich mit Film- und Theaterproduktionen auf die Reise, um von diesem neuen Europa zu erzählen. Ausgangspunkt der Filme sind Statistiken. Datenmaterial, das zum Leben erweckt werden soll.

Die Idee zu EUROPOLY hatte Johanna Keller, bis vor kurzem Leiterin des Goethe-Instituts in Litauen. Sie hatte sich über die Vorurteile geärgert, die ihr über Land und Leute begegnet sind – ebenso wie ihre Kollegen aus den benachbarten Instituten in Mittel- und Osteuropa. „Da haben wir uns gefragt: Wie können wir ein überraschendes Bild von Europa zeichnen?“

Besonders wenn es um die Finanzkrise gehe, sei schnell nur von den „großen Playern“ die Rede, befand sie, offensichtliche oder vermeintliche Fronten wie „Deutschland gegen Griechenland“ würden gebildet. Keller und ihre Kollegen machten sich zunutze, dass in der EU viele Daten erhoben werden: „Wir wollten Paare gegenüberstellen, die man so nicht erwartet hätte.“

Umgedrehte Ethnographie

In einem allerersten Brainstorming überlegten sie, welche Statistiken spannend wären: Wo gibt es die meisten Selbstmorde? Wo die meisten Waffen? Wo wird am meisten Joghurt gegessen? Bei der Recherche stießen sie auf  YouTube-Videos, in denen Statistiken von Moderatoren erklärt werden: „Das war sehr kurzweilig“, sagt Keller. Die Gruppe merkte, dass sie keine nackten Zahlen präsentieren wollte: Sie wollte über Statistiken Kurzfilme drehen.

Der erste Schritt: Die Gruppe engagierte Dorothee Wenner, eine in Berlin lebende Filmemacherin, die auch als Kuratorin für die Berlinale arbeitet. Sie sollte sich auf die Suche begeben nach geeigneten Filmemachern und Protagonisten sowie spannenden Statistiken. Wovon Wenner im ersten Moment alles andere als begeistert war: „Wenn ich vor mir eine Statistik habe, dann entsteht vor meinem inneren Auge erstmal kein Film.“ Aber dann erdachte sie einen Twist, der aus den Zahlen eine Geschichte macht: Eine bekannte Persönlichkeit aus dem Land des einen statistischen Extrems wird ins Land des anderen Extrems geschickt, um dessen Erfolge oder Misserfolge zu erforschen. Und die Kamera ist mit dabei. Wenner nennt das „umgedrehte Ethnografie“.

Ein Beispiel: In einer Statistik haben Italiener angegeben, niemanden fragen zu können, wenn sie Hilfe brauchen. Dänen hingegen stellten sich als die Gruppe mit dem besten sozialen Netzwerk heraus. Also schickten sie einen jungen Schriftsteller aus Italien nach Dänemark und lassen das von einer jungen dänischen Regisseurin filmen.

Die Methode war gefunden, doch der Weg zu den geeigneten Statistiken mühsam: „In der Praxis habe ich mich im Zahlendschungel verloren“, sagt Wenner. „Ich konnte mich bald nicht mehr zurechtfinden zwischen ‚konsumiertem Rindfleisch pro hunderttausend Einwohnern‘ und ‚Zement pro Haus in Quadratmeter‘.“ Schnell wird ihr klar: Sie braucht strenge Auswahlkriterien. Die Statistiken dürfen nicht vor Beginn der Finanzkrise 2009 veröffentlicht worden sein und müssen mit stereotypen Erwartungen brechen. Das Wichtigste aber ist, dass sie den Filmemachern das Erzählen ermöglichen.

„Deutschland ist immer im Mittelfeld“

Da möglichst viele Länder vorkommen und sich immer die Extreme treffen sollten, waren die Probleme vorprogrammiert: „Deutschland ist immer im Mittelfeld“, sagt Wenner. „Dänemark ist immer Klassenbester und Rumänien immer ganz unten.“ Sie war froh, als sie endlich Statistiken fand, in denen auch diese Länder an interessanter Stelle in den Extrempositionen stehen.

Eine dieser Statistiken ist die der WHO über Schlaflosigkeit: In Deutschland schlafen die Menschen außerordentlich schlecht, in der Türkei hingegen sehr gut – dabei erlebte das Land große soziale Auseinandersetzungen wie die Gezi-Park-Proteste und den Kurdenkonflikt, nicht zuletzt leben die Menschen in direkter Nähe zum islamischen Terror des IS. „Normalerweise denkt man doch: Wenn alles in Ordnung ist, schläft man besser“, sagt Wenner. „Man hat ein Haus, ein stabiles Einkommen. Man braucht sich keine Sorgen zu machen, ob man morgen etwas zum Frühstück hat. Man kann relativ sicher sein, dass einem kein Terroranschlag das Ende des Lebens beschert. Und ausgerechnet da, wo alles sicher, normal und beständig zu sein scheint, schläft der Einzelne nicht mehr. Das finde ich total verblüffend.“

Um herauszufinden, ob eine Statistik überraschend ist, macht Wenner den Test: „Ich hab Freunde gefragt: ‚Wo glauben die Leute, dass Ausländer gut integriert sind?‘“ Namen wie London, Kopenhagen und Paris fielen. Nur einer der Befragten war von der statistischen Wahrheit nicht überrascht – er lebte lange Zeit in Cluj, Rumänien. Langsam wird klar: Es scheint eine gefühlte Wahrheit über Europa zu geben, die über unsere Vorurteile mehr aussagt als über die Fakten.

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Tatsache: In der Türkei schlafen die Menschen am besten, allen sozialen Konflikten um Gezi und Co. zum Trotz (Foto: picture-alliance/dpa)

Tatsache: In der Türkei schlafen die Menschen am besten, allen sozialen Konflikten um Gezi und Co. zum Trotz

(Foto: picture-alliance/dpa)

Doch es gab auch Statistiken, die die Kuratorin ablehnte, weil sie ihrer Meinung nach ein verzerrtes Bild erzeugen, obwohl sie ja Fakten präsentieren. So befand eine im Mai 2014 veröffentlichte OECD-Studie, Deutschland sei zweitbeliebtestes Einwanderungsland nach den USA. Wenner erinnerte sich an den triumphalen Medienrummel, der nach der Veröffentlichung einsetzte. „Ich finde das ziemlich verlogen in einem Land, das gerade erst so richtig anfängt, sich mit Einwanderung zu beschäftigen.“

Die Kuratorin gibt zudem zu bedenken, dass viele Statistiken von privaten Unternehmen in Auftrag gegeben werden: „Leute leben davon.“ Die meisten Statistiken über Haustiere gebe es von Kleintierfutterfirmen. „Auch wenn ich in einem Autoliebhabermagazin etwas über die beliebtesten Kleinwagen lese, ist das nicht besonders abgesichert.“ Laut offiziellen Zahlen gibt es in Zypern die meisten Waffen pro Einwohner, osteuropäische Länder wie Ungarn, Litauen und Slowenien folgen. Wenner traf auch auf eine Schweizer NGO, die das in Frage stellte. „Da geht es um Zählmethoden“, sagt Wenner. „Und man muss sich fragen, wer ein Interesse daran hat, wie konkret die Statistiken sind.“

Auch die dänische Filmemacherin Vibeke Bryld hat sich zunächst sehr über die ihr zugedachte Statistik gewundert, wonach sich ihre Landsleute im Bedarfsfall fast immer an Nachbarn, Freunde oder Familie wenden können: „Es gehört zum Allgemeinwissen, dass eines der größten sozialen Probleme in Dänemark die Einsamkeit ist“, sagt sie.

Die wichtigen Details finden sich im Kleingedruckten

Bryld schaute deshalb noch einmal genauer in die 2010 veröffentlichte Untersuchung von Eurostat – dem Statistischen Amt der Europäischen Union. Und siehe da: Im Begleittext steht eine Einschränkung, die das Ergebnis in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Die Bezugsperson, nach der gefragt wurde, muss sich außerhalb des eigenen Haushaltes befinden. Bryld vermutet, dass in Italien viele Menschen in Familien leben, Dänen hingegen leben oft allein.

„Statistiken sind unglaublich irreführend, weil sie so tun, als ob sie eine objektive Wahrheit präsentieren“, sagt die Filmemacherin. „Aber wenn man sie sich genauer anschaut, gibt es einen Kontext, kleine Anmerkungen oder Umstände, die es unglaublich schwierig machen, eine Schlussfolgerung zu ziehen.“

Und tatsächlich: Schaut man in die Fußnoten der Statistik, werden weitere Einschränkungen aufgelistet. So ist vermerkt, dass es bei der Befragung der Dänen einen „Programmierfehler“ gab: Die anderen Aussagen, die in diesem Kontext entscheidend waren – dass man sich nie mit Freunden oder Verwandten treffe, dass man nie Kontakt mit Freunden oder Verwandten habe oder sogar alles zusammen zuträfe –, wurden gar nicht zur Wahl gestellt. In Frankreich wurde eine spezifische Untergruppe befragt – Menschen, die tatsächlich akut Hilfe benötigten. Die Antworten aus Großbritannien wurden gar nicht erst gewertet, bezeichnenderweise heißt es zur Begründung: „Die Frage unterschied sich zu sehr von der, die in anderen Ländern gestellt wurde.“

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Das sagt jedenfalls die Statistik. Doch manchmal fokussiert sie sich auf Zahlen, ohne das Umfeld zu offenbaren. Ohne Kontext kann man den Gehalt einer Zahl nur schwer erfassen (Foto: picture-alliance/dpa)

Das sagt jedenfalls die Statistik. Doch manchmal fokussiert sie sich auf Zahlen, ohne das Umfeld zu offenbaren. Ohne Kontext kann man den Gehalt einer Zahl nur schwer erfassen

(Foto: picture-alliance/dpa)

Bryld gibt zu bedenken, dass es auch kulturelle und individuelle Unterschiede gebe, Hilfsbedürftigkeit zu definieren: „Manche denken vielleicht: Wenn ich Möbel rücken oder einen Nagel in die Wand schlagen muss, kann ich da jemanden anrufen? Andere denken: Wenn ich in die Notaufnahme muss oder kurz davor bin zu sterben, kann ich da jemanden um Hilfe bitten?“

Wie also mit solchen Zahlen umgehen, zumal künstlerisch? Bryld hatte gleich den Impuls, die Statistik in Frage zu stellen. „Ich werde bestimmt keinen Film darüber drehen, warum Dänen sich gegenseitig so gut helfen“, sagt sie. Eine Idee sei, einen sehr abstrakten Film zu drehen. Sie habe darüber nachgedacht, in einem einfachen, selbstgebastelten Haus aus Papier zu filmen, wie es das Cover eines Buches des italienischen Schriftstellers ziert, der der Protagonist ihres Filmes werden soll. Eine andere Idee sei, an dem für sie glücklichsten Tag des Jahres zu drehen – Mittsommernacht. „Das Schöne an Mittsommer ist – im Gegensatz zu Weihnachten, Ostern oder Silvester – dass man nicht eingeladen werden muss“, sagt sie. „Man kann ganz einfach kommen.“

Ellen Wesemüller ist freie Journalistin. Für das Projekt EUROPOLY arbeitet sie als Online-Redakteurin.