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Ihr habt doch einen an der Klatsche

Fliegen räumen unseren Dreck weg und werden dafür gejagt

  • 3 Min.
Illustration: Frank Höhne

Abends auf der Terrasse, zu zweit. Die eine lehnt sich im Sessel zurück, legt die Füße auf den Tisch, schließt ihre Augen, entspannt. Einen Moment lang ist alles ruhig. Bis sich die andere nähert und schließlich auf das hochgelegte Bein setzt. Dort beginnt sie, sich zu säubern. Zuerst mit der rechten Hand hinters Köpfchen, dann mit der linken. Währenddessen hat Erstere ihre Augen wieder geöffnet, sich ein wenig geschüttelt und dann die Hand gehoben, um dem Plagegeist den Garaus zu machen. Der Fliege. 

Sie nervt, sie ist eklig. Sie setzt sich auf den braunen Haufen, den man normalerweise so schnell wie möglich im Klo runterspült, und danach auf eine Banane, die man gerade frisch geschält hat. Zwei Flügel, Mundwerkzeuge und Saugnäpfe an den Füßen, noch zwei zurückgebildete Flügel, sogenannte Halteren, die zur Stabilisierung des Fluges dienen.

Bereits im Larvenstadium ist die Fliege, im Gegensatz zur Biene, ziemlich aktiv. Die Eier werden in Müll oder Lebensmittel, aber auch auf tote Tiere oder Kot gelegt, damit sich die Larven dort von den organischen Substanzen ernähren können. Dabei zersetzen sie diese und helfen bei der Produktion von Humus, sprich: fruchtbarem Boden. Ebenso töten sie Schädlinge und sind Futter für Vögel. Als ausgewachsene Fliegen knabbern sie weiter genüsslich unter anderem an all dem, was wir Menschen und viele andere Tiere nicht mehr essen würden, bereits gegessen haben oder was nach dem Tod von uns übrig bleibt. Der Aufräumtrupp sozusagen.

Fliegen ähneln dem Menschen zu 60 Prozent

Erfreut über ihre Anwesenheit sind wir dennoch nicht. Denn sie symbolisiert Gestank und Tod, aber auch Hartnäckigkeit. Der Renaissancemaler Giotto di Bondone po­sitionierte in einigen seiner Gemälde Fliegen, die nichts mit dem Bildkonzept gemein hatten, um bei den Betrachtenden Verwirrung zu stiften und die Frage auszulösen: Echt oder nicht echt? Totklatschen oder leben lassen?

Die Jagd nach einer Fliege scheitert meist krachend. Das liegt daran, dass unsere Hand beim Versuch, eine Fliege zu erwischen, aus deren Sicht nicht auf sie zurast. Sie ruckelt eher. In etwa so, als würde man sich einen Diavortrag ansehen. Grund dafür ist, dass die Fliege 200 Bilder pro Sekunde wahrnehmen kann, der Mensch nur 20. Bewegungen sieht sie also quasi in Zeitlupe. Ebenso hat sie alles im Blick. Mit ihren Facettenaugen kann sie beinahe 360 Grad um sich schauen. Aber sie ist nicht immer nur die Gejagte, sondern manchmal auch die Jägerin. Die Gruppe der Raubfliegen erbeutet durch Injektion ihres starken Giftes sogar andere, größere Insekten wie Wespen.

Fliegen sind weltweit Lebensbegleiterinnen. Vom Anfang bis zum Ende und darüber hinaus. Sobald ein Mensch oder ein Tier stirbt, sind sie als Erste zur Stelle. Anhand der Fliegen-Entwicklungsphase können Forensiker erkennen, wie lange jemand bereits tot ist. Und beim Erforschen von Demenz helfen sie auch noch. Denn die DNA der Fliege ähnelt zu 60 Prozent der des Menschen. Statt an Mäusen werden daher auch Versuche an Fliegen durchgeführt. Das spart Zeit, da Fliegen eine kürzere Lebensdauer haben und sich schneller vermehren. Ebenso schützt das deutsche Tierschutzgesetz sie weniger stark als Wirbeltiere. Sind ja nur Fliegen.

Illustration: Frank Höhne

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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