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Es irgendwie schaffen

Leben auf kleinstem Raum? Kenneth Omondi lebt mit seiner Familie in einem Slum in Kenia. Das ist sein Bericht

Slum, Kenia, Armut

Eigentlich heiße ich Kenneth Omondi, aber alle, die mich kennen, nennen mich Ken. Ich bin 31 und seit zehn Jahren Motorrad-Taxifahrer. Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Vor acht Jahren bin ich aus meinem Dorf in die Hauptstadt Nairobi gezogen. Auf dem Land war es langweilig, und Jobs gab es auch keine. Allerdings bin ich schließlich in Kibera gelandet, genauer gesagt im Dorf Lindi, weil schon mein Vater hier wohnte. Lindi bedeutet so viel wie „Loch“ oder „Abfluss“. Vielleicht heißt es so, weil das Abwasser hier offen zwischen den Lehmhütten fließt, aber das ist eigentlich in allen Teilen Kiberas so. Hier gibt es nur eine Hauptstraße. Verlässt man die, balanciert man über schmale, unebene Wege, die wegen des Abwassers rutschig sind.

Ich lebe hier mit meiner Familie: meiner Frau Janet, meinen Töchtern Juliece (11) und Ezna (8), unserem Jüngsten Brawin (4) und meiner Nichte Dota (11).

Zwei Räume für sechs Menschen, eine Katze und ein Motorrad

Wir teilen uns zwei gleich große Räume mit Lehmwänden, einem Wellblechdach, ohne Fenster. Jeder Raum misst ungefähr vier Meter mal vier Meter. Den einen nutzen die Mädchen nur zum Schlafen, den anderen – unser „Haupthaus“ – haben wir in der Mitte mit einer Gardine abgeteilt. Auf der einen Seite schlafen meine Frau und ich mit dem Kleinen, auf der anderen Seite stehen unsere Sofas und ein Tisch, Kocher, Geschirr, Kleidung, Fernseher. Die zwei Fahrräder der Kinder stapeln wir in den freien Ecken. Vor Kurzem ist auch noch eine streunende Katze bei uns eingezogen. Nachts parke ich auch noch mein Motorrad im Haus, sonst würde es mir geklaut werden. Davon abgesehen mache ich mir aber keine Gedanken um Sicherheit. Die Leute in Kibera wohnen eng beieinander, sie erkennen sofort, wer hier nicht hergehört. So passen wir aufeinander auf.

Da meine Frau nicht arbeitet, sorge ich finanziell allein für uns. Die beiden Räume kosten umgerechnet 50 Euro Miete im Monat. Mit neun anderen Familien, die in ähnlichen Räumen wohnen wie wir, teilen wir uns Plumpsklo und Dusche. Die Dusche ist nur ein Verschlag mit einem Abfluss für das Wasser, das wir selbst mitbringen müssen. Wir verbrauchen als Familie etwa 60 Liter Wasser pro Tag zum Trinken, Kochen, Duschen und Waschen. Meine Frau kauft es in 20-Liter-Kanistern in einem Laden ein paar Minuten entfernt und trägt es nach Hause. Dafür geben wir etwa acht Euro im Monat aus.

Morgens sieben in Kenia: Tee und Weißbrot

Zum Glück haben wir einen Stromanschluss direkt im Haus. Der versorgt eine Glühbirne gleich neben dem Eingang. Zwei Steckdosen liefern Strom für den Fernseher, das Radio, das Bügeleisen und um mein Handy aufzuladen. Das kostet noch einmal fünf Euro pro Monat. Die Mahlzeiten bereitet meine Frau auf dem Kerosinkocher zu. Wir frühstücken alle zusammen um sieben Uhr früh süßen Tee und Weißbrot, bevor die Kinder zur Schule gehen und ich zur Arbeit.

Ich schicke meine Kinder auf kleine private Schulen, für die ich Gebühren zahle. Die sind zwar kaum besser als die kostenlosen öffentlichen Schulen, aber die Klassen sind dort mit bis zu 100 Schülern viel zu groß. Meine Kinder sollen das beste Lernumfeld haben, das ich mir leisten kann, damit sie mal nicht so enden wie ich: Ich bin nur fünf Jahre zur Schule gegangen, weil ich keine Lust hatte aufs Lernen und zu stur war, um auf meine Eltern zu hören. Als Motorrad-Taxifahrer habe ich vielleicht zehn Fahrten am Tag. Es ist ein täglicher Kampf, aber wir schaffen es irgendwie.

Titelbild: Paul Kariuki Munene

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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