Im Jahr 1970 erklärten die Industrieländer im Rahmen der Vereinten Nationen, zumindest langfristig 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit ausgeben zu wollen. Deutschland hatte die sogenannte ODA-Quote (ODA ist die Abkürzung für Official Development Assistance) 35 Jahre später aber immer noch nicht erreicht, ebenso wie viele andere Industrieländer. Deshalb beschlossen 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Jahr 2005, die 0,7 Prozent bis zum Jahr 2015 erreichen zu wollen. Auch daran ist Deutschland gescheitert – im Gegensatz zu Großbritannien, Dänemark, Norwegen, Luxemburg und Schweden. Im Jahr 2014 lag die ODA-Quote Deutschlands laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bei 0,41 Prozent (2013: 0,38 Prozent).

Nichtstaatliche Organisationen wie Oxfam oder Brot für die Welt haben in den vergangenen Jahren verstärkt gefordert, das reiche Deutschland müsse diese Quote endlich erreichen. Der Verband Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe,dem die NGOs angehören, nennt als wichtige Bereiche, in denen Entwicklungsländer dringend mehr Geld benötigen, unter anderem den Klimaschutz, die ländliche Entwicklung, humanitäre Hilfe und die Gesundheitsvorsorge.

Selbst Regierungsvertreter haben allerdings in den vergangenen Jahren angezweifelt, dass sie das 0,7-Prozent-Ziel erreichen werden. Im Jahr 2012 bezeichnete der damalige Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel (FDP), das Ziel gegenüber der „Rheinischen Post“ als „Lebenslüge“. Ein stabiler Haushalt sei dem Bundestag wichtiger als die Erhöhung der ODA-Quote, sagte Niebel.

Die aktuelle entwicklungspolitische Sprecherin der CDU, Sibylle Pfeiffer, sagt gegenüber fluter, sie halte das Ziel für wichtig, deshalb stehe es auch im Koalitionsvertrag. Andere Faktoren könnten aber mindestens genauso relevant für die Entwicklungsländer sein. „Insofern finde ich das 0,7-Prozent-Ziel nach wie vor wichtig, sehe aber auch, dass andere Faktoren für das Erreichen von Zielen und Ergebnissen bedeutender sein können – etwa die sogenannten Rücküberweisungen, also jenes Geld, das Migranten an ihre Angehörigen in Entwicklungsländern transferieren."

Felix Ehring arbeitet als freier Journalist. Bei der Recherche wurde ihm von Zahl zu Zahl klarer: Ob es nun um Armut, Geburten, Arbeitslosigkeit oder Klimaschutz geht – Interessengruppen führen eine teilweise erbitterte Debatte um die Deutungshoheit dieser Zahlen. Und: Einige Journalisten vermelden amtliche Zahlen einfach, ohne sie zu hinterfragen und einzuordnen. Dabei gilt für jede Zahl: Sie sagt nicht nur etwas aus, sie verschweigt auch etwas.