Thema – Klimawandel

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Wie wir den Amazonas retten können

Dafür braucht es: die indigene Bevölkerung, mehr Hilfsgelder und 3D-Drucker für die Schokoladen-Produktion. Gespräch mit dem brasilianischen Klimatologen Carlos Nobre

Foto:  VICTOR MORIYAMA/NYT/Redux/laif

Fluter.de: Mehr als 100.000 Feuer toben immer noch in der Amazonas-Region. Was unternimmt Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro gegen die Brände?

Carlos Nobre: Seine Antwort auf die Brände und den internationalen Druck ist, die Armee hinzuschicken, um Feuer zu löschen. Das wird aber nicht reichen, weil sich die Feuer schwer bekämpfen lassen. Seine Regierung macht zu wenig, um den Regenwald nachhaltig zu schützen. Sie hat das Budget der Umweltbehörden gekürzt, die Umweltkriminelle verfolgen, Naturschutzgebiete überwachen und managen. Im Kongress gibt es viele Gesetzesvorschläge, die den Schutz des Waldes schwächen würden. Wegen der internationalen Aufmerksamkeit ist der Parlamentspräsident derzeit vorsichtig und bremst. Aber wer weiß, wie das weitergeht, wenn die nationale und internationale Aufmerksamkeit abebbt.

Deutschland und Norwegen haben die Mittel für den Amazonas-Fonds, der brasilianische Wald- und Klimaschutzprojekte unterstützt, wegen der massiven Abholzungen eingefroren. Welche Folgen wird das haben?

Die Nichtregierungsorganisationen (NRO) wird das weiter schwächen. Sie setzen sich für den Schutz des Waldes ein, arbeiten mit indigenen Gemeinden, schulen sogar Farmer, um Feuer sorgsam einzusetzen. Bolsonaro sieht die NRO als Feinde an. Viele werden aus dem Amazonas-Fonds finanziert. Norwegen und Deutschland haben in den vergangenen zehn Jahren zusammen 1,2 Milliarden Dollar gegeben. Zwischen den Geldgebern des Fonds und der jetzigen brasilianischen Regierung gab es aber keine Einigung über die Verwendung der Gelder. Dieses Jahr wurden deshalb keine neuen Projekte genehmigt.

„Die Ineffizienz der Rinderzucht im Amazonas-Gebiet ist enorm“

Was kann die internationale Gemeinschaft tun, um die Wälder zu schützen?

Tropische Wälder speichern riesige Mengen Kohlenstoff. Der Amazonas-Fonds hat gut funktioniert. Er basiert auf dem REDD+-Mechanismus, der Regierungen belohnt, wenn sie Wald bewahren. Diese Ökosystemdienstleistung muss aufgewertet und der derzeitige Preis verfünf- bis verzehnfacht werden. Damit könnten wir eine ganz andere Entwicklung gestalten.

Raoni Metuktire (Foto: Samuel Boivin/NurPhoto via Getty Images)

„Wir glauben, dass Bolsonaros Politik die Bauern ermutigt hat, die Feuer zu legen. Eine solche Haltung eines Präsidenten haben wir bis heute nicht erlebt,“ sagte Raoni Metuktire, Häuptling des Amazonas-Volkes der Kayapóe, am Rande des G7-Gipfels in Frankreich. Diesen Sommer reiste er durch 17 Staaten, um zum Erhalt des Amazonas-Regenwaldes und der Ureinwohner aufzurufen

(Foto: Samuel Boivin/NurPhoto via Getty Images)

REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) bezeichnet einen Finanzierungsmechanismus, um den Schutz von Wäldern als Kohlenstoffspeicher attraktiver zu machen. Pro Tonne CO2, die nicht durch Waldzerstörung in die Atmosphäre gelangt ist, sollen die Regierungen des globalen Südens und die lokale Bevölkerung Geld erhalten.

Wie sähe diese andere Entwicklung aus?

Langfristig lässt sich der Amazonas-Regenwald nur mit einer neuen, nachhaltigen Wirtschaft retten. Ich nenne sie „Amazonas 4.0“: ein Mittelweg zwischen absolutem Umweltschutz und ressourcenintensiver Entwicklung, wie sie die meisten Amazonas-Länder anstreben. Das schaffen wir, wenn wir die Biodiversität des Regenwalds als Grundlage nehmen und mit moderner Technologie und traditionellem Wissen verbinden. Schon heute werden von der Agrarforstwirtschaft im brasilianischen Amazonas-Regenwald mit der Açai-„Wunderbeere“, Kakao und ein paar anderen Produkten 1,8 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Dabei werden sie erst auf 4.000 Quadratkilometern angebaut.

Lohnt sich das tatsächlich mehr als Soja und Viehzucht?

Was meine Berechnungen zeigen: Rinderzucht und Sojaanbau belegen im brasilianischen Amazonas-Gebiet etwa 240.000 Quadratkilometer und erwirtschaften „nur“ 3,5 Milliarden Dollar im Jahr. Die Ineffizienz der Rinderzucht im Amazonas-Gebiet ist enorm.

„Am Ende bestimmen die Konsumenten über die Zukunft des Amazonas – viel mehr als Regierungen“

Warum glauben dann so viele immer noch, dass Rinder die Lösung sind?

Das ist ein kulturelles Problem – und tatsächlich Kolonialismus! 500 Jahre nachdem die Portugiesen und Spanier Abholzung, Monokulturen und Rinderzucht brachten, haben wir immer noch keine eigene südamerikanische Amazonas-Kultur entwickelt, um all dieses biologische Kapital zu nutzen und neue Produkte zu entwickeln. Dieses Wirtschaften nutzt den Wald und schützt ihn gleichzeitig. Auch die Indigenen werden eingebunden. Sie sind die besten Beschützer des Regenwalds. Wenn ich indigene brasilianische Anführer treffe, tragen sie oft traditionellen Kopfschmuck – und besitzen gleichzeitig Smartphones!

Rinder im Amazonas (Foto:  VICTOR MORIYAMA/NYT/Redux/laif)

Walduntergang: Viele der Brände werden gelegt, um neues Weide- und Ackerland zu erschließen. Dieses Jahr sind die Feuer besonders verheerend. Im brasilianischen Amazonas-Gebiet ist bereits bis Ende August so viel abgebrannt (rund 43.000 Quadratkilometer) wie im gesamten Vorjahr – dabei hat die Hochzeit der Brandrodungen gerade erst begonnen

(Foto: VICTOR MORIYAMA/NYT/Redux/laif)

Welche Rolle spielt die Technologie dabei?

Im Amazonas-Gebiet gibt es 3.000 Gemeinschaften, Dörfer und kleine Städte. Wir wollen Einheimische in mobilen Amazonas-Kreativlaboren ausbilden und neue Produkte entwickeln. Die vierte industrielle Revolution bringt der Welt smarte, günstige und flexible Technologien – die nützen auch dem Regenwald. Ein Beispiel ist Schokolade aus der Cupuaçu-Frucht: Dieser Kakao wächst im Regenwald. Aus ihm kann vor Ort mit einem 3-D-Drucker Schokolade hergestellt werden. Lastendrohnen könnten logistische Herausforderungen überwinden. Über eine digitale Plattform können sich lokale Produzenten direkt mit potenziellen Kunden verbinden.

Diese neue Bio-Ökonomie würde einen Machtwechsel bedeuten. Die Holzfirmen, Rinderzüchter und Sojabauern, die von auswärts kommen und den Regenwald ausbeuten, wollen schnellen Profit und bestimmen die brasilianische Politik mit. Vom „Amazonas 4.0“ profitieren aber langfristig Menschen, die in der Region beheimatet sind.

Absolut. Das Konzept lässt sich in ganz Amazonien anwenden. Nächstes Jahr werden wir manche dieser Ideen erstmals testen. Ich arbeite derzeit sehr hart daran, dafür Geldgeber zu gewinnen. Bevor diese Regierung gewählt wurde, habe ich es dem Amazonas-Fonds vorgestellt. Der war begeistert, wir planten ein ehrgeiziges Vierjahresprojekt. Aber dann wurde der Fonds eingefroren.

Können wir Europäer*innen, abseits von Hilfsgeldern, etwas Gutes für den Amazonas tun?

Vermeidet Produkte aus dem Amazonas-Gebiet von Erzeugern, die nicht lückenlos nachweisen, dass dafür kein Regenwald abgeholzt wurde. Ändert eure Ernährungsgewohnheiten: keine Rindfleisch- und Sojaimporte aus Amazonas-Regionen. Kauft stattdessen Açai und Amazonas-Kakao, um diese nachhaltige Wirtschaft im Waldbestand zum Laufen zu bringen. Am Ende bestimmen die Konsumenten über die Zukunft des Amazonas – viel mehr als Regierungen.

Carlos Nobre (68) forscht an der Universität São Paulo und ist ein weltweit anerkannter Klimatologe. Lange Jahre arbeitete er am brasilianischen Institut für Weltraumforschung (INPE), das mit Satelliten den Amazonas-Wald überwacht

Titelbild: VICTOR MORIYAMA/NYT/Redux/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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