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Fluss im Endstadium

Der Río Bogotá ist einer der schmutzigsten Flüsse der Welt. Bald aber sollen in ihm Menschen baden können. Eine Multimedia-Reportage

Rio Bogota

Juan weiß, was er dem Fluss antut. Nacht für Nacht. „Wenn ich aufhöre, muss meine Familie hungern. Ich hoffe, dass Gott mir verzeiht“, sagt der 27-Jährige. Es ist spät am Abend. Er hat die stinkende Arbeitskleidung und die Gummistiefel ausgezogen. Kaffeeduft überdeckt den durchdringenden Geruch. Auf dem Wohnzimmerboden liegt ein Kuhfell-Teppich. Juan ist Gerber, wie ein Großteil der Bewohner des Dorfes Villapinzón. Und wie die meisten anderen Lederbetriebe ist auch seiner illegal: Von 120 Gerbereien im Ort haben nur 25 eine Genehmigung der Umweltbehörde. Jede Nacht kippen Juan und seine Kollegen das Gift ihrer Gerbereien in den Fluss. Kommen Kontrolleure, warnen sie einander in einer WhatsApp-Gruppe. Weil sie im Dorf keine Verräter haben wollen, möchte er seinen Betrieb nicht zeigen und seinen echten Namen nicht nennen.

Kaum einer der Gerber erfüllt die Umweltauflagen fürs Abwasser, an den Toren kleben die nicht beachteten Siegel der Umweltbehörde. Eigentlich sollten die Maschinen längst schweigen, doch sie rumoren weiter. Fast alle Gerbereien leiten die gesundheitsschädliche Mischung, die unter anderem giftiges Quecksilber und krebserregendes Chrom enthält, in den Río Bogotá. Er ist einer der dreckigsten Flüsse der Welt, misst 375 Kilometer und ist auf einem Drittel seiner Länge ohne Sauerstoff. Glasklar entspringt der Fluss im Gebirge auf 3.400 Meter Höhe. Nur elf Kilometer später wird er in Villapinzón zur Kloake.

Die erste Wasserprobe haben die Autor*innen an der Quelle des Río entnommen. Die zweite ca. 80 Kilometer später, wenn er Bogotá durchflossen hat

Wenn der Fluss 80 Kilometer weiter südlich Bogotá erreicht, ist sein Wasser tot, das heißt: fast ohne Sauerstoff. Keine Fische schwimmen, keine Pflanzen wachsen darin. Dafür entströmt ihm ein Geruch von Fäkalien und Chemie, je nach Temperatur und Sonneneinstrahlung süßlich bis kopfweherzeugend. Gäbe es eine Steigerung von tot, so könnte man sagen: Bogotá macht den Fluss noch toter. Die kolumbianische Hauptstadt hat mehr als neun Millionen Einwohner*innen und eine einzige uralte Kläranlage. Diese behandelt von dem Abwasser, das Menschen und Industrie erzeugen, nur rund ein Drittel – und das mangelhaft. Über die drei Stadtflüsse, die in den Río Bogotá münden, landen tonnenweise Müll in ihm. Somit ist die Hauptstadt mit ihren 68 Flusskilometern für 80 Prozent der Verschmutzung verantwortlich.


 

Es steht schlecht um den Fluss. Und umso wahnwitziger klingt die Vision von Bogotás Bürgermeister Enrique Peñalosa: Der Fluss, der am Rand der Stadt vorbeifließt, soll zur Entwicklungsachse der immer weiter wachsenden Metropolregion Bogotá werden. In acht Jahren, so versprach es der Bürgermeister 2017, werden darin Menschen baden, Boote schwimmen und sein Ufer zu einer 60 Kilometer langen Mischung aus Park und Promenade ausgebaut sein. Das Ganze praktisch zum Nulltarif: Schicke Wohnungen und steigende Grundstückspreise würden das Mammutprojekt gegenfinanzieren.

Wie in London, Amsterdam oder Zürich: Bogotás Bürgermeister Enrique Peñalosa träumt von einer Stadt, deren Herz der Fluss ist. In dem Werbe-Video von 2015 erklärt er seine Vision für die „Ciudad Río“, den neuen Stadtteil, der am entgifteten Río entstehen soll – mit Promenaden, Radwegen, Booten und noblen Wohngebieten

Das Entwicklungsprojekt ist Peñalosas Vision. Dass der Fluss sauber wird, seine Pflicht: Bereits 2004 wurden die Stadt und einige Behörden verurteilt, weil sie die öffentlichen Gesundheitsprobleme nicht lösen. Geklagt hatte eine Gemeinde südlich von Bogotá, die massiv unter einem mit verseuchtem Flusswasser gespeisten Stausee litt.

Der Masterplan zur Flussreinigung: die alte Kläranlage vergrößern und eine neue bauen. Während die Arbeiten für die Erweiterung einigermaßen im Zeitplan liegen, wurde der Baubeginn der neuen Anlage mehrfach nach hinten geschoben. Nun soll sie 2025 fertig werden.

Für Abwasser und Kanalisation ist in Kolumbien der Staat zuständig. Das bedeutet auch: Dieser Bereich ist anfällig für Korruption, und mit den Wahlen wechseln die zuständigen Beamt*innen. Im Fall des Río Bogotá müssen zudem unterschiedliche staatliche Einrichtungen und Gemeinden über regionale Grenzen hinweg zusammenarbeiten. So kommt es zu Verzögerungen, die sich Bogotá nicht mehr leisten dürfte.

Die bisherigen Maßnahmen sind eher kosmetischer Natur: Tonnen von Müll und Sedimenten hat die Umweltbehörde aus dem Flussbett der Stadt gebaggert, es verbreitert und vertieft, Land gekauft und künstliche Überschwemmungsflächen geschaffen, um dem Hochwasser in der Regenzeit etwas entgegenzusetzen. Die Umweltbehörde pflanzte 120.000 Bäume, hat Menschen umgesiedelt, erste Radwege und Parkanlagen entlang des Flusses gebaut. Weil die Kläranlagen aber noch nicht fertig sind, ist das Wasser immer noch genauso dreckig wie vorher. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich wieder tonnenweise kontaminierter Schlamm und Müll auf seinem Grund absetzen und die Baggerei von vorne beginnen muss.

Eine mindestens ebenso große Herausforderung ist der Imagewandel. Die Ufer des Flusses sollen zur begehrten Wohngegend werden. Seit Jahrzehnten ist der Río für die Bewohner*innen Bogotás aber nicht mehr als eine verdrängte Kloake am Rande der Stadt. Dort ließen sich Arme und Menschen nieder, die der mehr als 50 Jahre währende bewaffnete Konflikt mit der FARC-Guerilla aus ihren Heimatdörfern vertrieben hatte. Viele Viertel am Fluss sind zudem gefährlich wegen der bewaffneten Banden. Fremde betreten sie selten.

Bogotás Einwohner*innen atmen nicht nur die Abgase der Welt-Stau-Hauptstadt und den Gestank des Flusses weiter ein, sie ernähren sich auch von seinem Gift. Die Hochebene, auf der Bogotá liegt, gehört zu den besten Anbaugebieten des Landes. Ein Großteil des Gemüses für die Hauptstadtbewohner*innen stammt aus dem 13.140 Hektar großen Bewässerungsdistrikt La Ramada.

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Arbeiter in La Ramada

Großstadtpflanzen: Ein Arbeiter in La Ramada düngt Gemüse, das mit Wasser aus dem Río bewässert und größtenteils nach Bogotá geliefert wird

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Bogota

Zu viele Nährstoffe: eine schöne Beschreibung für einen Fluss ohne Sauerstoff. Der invasiven Wasserpflanze „Buchón“ bieten sie ideale Lebensbedingungen

Expert*innen raten dazu, das Gemüse vor dem Verzehr mit Essig oder Chlor zu waschen, um wenigstens die Keime und Parasiten zu entfernen. Salat würden Bogotáner*innen in den Restaurants selten bestellen, sagt Bauer Ramírez. „Sie sollten lieber Blumen essen!“ Die wachsen ebenfalls in La Ramada, doch brauchen sie für den Export in die USA und nach Europa das grüne Umweltsiegel. „Wer das erfüllen will, verwendet kein Wasser aus dem Fluss, sondern aus dem Brunnen.“ So wie er und seine Frau für ihr eigenes Gemüse. In den Brunnen befinde sich immer weniger Wasser, sagt Ramírez. Für den großflächigen Anbau reiche es kaum – und überhaupt: Oft ist sogar das Grundwasser kontaminiert, auch wenn es aus mehreren Hundert Metern Tiefe geschöpft wird.

Luis Alejandro Camacho Botero beschäftigt sich an der Universidad de los Andes seit etwa 20 Jahren mit dem Río. Die Hoffnung, dass sein Kind das Wasser noch sauber erleben wird, hat er längst aufgegeben. Er ist nicht der einzige Wissenschaftler, der traurig klingt, wenn er über den Río spricht. Seit Jahren würden wechselnde Behördenleitungen immer neue Studien von den Unis anfordern. Sie liefern stets dasselbe ernüchternde Ergebnis: keine Verbesserung, weil viel zu wenig getan werde. Bis das Megaprojekt komplett umgesetzt ist, werden die Kläranlagen schon wieder zu klein sein. Noch mehr Menschen werden dann den Fluss verschmutzen. „Das nützt ohnehin alles wenig, wenn man nicht von oben nach unten den Fluss säubert“, sagt Botero.

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González, Gerber am Rio Bogota

Der Gerber Eduardo González, 57, versucht eine Genehmigung zu bekommen – bisher vergebens

Dort oben in Villapinzón sind auch die wenigen genehmigten Betriebe nicht ganz sauber, meint der Gerber Eduardo González. Die Tanks seien zu klein für die Menge an Chemikalien. Im Dorf erzählt man sich, dass die Betriebe zu später Stunde die Abwässer in den Fluss leiten. Der Schaum, die Farbe und der Gestank würden sie verraten.

Unter einem Blechdach vor seinem Haus hatte er eine Gerberei betrieben – bis die Umweltbehörde sie entdeckte. Mindestens zehn seiner Kollegen sitzen im Gefängnis, sagt er. Mit einer Sondergenehmigung macht González weiter. Die Abwässer holt alle paar Wochen ein Lastwagen und bringt sie nach Bogotá zur Entsorgung. Das ist teuer. Daher hat er sich mit mehreren Kollegen zusammengeschlossen und einen Investor aufgetan, der ihnen eine kleine Kläranlage finanzieren würde. „Wir haben alle Pläne eingereicht, warten aber seit drei Jahren auf die Genehmigung der Umweltbehörde, um das gesäuberte Wasser in den Fluss leiten zu dürfen“, sagt er. Zuletzt hätten die Beamten alle Papiere verloren. González und seine Kollegen müssen jetzt von vorne anfangen.

Einen Monat lang reisten Katharina Wojczenko und Nick Jaussi den Río Bogotá entlang. In Gachancipá, noch bevor der Fluss Bogotá erreicht, probierte Katharina das Wasser, wie es eine Familie dort täglich trinkt: nachdem sie es über Nacht mit Aluminiumsulfat gereinigt hatte. Es schmeckte erstaunlich gut. 

Das Titelbild ist kurz vor der Mündung des Río Bogotá entstanden und zeigt Juan García (19). Weil die nächste Brücke zu Fuß eine Stunde entfernt ist, schwimmt er auf die andere Seite. Seine Freundin wohnt dort. 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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