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Was der Hygge-Trend über uns verrät

Kerzen anzünden, Zimtschnecken backen – warum haben wir es so irre gern gemütlich? Und was bedeutet dieser Rückzug ins Private? Der dänische Anthropologe Jeppe Linnet erklärt’s uns

Hygge

fluter: Ein Blick zu Instagram oder ins Zeitschriftenregal zeigt, dass hygge gerade ziemlich im Trend ist. Was meint das Wort?

Dr. Jeppe Linnet: Der Ursprung des Wortes kommt aus dem Altnordischen zur Zeit der Wikinger und bezeichnete einen Ort, an dem man sich sicher fühlen und seine Akkus aufladen konnte. Hygge hat auch eine Verbindung zum englischen to hug, was umarmen bedeutet.

Gibt es eine Erklärung dafür, warum hygge ausgerechnet in den skandinavischen Ländern entstanden ist?

Keine endgültige, aber es gibt einige Bedingungen, die typisch für Skandinavien sind und die damit die Entstehung von hygge als Kulturphänomen unterstützen. Da ist die Fokussierung auf das Zuhause als Ort, um sich mit anderen Menschen zu versammeln oder sich zurückzuziehen. Hygge deckt vieles ab, was mit dem Zuhause verbunden wird. So wie das eher kühle Klima und das dunkle Licht zur Herbstzeit, wenn man sich ins Wohlig-Warme zurückzieht. Es gibt Menschen ein physisches Verständnis davon, was draußen und was drinnen ist. Und hygge bezieht sich eben vor allem auf die Atmosphäre dieses Drinnenseins.

 „Nationale Werte sind häufig mit politischen Ideen verbunden. Für die USA ist Freiheit so ein Konzept, für Dänen ist es hygge“

Zudem wird das Leben in Skandinavien vor allem von der Mittelschicht geprägt, bei dem Familien eine große Rolle spielen. Entsprechend gilt das Zuhause als sicherer Hafen, der vom risikoreicheren öffentlichen Raum getrennt ist. Außerdem ist die Gleichberechtigung im Wohlfahrtsstaat wichtig. So setzt auch Hygge auf flache Hierarchien. Dänemark ist ein relativ kleines und auch flaches Land, das für die meiste Zeit des 20. Jahrhunderts darauf bedacht war, sich aus internationalen Konflikten herauszuhalten. Nationale Werte sind häufig mit politischen Ideen verbunden. Für die USA ist Freiheit so ein Konzept, für Dänen ist es hygge. Es ist eine friedliche Kultur: Man muss einfach nur ein paar Kerzen kaufen und eine heiße Schokolade machen, sich mit netten Leuten umgeben.

Wir sprechen also von einer Gesellschaftsphilosophie, nicht von einem Design?

Genau. Hygge hat nie nur ein bestimmtes Design umschrieben. Dass es nun als solches wahrgenommen wird, hat damit zu tun, dass in den vergangenen zwei, drei Jahren sehr viele Bücher über hygge geschrieben wurden. Sie versprechen, dass man Glück designen kann. Daraus ist eine ganze Industrie entstanden – mit Kerzen, Kissen und anderen Ausstattungsdingen. Und ein Hype. In dieser Hinsicht ist hygge eine Marke geworden, die skandinavisches Design mit einer Lebenseinstellung der Gemütlichkeit verkauft. In Kopenhagen gibt es sogar Hygge-Touren.

Man könnte den Hygge-Hype auch als kultivierte Realitätsflucht beschreiben. Die Menschen sind mit den komplexen Konflikten unserer Zeit überfordert und ziehen sich ins wohlig designte Privatleben zurück …

Genau das ist es. Auf individueller Ebene funktioniert hygge, wenn man sich darüber Gedanken macht, wie man sich Räume schafft, in denen man Energie tankt. Hygge bedeutet auch, dass man aufmerksamer ist – gegenüber der eigenen Befindlichkeit und gegenüber anderen Menschen. 

Bedeutet der übersteigerte Rückzug ins Private und das Vermeiden von Konflikten eine Gefahr für eine demokratische Gesellschaft?

Es wäre sicher zu stark, wenn man behauptet, hygge sei eine Bedrohung für die Demokratie. Philosophisch gesprochen besteht eine Gefahr darin, wenn man sich mit den Komplexitäten der Welt nicht mehr auseinandersetzen will, sich in das Private zurückzieht und nur noch nach starken Männern ruft, die einem mit einfachen Worten die Welt erklären. Das scheint mir aktuell eine globale Tendenz zu sein, aber hygge ist nicht ihr Motor.

Jeppe Linnet hat über hygge promoviert und arbeitet heute als Unternehmensberater. Was er tut, wenn er es hyggelig haben will: „Ich treffe mich mit alten Freunden, gehe zu Orten, die mit bestimmten Erinnerungen verbunden sind. Oder ich bin in meinem Landhaus zusammen mit meinen Töchtern und meiner Katze und genieße einfach das Leben.“ 

Illustration: Renke Brandt 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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