Für einen Aufreger war Egon Schiele schon immer gut. 1912 etwa, da wanderte der junge expressionistische Maler in seiner österreichischen Heimat für 24 Tage in den Knast wegen „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“. Der Vorwurf, ein junges Mädchen verführt zu haben, konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Seine schonungslosen wie unverstellten Akte wurden von vielen seiner Zeitgenossen als anstößig empfunden. Dass sie auch heute noch so aufgefasst werden könnten, ist da schon erstaunlicher. Aber eben passiert. 

"Gemalte Genitalien öffentlich zeigen? Schwierig"

2018 jährt sich der 100. Todestag von Egon Schiele, der mit nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe starb, trotzdem aber ein umfangreiches Werk hinterließ. Heute werden seine Bilder zu Millionenpreisen verkauft.

Um die Jubiläumsausstellung zu bewerben, die nächsten März in Wien eröffnet, wählte das Museum vier berühmte Motive des Malers aus – darunter ein Selbstbildnis –, die in Deutschland und Großbritannien aufgehängt werden sollten. 

Doch dazu kam es nicht. Ein Flughafen etwa wollte ein Großplakat nicht zeigen, weil eine Ethikkommission sich dagegen ausgesprochen hatte. Ein Anbieter von Werbeflächen fand die Aktbilder zu anstößig und fürchtete öffentlichen Protest. Die Londoner Verkehrsbetriebe hatten Angst, gemalte Genitalien öffentlich zu zeigen – auch wenn diese von einem der größten Künstler seiner Zeit und auch schon vor 100 Jahren auf die Leinwand gebracht wurden. 

Zensiertes Egon Schiele Plakat (Foto: Wien Tourismus)
 

Eine verpixelte Version der Plakate wurde abgelehnt, weswegen sie nun in London, Köln und Hamburg mit einem breiten Balken versehen sind, der die Blicke der Betrachter vor den Geschlechtsteilen schützt. Man könnte auch sagen: die Werke zensiert. Auf dem Balken steht der Schriftzug: „100 Jahre alt. Noch immer zu gewagt?“
Für Wien Tourismus, den Stadtmarketing-Verband, der die Kampagne entwarf, war der Aufreger das vielleicht beste Geschenk zum Jubiläumsjahr. Denn der brachte nicht nur Schieles Kunst in die hitzige Debattenlandschaft der Gegenwart, sondern auch eine Menge internationale Aufmerksamkeit. Sogar die „New York Times“ berichtete, die zensierten Plakate wie auch der Hashtag #DerKunstihreFreiheit gingen viral – in Anlehnung an den Wahlspruch der Künstlergruppe Wiener Secession: „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit“.

"Sogar Facebook ist liberaler: Brüste gehen, wenn sie denn von Werken der bildenden Kunst stammen. Oder von Männern"

Wie frei ist also die Kunst? Darüber wird auch heute heftig gestritten. Anfang November wurden in der Zentralmensa der Uni Göttingen 45 satirische Zeichnungen einer Künstlergruppe abgehängt, weil aus der Studentenschaft und der Jüdischen Gemeinde Beschwerden kamen – sie seien sexistisch beziehungsweise antisemitisch. Dabei sind Hochschulen öffentliche Räume, in denen die grundgesetzlich verbriefte Kunstfreiheit gilt, wie der Deutsche Kulturrat daraufhin anmahnte. 

Einen Schritt weiter, nämlich in Richtung Selbstzensur, ging die Stadt Rom. Als 2016 der iranische Präsident auf Staatsbesuch kam, wurden antike Statuen, die nackte Frauen zeigten, kurzerhand verhüllt. Sogar Facebook ist liberaler: Brüste gehen, so stand es in geleakten Schulungsunterlagen für die Mitarbeiter, wenn sie denn von Werken der bildenden Kunst stammen. Oder von Männern. 

In Wien hängen die Plakate ohne Balken in der Stadt. Und ab 3. März die Originale im Leopold Museum

Titelbild: Oliver Pelzer