Politikwissenschaftler Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte ist extra in die USA gereist, um die letzten Tage des Präsidentschaftswahlkampfs ungefiltert mitzuerleben. In der Wahlnacht stand er als Experte für das ZDF in Washington, D.C., vor dem Mikrofon.

fluter.de: Hillary Clinton schien die sichere Siegerin der Wahl zu sein, doch am Ende hat ihr Konkurrent Donald Trump gewonnen – und damit viele überrascht. Hätte man das absehen können?

Karl-Rudolf Korte: Durchaus. Die Fehlertoleranz von Wahlumfragen liegt ungefähr bei drei Prozent. Unter den gegebenen Bedingungen – Empörung und Umbruch – hätte man diese drei Prozent ernster nehmen müssen. Doch ich habe in der Woche vor der Wahl bestimmt hundert Gespräche geführt: Kein einziges Institut, keine einzige Organisation hat Trump vorne gesehen. Das macht einen als Wissenschaftler schon sehr nachdenklich.

Nicht alle Meinungsforscher lagen bei der Trump-Wahl daneben – auch kurz vor der Wahl gab es Umfragen, die Trump vorne sahen. Und anders als viele deutsche Medien haben einige US-amerikanische Medien durchaus nuanciert über die Siegchancen beider Kandidaten berichtet. So zum Beispiel der Datenjournalismus-Blog FiveThirtyEight.com des Statistikers und Publizisten Nate Silver. Mit einer ausgeklügelten statistischen Berechnungsmethode versuchten Silver und sein Team, möglichst genaue Wahlchancen für Donald Trump und Hillary Clinton in den einzelnen Bundesstaaten zu ermitteln. Kurz vor der Wahl ging das Modell von einer allgemeinen Siegchance Trumps von immerhin rund 30 Prozent aus.

Herrscht unter den Meinungsforschern etwa ein Herdentrieb?

Die Institute verdienen ihr Geld damit, dass sie die Dinge so präzise wie möglich messen. Wer am nächsten am tatsächlichen Ergebnis liegt, kann beim nächsten Mal mehr Geld verdienen. Deshalb: Bewusst verfälschen – das macht keiner.

Welche Fehler haben sie dann gemacht?

Die Institute haben das sozial Erwünschte gemessen und nicht das, was hätte eintreffen können. Sie haben die etablierten Instrumente benutzt, um antielitäre Wut zu messen.

Wahlprognosen basieren in der Regel auf einfachen Anrufen in den Haushalten.

Und da gibt es bereits Probleme, wenn die Angerufenen solche Meinungsumfragen ablehnen und nicht mitmachen. Vielen kommt der Anruf als Nachfrage aus der „politischen Zentrale“ in Washington vor. Die Zahl der Festnetzanschlüsse geht zudem auch in den USA drastisch zurück, was die Callcenter vor große logistische Probleme stellt. Handyanrufe sind zwar möglich, im Falle der in den USA sehr häufig eingesetzten Umfrageroboter aber nicht erlaubt. Der Rücklauf an potenziellen Antworten sinkt somit, die repräsentative Zufallsstichprobe wird unter solchen Bedingungen immer mehr zur Seltenheit. Das sind die methodologischen Probleme.

Das ist also noch nicht alles.

Die Demoskopen müssen auch darüber nachdenken, ob man die neue heterogene Empörungsbewegung mit den klassischen Fragen überhaupt messen kann. Eine Alternative zum Anrufen wären Fokusgruppen, Kleingruppen und Gespräche, bei denen man merkt, welche verschiedenen Ursachen vorliegen und in welcher Sprache sich Protest Bahn bricht: Bei dieser Wahl zum Beispiel Abstiegsängste, Wohlstands-Chauvinismus, antielitäre Wut, kulturelle Ängste, Lust am Bestrafen, ein Wechselklima … Das kann man alles messen – wenn man es wahrhaben will.

Wir sind also nicht einfach nur schlecht darin, mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen?

Wir sind schlecht darin, den Wandel und die Veränderung zu messen, uns von der Bevölkerung insgesamt ein Bild zu machen. Weil wir die Dinge zu sehr aus den Zentren der Macht heraus interpretieren. Weil wir uns immer auf der Seite des Guten wähnen.

Die Medien haben sich fast unisono für Clinton ausgesprochen …

… und über Monate kommuniziert, dass Clinton gewinnt. Und das hat natürlich Effekte bei den Wählern, vor allem bei den konjunkturellen Nichtwählern, die zur Wahl gehen, damit nicht das wahr wird, was alle prognostizieren. Gleichermaßen hat das die Mobilisierungskraft im Clinton-Lager gelähmt. Denn wenn klar ist, wer gewinnt, warum sollte ich dann auch noch meine Stimme für Clinton einbringen?

Aber auch große Medien wie die „New York Times“ gingen detailliert auf die Chancen beider Seiten ein. So veröffentlichte die Zeitung eine interaktive Grafik zu den verschiedenen Wegen, auf denen Clinton oder Trump ins Weiße Haus gelangen können – also Kombinationen von Staaten, die gewonnen werden müssen, um genug Wahlmänner hinter sich zu versammeln. Auch hier lag Trump in einem Drittel der Fälle vorne. Einer davon war der, mit dem er schließlich auch die Wahl gewann, und zwar indem er die Wählerinnen und Wähler des sogenannten „Rust Belt“ – in Pennsylvania, Ohio, Michigan und Wisconsin – von sich überzeugte. Ein Weg übrigens, den der Autor und Regisseur Michael Moore vor der Wahl in einem Beitrag auf seinem Blog genau so beschrieben hatte.

Unabhängig von dieser Wahl: Welche anderen Effekte sind der Wissenschaft bekannt?

Man möchte bei den Siegern dabei sein, möchte sehen, wie die eigene Stimme sich auswirkt. Wenn die eigene Partei abgeschlagen ist und keine Chance hat, möchte man keine Stimme verschenken.

Werden diese Effekte in Wahlumfragen einberechnet?

Nein, die möglichen Auswirkungen der Demoskopie auf Wählermeinungen – ich nenne das gerne Echo-Demoskopie – spielen in den Verrechnungsmodellen bislang keine Rolle. Aber für das Wahlkampfmanagement sind sie durchaus eine entscheidende strategische Mobilisierungsgröße geworden.

Wie sinnvoll wäre es, kurz vor der Wahl keine Umfrageergebnisse mehr zu veröffentlichen, um das Verhalten der Wähler nicht zu beeinflussen?

Wenn wir Wissen haben, sollten wir das Wissen auch nutzen. Aus einem übergeordneten Interesse so tun, als hätte man wenige Tage vor der Wahl keine Ergebnisse mehr, oder Umfrageergebnisse gezielt intransparent halten finde ich falsch. Stattdessen sollte man systematisch und laut auf die Fehlertoleranz der Messungen hinweisen. Das hätte auch dieser Wahl gutgetan, bei der in wichtigen Bundesstaaten knappe Entscheidungen vorausgesagt wurden. Doch der US-Medienmarkt lebt extrem von Einschaltquoten, und so haben Zwischentöne, Reflexionen, Nachdenklichkeiten, Infragestellungen leider wenig Raum.

Zum Abschluss: Werden die veralteten Telefonumfragen bald begraben und durch neue Erhebungsmethoden ersetzt? Big-Data-Analysen vielleicht?

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Im Gegensatz zu uns haben die Amerikaner schon jetzt ein sehr präzises Bild vom Wähler. Dessen Privatsphäre ist nicht im selben Maße geschützt wie hierzulande, und so können Unmengen an Daten gesammelt werden – von Benutzeroberflächen wie Google, Youtube und Facebook. Das Wissen ist also da, in Zukunft wird es mehr denn je darauf ankommen, was man damit macht.

Zur Person: Univ.-Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte, Jahrgang 1958, ist seit 2006 Direktor der NRW School of Governance an der Universität Duisburg-Essen. Er veröffentlicht regelmäßig politische Analysen und tritt im Fernsehen als Wahlexperte auf. Sein Buch „Wahlen in Deutschland“ erschien 2013 bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Zusatzinformationen: Fabian Scheuermann

Titelbild und Illustrationen: Lukas Sünder