Das Opfer war königlich, die Waffe ganz und gar nicht. Unter einem Decknamen hatte sich Elisabeth, die österreichische Kaiserin, 1898 in einem Hotel am Genfer See eingemietet. Niemand sollte davon erfahren, dass „Sisi“ sich hier erholte.

Doch Luigi Lucheni, ein Italiener, wusste es – eine Zeitung hatte ihren echten Namen gedruckt. Hinter Bäumen lauerte er Sisi am Nachmittag auf. Als sie ein Schiff besteigen wollte, stolperte er auf sie zu und schlug mit seiner Faust gegen ihre Brust. Lucheni rannte davon, Sisi fiel nach hinten, fing sich aber wieder und bedankte sich noch bei ihren Helfern. Erst an Bord des Schiffes wurde sie bewusstlos. Tatsächlich hatte Lucheni sie mit einer äußerst spitz zugeschliffenen Feile am Herz verletzt, und weil Sisi ein eng geschnürtes Mieder trug, blutete die Wunde nur langsam. Man brachte sie zurück auf ihr Zimmer, wo sie wenig später an einer durch die Stichverletzung ausgelösten Herzbeuteltamponade starb.

Es waren nicht immer Gewehre und Pistolen, die die Welt veränderten. Cäsar starb durch Dolche, Päpste oft durch Gift. Doch ganz gleich, mit welcher Waffe bei Attentaten gemordet wurde: Immer erzählt die Tatwaffe auch etwas über die Zeit, das Opfer, den Täter.

So wie an jenem Abend im Oktober 1960 in Japan. Inejiro Asanuma, Chef der japanischen Sozialisten, hielt gerade eine Wahlkampfrede. Plötzlich sprang ein rechtsextremer Jugendlicher auf die Bühne und stach mit einem Samuraischwert namens Wakizashi auf ihn ein, einer rituellen Waffe. Ein junger Fotograf stand vor der Bühne, sah, wie der Täter zustach, und drückte auf den Auslöser. Es wurde das Foto seines Lebens. Der Mord an Asanuma schockierte das Land. 

In einem anderen, aktuellen Fall war die Schusswaffe zwar gewöhnlich – die Umstände aber nicht. Mit einem G3 von Heckler & Koch, das auch die Bundeswehr jahrzehntelang als Standardgewehr nutzte, tötete ein Mitglied einer paramilitärischen Spezialeinheit 2003 den serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic. Der Schütze legte aus einer Distanz von nahezu 200 Metern auf sein Opfer an, was etwa der Länge von zwei Fußballfeldern entspricht. Aus so großer Entfernung hat es noch nicht oft einen Prominenten getroffen.

Bei Geheimdiensten gelten meist andere Regeln. Kein Knall, kein Schrei und – wenn möglich – auch kein Blut: Nicht öffentlichkeitswirksam, sondern möglichst diskret will man sich der Gegner entledigen. Vor allem im Kalten Krieg bekamen die Ingenieure von KGB, CIA und Co. viel Freiraum für Kreativität. Für Georgi Markow, einen bulgarischen Schriftsteller und Dissidenten, erwies sich ihre Erfindungsgabe als tödlich. Am 7. September 1978 wartete Markow an einer Bushaltestelle in London, als er plötzlich einen Schmerz im Oberschenkel verspürte. Markow drehte sich um und sah, wie ein Mann einen Regenschirm aufhob und in ein Taxi stieg. Aus der Spitze des Regenschirms hatte der Attentäter eine millimetergroße Kapsel mit hochgiftigem Rizin in Markows Bein geschossen. Markow starb wenige Tage später.

Ähnlich lautlos verfuhr das Kommando, das Mahmud al-Mabhuh tötete. Al-Mabhuh galt als einer der wichtigsten Männer der Hamas. 1992 hatte er ihren bewaffneten Arm mitbegründet, die Kassam-Brigaden. In seinem Hotelzimmer in Dubai lauerten ihm im Jahr 2010 Agenten des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad auf, unter anderem als Tennisspieler verkleidet. Erst lähmten sie al-Mabhuh mit der Substanz Succinylcholin, dann erstickten sie ihn mit einem Kissen.

Mit eher explosiven Methoden versuchte einst das Apartheidsregime in Südafrika, einen Whistleblower zu töten. In einem Interview hatte sich Dirk Coetzee, ein ehemaliges Mitglied eines geheimen Killerkommandos namens C1, zu erkennen gegeben. Nun schickten ihm seine Exkollegen – mit falschem Absender – einen Walkman. Die Kopfhörer hatten sie mit Sprengstoff präpariert. Doch Coetzee holte das Paket nie bei der Post ab. Es ging zurück an den falschen Absender, der wunderte sich, öffnete das Paket, testete den Walkman – und starb.

Wie die Tatwaffe selbst Teil einer Verschwörungstheorie werden kann, zeigt der Mord an John F. Kennedy im Jahr 1963. Lee Harvey Oswald, der mutmaßliche Alleintäter, nutzte ein veraltetes italienisches Gewehr. Das „Carcano“ war 1891 entwickelt und 1938 modifiziert worden. Oswald hatte es sich für 19,95 Dollar per Post schicken lassen. Wie aber sollte ein Schütze mit einem solchen Uraltmodell drei Schüsse in etwa acht Sekunden abfeuern? Und dazu noch ein fahrendes Ziel treffen? Dutzendfach kopierten amerikanische Hobby- und Berufsschützen das Szenario auf dem Schießstand. Das Ergebnis: Es geht – wenn das Gewehr keine Ladehemmung hat.

Fast 100 Jahre zuvor war erstmals ein amerikanischer Präsident erschossen worden. Die Nordstaaten der USA mit Abraham Lincoln als Oberbefehlshaber hatten die Südstaaten 1865 nahezu besiegt. John Wilkes Booth war ein fanatischer Anhänger der Südstaaten – und einer der bekanntesten Theaterschauspieler der USA. Lincoln hatte mehrfach versucht, ihn ins Weiße Haus einzuladen, aber stets vergeblich. Stattdessen kam Booth nun zu ihm.

Mit einem Derringer, einem heute uralt aussehenden Vorderlader, schlich Booth sich im April 1865 in das Theater, in dem er selbst oft spielte. In der Loge saß Abraham Lincoln und schaute sich „Our American Cousin“ an, ein Stück, das Booth auswendig konnte. Er wartete auf die Stelle, an der das Publikum laut lachen würde, und drückte ab. Die Waffe hatte nur einen Schuss. Aber der war tödlich. Booth erschoss einen seiner größten Fans.

Jan Ludwig ist freier Journalist. Wenn er nicht gerade über den Nahen Osten, Geschichte oder unnützes Wissen schreibt, verfasst er Texte über nutzlose historische Anekdoten in Israel.