In Tulsa, Oklahoma, gibt es über 4.000 Kirchen, die Gegend gilt als „Buckle of the Bible Belt“. Zwischen zwei dieser Kirchen liegt das Openarms Youth Project ein selbstverwaltetes Zentrum für junge Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle. Ein Zufluchtshafen für Jugendliche in einem Umfeld, wo Homosexualität den meisten Menschen als abartige Sünde gilt. Drei der Jugendlichen hat der Däne Jannik Spidsboel begleitet – über 50 Stunden Material brachte er aus Oklahoma mit zurück, auf 74 Minuten verdichtete er es in seinem Dokumentarfilm „Misfits“, der mit seiner Ästhetik im Fernsehen allerdings besser aufgehoben wäre als im Kino. Die mitgeschnittenen Gespräche und Monologe sind mitunter existenziell, mitunter aber auch unheimlich banal, und vermitteln gerade durch diese Alltäglichkeit eine starke Nähe zu den Protagonisten. Der Bezug zur besonderen Situation in Tulsa ist hingegen nur locker vorhanden. Denn die Probleme, die Selbstfindung, auch die schönen Momente, an denen wir teilhaben, erleben so oder ähnlich wohl LGBTI-Jugendliche in vielen Teilen der westlichen Welt. So fehlt es „Misfits“ etwas an Überraschendem – wie etwas der Szene, als im Openarms Youth Project über Religion gesprochen wird und alle anwesenden Jugendlichen sagen, dass sie natürlich an Gott glauben.

„Misfits“, DK/S 2015; Regie: Jannik Spidsboel; 74 Min.


„Vergine Giurata“ („Sworn Virgin“), I/CH/D/ALB/Kosovo 2015; Regie: Laura Bispuri; Drehbuch: Laura Bispuri, Francesca Manieri, mit Alba Rohrwacher, Flonja Kodheli, Lars Eidinger. Luan Jaha, Bruno Shllaku, Ilire Celaj, 90 Min.Um Geschlechtsidentitäten geht es auch im italienisch-albanischen Wettbewerbsbeitrag „Vergine giurata“. Ausgangspunkt sind die Berge Albaniens, eine schroffe, kalte Gegend mit archaischem Rollenverständnis: Die Männer bestimmen, die Frauen dürfen hier im Prinzip gar nichts, nicht alleine raus, nicht reiten, nicht als erste reden und Teil ihrer Aussteuer ist eine Patrone, die ihr Ehemann im Zweifel einsetzen darf. Hana (Alba Rohrwacher) entzieht sich als Teenagerin diesem Gefängnis, in dem sie sich in ein anderes begibt: Sie wird zur „Geschworenen Jungfrau“ und ist von nun an Mark, ein Mann, mit allen Freiheiten, nur lieben darf sie nicht. Das muss Hana erst wieder lernen, als sie 14 Jahre später ihrer Schwester hinterherreist, die inzwischen in Mailand mit Mann und Tochter lebt. Wie Hana quasi aus dem 19. Jahrhundert in eine moderne Metropole geworfen wird und dabei auch noch mit Anfang 30 ihre sexuelle Identität neu erwecken und entdecken muss, wird von Laura Bispuri mit wenig Worten, aber sehr anrührend erzählt


Zum besten Film der Berlinale wurde zum Abschluss „Taxi“ gekürt, der Beitrag des iranischen Regisseurs Jafar Panahi gewann den Goldenen Bären. Aber welcher war unter den 441 gezeigten Filmen wohl der schlechteste? „Elixir“ ist ein Kandidat. Es ist ein deutscher Film, aber alle reden Englisch. Das ist soweit realistisch, denn es geht um Künstlerexistenzen in Berlin. Sie – fast nur Männer – leben gemeinsam als Kommunensituation in einer erhaben heruntergekommen Fabriketage. Sofern sie nicht mit gruppeninternen Konflikten beschäftigt sind, planen sie einen Anschlag auf die „Art Week“, die in einer futuristisch-schnöselhaften Agentur (Achtung, schreit das Setdesign: Die Antagonisten!) vorbereitet wird. Irgendwie soll das alles wohl ein Kommentar zur aktuellen Berliner Gentrifizierungsdebatte sein, nur wurde alles in so verquast-blasiert aufgesagte Dialoge verpackt, dass es unmöglich ist, bis zum Ende zuzuschauen. Nicht einmal als Satire auf den Kunstbetrieb taugt „Elixir“, dafür ist der Film nämlich nicht lustig genug.

„Elixir“, D/AUS 2015; Regie: Brodie Higgs, Drehbuch: Brodie Higgs, Anya Watroba, mit Rob Alec, Natasha Petrovic, Swann Arlaud, Peter Barron, Alexander Coggin, Lars Eidinger, Stipe Erceg, 111 Min


„Jun Zhong Le Yuan“ („Paradise in Service“), Taiwan 2014, Regie: Doze Niu Chen-Zer, Drehbuch: Doze Niu Chen-Zer, Li-ting Tseng, mit Ethan Juan, Chen Jianbin, Wan Qian, Chen Yi-Han, 133 Min.Der taiwanesische Beitrag „Paradise in Service“ beginnt wie ein Standard-Armeefilm: Irgendwann Ende der 60er-Jahre tritt eine Gruppe junger Männer auf einer strategisch wichtigen Insel Kinmen ihren Wehrdienst an, einer von ihnen, Pao, landet in der Eliteeinheit „Sea Dragons“. Hier gibt es Drill, pubertäre Kantinengespräche, Luftalarm, Briefe an die Verlobte daheim und hart-aber-herzliche Haudegen als Offiziere. Doch schnell stellt sich heraus, dass Pao gar nicht richtig schwimmen kann. Er wird versetzt, ins Soldatenbordell, als Aufpasser. Ein großes Glück für Pao und von nun an ist „Paradise in Service“ kein typischer Armeefilm mehr, sondern ein allumfassendes, herzerwärmendes Melodram über die Wirrungen und Glücksmomente des Lebens. Pao freundet sich mit einer der Prostituierten an, die ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt. Der Harte-Hund-Offizier offenbart seine melancholischen Seiten und seinen Wunsch, ein Dumpling-Restaurant zu eröffnen. Das alles passiert in traumhafter Tropenkulisse und oft hart an und über der Grenze zum Kitsch, ist aber insgesamt ein schöner Film geworden – mit einem realen Hintergrund. Denn die Bordelle zur Steigerung der Moral im Kampf gegen das kommunistische Festlandchina sind ein tabuisierter Teil der taiwanesischen Geschichte, den Regisseur Doze Niu mit „Paradise in Service“ seinen Landsleuten wieder ins Gedächtnis rufen will.


„Als wir träumten“, D/F 2015, Regie: Andreas Dresen, Buch: Wolfgang Kohlhaase , mit Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Marcel Heuperman, Frederic Haselon, Ruby O. Fee, 117 Min.; Kinostart: 26.2.2015Sie rasen mit Vollgas durch ihre Pubertät. Das Auto ist geklaut, das Bier auch, der Bass ist voll aufgedreht und die Träume sind noch riesig: Dani, Mark, Rico, Pitbull und Paul aus Leipzig, aufgewachsen noch in der DDR, nun, 1993, entfesselt in einem Land voller Leerstellen. Andreas Dresen („Halbe Treppe“) hat mit „Als wir träumten“ den gleichnamigen Roman von Clemens Meyer verfilmt. Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, aber keine, in der sich jeder wiederfinden kann. Diese Jungs spielen in einer anderen Liga. Sie machen einen Technoclub auf, sie prügeln sich mit Glatzen (allerdings den unpolitischten der deutschen Kinogeschichte), sie hauen Autos kaputt und irgendwann auch ihre Leben. Je heller eine Flamme ist, desto schneller ist sie ausgebrannt und so kippt der Film nach und nach. Am Ende ist die Zukunft längst Vergangenheit, einer von den fünf ist tot, einer muss ins Gefängnis, einer ist Dealer, und als Zuschauer hat man sich in diesem Rausch nie gelangweilt, auch dank der tollen Darsteller, neue, unverbrauchte Gesichter, von denen besonders Julius Nitschkoff als gefallenes Boxtalent Rico im Gedächtnis bleibt.


 

„Every Thing Will Be Fine“, D/CAN/F/S/N 2015; Regie: Wim Wenders, Drehbuch: Bjørn Olaf Johannessen, mit James Franco, Rachel McAdams, Charlotte Gainsbourg, Marie-Josée Croze, Robert Naylor, 118 Min.; Kinostart: 2.4.2015Es ist die Wim-Wenders-Berlinale. Dem Mann, der einst den Himmel über Berlin vermessen hat, ist die diesjährige Retrospektive gewidmet, er hat auch seinen aktuellen Film mitgebracht. „Every Thing Will Be Fine“ läuft im Wettbewerb, aber außer Konkurrenz. Was schade ist, denn sonst hätte er einen Silbernen Bären schon sicher gehabt: Den für die unsympathischte Hauptfigur. Der kanadische Schriftsteller Tomas (James Franco) ist derart verschlossen, arrogant und empathiebefreit, das man ihm nach kurzer Zeit einfach nur ins Gesicht hauen will (erst am Ende des Films erbarmt sich jemand). Wofür aber nichtmal er etwas kann, ist ein Autounfall irgendwo auf dem Land, bei dem er einen kleinen Jungen überfährt. Wie dieses Ereignis in den darauffolgenden Jahren immer wieder das Leben von Tomas sowie der Mutter (Charlotte Gainsbourg) und des Bruders des toten Jungen heimsucht, zeigt Wenders in schön gestalteten 3D-Kinobildern, ohne dabei jemals mitzureißen. In meinem persönlichen Berlinale-Ranking liegt „Every Thing Will Be Fine“ eher im unteren Mittelfeld.


 

„Petting Zoo“, D/GR/USA 2015; Regie und Drehbuch: Micah Magee, mit Devon Keller, Austin Reed, Deztiny Gonzales, Jocko Sims, Kiowa Tucker, Adrienne Harrel, Emily Lape, Cory Criswell, 93 Min.Ganz oben in dieser Liste steht „Petting Zoo“. Layla ist 17, aus San Antonio, lebt bei ihrer Oma und steht kurz vor ihrem High-School-Abschluss. Dann wird sie schwanger, von ihrem Kifferfreund, den sie längst abgeschossen hatte. Laylas Eltern verweigern ihr die Unterschrift für die Abtreibung und so zerplatzen Träume: Das Super-Stipendium an der Uni in Austin (aka die coolste Studentenstadt der USA) – muss sie zurückgeben. Der hübsche stille Junge, der sich offenbar für sie interessiert – lieber nicht drauf eingehen. Ihr Job im Callcenter – auch bald futsch. Doch deprimierend wird es nie, Layla bleibt aufrecht, sie schaut nach vorne und lässt sich auch von weiteren Wirrungen nicht umhauen. Eine tolle Figur in einem wunderschönen, leisen Film, mit dem die Regisseurin Micah Magee das bei der letzten Berlinale mit „Boyhood“ eröffnete Mikro-Genre „sozialrealistische Adoleszenfilme aus der texanischen Mittelschicht“ würdig fortführt.


„Thamaniat wa ushrun laylan wa bayt min al-sheir“ („Twenty-Eight Nights and A Poem“); LEB/F 2015; Regie: Akram Zaatari; 120 Min.Die seltsamsten Filme der Berlinale laufen in der Kategorie „Forum“. Etwa „Thamaniat wa ushrun laylan wa bayt min al-sheir“ („Twenty-Eight Nights and a Poem“), in dessen Vorführung ich eher zufällig geraten bin. Ausgehend von Hashem el Madani, der im Jahr 1953 in der libanesischen Hafenstadt Saïda ein Foto-Porträtstudio mit angeschlossenem Archiv eröffnet hat, entfaltet sich ein Essay über die Inszenierung des Menschen im Zeitalter der fotografischen Reproduzierbarkeit. Wir sehen el Madani in seinem Studio und im Interview, er erzählt, wie in den 60er-Jahren irgendwann die Männer mit Maschinenpistolen zum Posieren in sein Studio kamen und wie sich einmal, ein einziges Mal, eine Frau nackt vor seine Kamera stellte. Wir sehen Männer, die im Hafen von Saïda von den Klippen springen, früher und heute. Wir sehen Zwischentitel mit kurzen lexikalischen Erklärungen, wir sehen in steriler Schönheit inszenierte Tonbandgeräte, Kameras, Projektoren. Wir sehen Super-8-Aufnahmen unterlegt mit Musik von Michael Jackson und obskure Aufnahmen aus alten Fernsehshows. So etwas sieht man nur bei der Berlinale und das macht sie so besonders.


„Im Spinnwebhaus“, D 2015, Regie: Mara Eibl-Eibesfeldt, Drehbuch: Johanna Stuttmann, mit Ben Litwinschuh, Lutz Simon Eilert, Helena Pieske. Ludwig Trepte, Sylvie Testud, 91 Min.Weil Kinofilme dauernd von Dramen erzählen, wird man irgendwann dünnhäutig: Gleich gibt es doch schon wieder Streit, kommt doch schon wieder einer um, bricht doch schon wieder alles zusammen! Besonders schlimm ist das „Im Spinnwebhaus“ und das liegt am Thema: Eine Mutter, psychisch schwer instabil, lässt ihre Kinder allein zu Hause. Eigentlich will sie nur einige Tage in eine Klinik fahren, doch aus Tagen werden Wochen und Monate. Jonas, mit zwölf der älteste, ist nun der Chef und er kämpft in dieser Rolle, seinen kleinen hyperaktiven Bruder und die noch sehr junge Schwester zu versorgen. Man kennt diese Geschichten von verwahrlosten Kindern und ist dementsprechend in einer permanenten „Disaster waiting to happen“-Stimmung – wobei das dann gar nicht krachend hereinbricht, die meiste Zeit sind die Kinder ganz hoffnungsfroh, die Überforderung überkommt sie unscheinbar. So ist „Im Spinnwebhaus“ bei weitem kein tieftrauriges Drama, was auch an der märchenhaften Inszenierung von Mara Eibl-Eibesfeldt liegt, in der Realität und Fiktion immer mehr verschwimmen und ein rätselhafter Vagabund, der in Reimen spricht, den Kindern zur Seite steht. Und die Moral? Unterschätze nie die Macht der Lüge! Auf keinen Fall, das hatte die Mutter bei der Abfahrt gesagt, dürften die Kinder verraten, dass sie alleine sind. Um den Schein einer nur bettlägerigen Mutter aufrechtzuerhalten verstrickt sich Jonas immer tiefer in einem Lügengespinst, viel stärker als in den titelgebenden Spinnweben, die überplakativ irgendwann das ganze Haus bedecken.

Michael Brake, 34, ist Kulturredakteur bei fluter.de. Er ist zum ersten Mal für die Berlinale akkreditiert und findet die Programmfülle auch nach einer Woche noch leicht überfordernd.