Stella Stocker, 34, Schauspielerin

Richtig sesshaft war Stella Stocker eigentlich noch nie. Als Kind wuchs sie im Kongo auf, wo ihr Vater ein Krankenhaus leitete. Später lebte sie als Jugendliche in Deutschland in der Nähe von Stuttgart und in Berlin. Und zwischendurch für zwei Jahre in New York, wo die Schauspielerin am Lee Strasberg Institut Seminare belegte. Letztlich zog es sie aber doch immer nach England. "Erst für die Ausbildung, die ich auf jeden Fall dort machen wollte", sagt sie. "Im englischen und amerikanischen Filmbereich gibt es ja wesentlich mehr Möglichkeiten als im deutschen." Beworben hatte sie sich damals an verschiedenen Unis in Großbritannien. Angenommen wurde sie in der nordenglischen Hafenstadt Hull, wo sie Schauspiel studierte. Nachdem sie in der deutschen Filmszene nicht Fuß fassen konnte, entschied sie sich im Grunde über Nacht: Ich gehe nach London.

Seit anderthalb Jahren arbeitet die 34-Jährige nun in der Brit-Metropole an ihrer Filmkarriere. Dort hat sie sich schnell eingelebt, Profile auf Casting-Seiten eröffnet und sich bei Agenturen gemeldet. "Hier bin ich in kurzer Zeit weitergekommen und mache mehr als in Berlin in sechs Jahren davor", sagt sie. "In London ist alles offener, und es gibt ein starkes Bedürfnis, neue Talente zu entdecken." Regelmäßig übernimmt sie Rollen in Kurzfilmen, durch die sie immer mehr dazulernt. Mal taucht sie in einem Musikvideos auf. Für das Kriegsdrama "Fury" mit Brad Pitt, der Ende des Jahres in die Kinos kommt, stand sie für einen kleinen Part vor der Kamera. Auch ein paar große Castings hat sie in London schon bekommen, bei denen es aber noch nicht ganz für die Rolle gereicht hat. "Obwohl wir Schauspieler untereinander eigentlich Konkurrenten sind, sind die Engländer höflich", erklärt sie. "Man sitzt sich nicht feindlich gegenüber – in Deutschland habe ich das schon anders erlebt."

Ein neues Zuhause in London

Die einzigen Nachteile für sie in London: Sie vermisst ihre Familie, die zum Teil in Deutschland lebt. Und die Metropole ist teuer. Eine Wohnung im Zentrum ist dort unerschwinglich. "Die Wohnpreise sind so hoch, dass die Leute immer mehr in die Außenbezirke gedrängt werden", sagt die Schauspielerin, die sich ein Haus in einer WG mit vier anderen Leuten im Multi-Kulti-Bezirk Tottenham teilt – mit der U-Bahn eine knappe Viertelstunde bis ins Zentrum am Oxford Circus. Durch die Mitbewohner hat sie auch neue Freunde kennengelernt.

"Was die Arbeit vor der Kamera anbelangt, läuft das in England nicht anders ab als in Deutschland", berichtet sie. Auch sprachlich gab es keine Schwierigkeiten, da Englisch durch ihre Kindheit im Kongo ohnehin ihre zweite Muttersprache ist. Ihren amerikanischen Akzent von damals gewöhnte sie sich später als Jugendliche ab. "Ich habe dafür viel britische Musik gehört und Filme im Original angesehen – Jane-Austen-Verfilmungen zum Beispiel", sagt Stella. Mit ihrem britischen Akzent wird sie in England in der Regel als Engländerin besetzt. Sollte sie mit ihrer Karriere auch in ein paar Jahren noch nicht richtig durchstarten, will sie in Richtung Journalismus wechseln. Am liebsten zur BBC. Nach Deutschland zurückgehen würde sie nicht. "Ich habe hier in England nicht nur künstlerisch mein Zuhause gefunden."

Marian Mentrup, 32, Sounddesigner und Komponist

Als Marian Mentrup 15 war, wollten seine Schulfreunde meist für einen Austausch in die USA. Für den mittlerweile 32-jährigen Sounddesigner und Komponisten war England aber damals schon viel interessanter – wegen der Kultur, der Musik, der Mode. Also ging er für ein Jahr auf eine Boarding School, ein Internat in der Nähe von Norwich und machte hin und wieder Abstecher nach London. "Schon damals dachte ich mir, dass es eine coole Stadt zum Leben wäre", erinnert er sich – und doch dauerte es noch eine Weile, bis er die Möglichkeit dazu bekam. Erst studierte er an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam Ton. Danach zog er in Berlin mit ehemaligen Studienfreunden die Animationsfilmfirma Talking Animals auf. Vor zweieinhalb Jahren ergab sich dann tatsächlich eineMöglichkeit, nach London zu gehen: Als seine venezianische Freundin für ihr Masterstudium in die britische Hauptstadt ging, kam er einfach mit – im Prinzip kann er schließlich überall arbeiten, wo Musik und Sound gebraucht wird. "Die Sprache war dabei für mich nicht so das Problem", erklärte er. "Die Stadt ist sowieso ein großes Gemisch und die wichtigsten Höflichkeitsfloskeln hatte ich auch schnell gelernt."

Abhängen war gestern

In London hat Marian anfangs nichts überstürzt: Nach und nach holte er sein technisches Equipment aus Berlin, dann mietete er ein Studio und ein Büro. "Zu der Zeit arbeitete ich weiterhin freiberuflich als Sounddesigner und Komponist im Bereich Film und Werbung, wobei die meisten Projekte anfangs noch aus Berlin kamen", berichtet er. "Parallel dazu habe ich mit meinem alten Weggefährten Daniel Teige aus Basel an großformatigen Klanginstallationen und Soundkonzepten für Marken gearbeitet. " Aus dieser Zusammenarbeit entstand ihre gemeinsame Firma Hammersnail Sonic Research mit den zwei Niederlassungen in Basel und London. Als zusätzliches Standbein ist Marian aber nach wie vor an Talking Animals in Berlin beteiligt. Seine Aufträge bekommt er zwar meistens über Empfehlungen, Netzwerken ist für ihn aber trotzdem wichtig. "Und das ist hier professioneller und exzessiver als in Deutschland – und immer verpackt mit Höflichkeit."

In London arbeitet er lange Tage. "Aber hier arbeiten alle viel", sagt er und lacht. "Es geht hier alles schneller, aber man muss ja auch mehr Geld verdienen, um leben zu können." So viel abzuhängen wie in Berlin, ginge in London daher nicht. Auch beim Wohnen musste er sich umstellen. Von Berlin-Neukölln, wo er sich eine große Wohnung für sich allein leisten konnte, ging es zunächst in ein WG-Zimmer in London. Mittlerweile hat Marian im Hackney ein Apartment und ein Büro gemietet, in dem er noch eine Mitarbeiterin beschäftigt. Was die künstlerische Arbeit anbelangt, ist London für Marian ziemlich spannend. "Man ist selbst bei kommerziellen Projekten sehr offen und traut sich auch, Ideen zu realisieren, die experimenteller und radikaler sind." Das Business sei sehr progressiv, wo man es gar nicht erwarte. "Ein einfacher Imagefilm kann hier schon mal fast zur Kunstinstallation werden."

Die Stadt habe dabei durchaus einen Einfluss auf seinen kreativen Output, allein weil man natürlich von den Menschen beeinflusst wird, mit denen man zusammenarbeitet. Wenn Marian sagt, dass er vor London in Berlin gelebt hat, käme das in der Regel total gut an. "Das ist ein Vorteil – allein schon wegen der Clubkultur gucken viele Engländer neidisch rüber nach Berlin." Er selber vermisst neben Freunden und Familie auch die Lockerheit in Berlin, weil in London doch sehr viel auf Geld und Business ausgerichtet sei. "Daher ist es immer schön, nach Deutschland zurückzukommen", sagt er. "Doch die Situation in London stabilisiert sich immer mehr und im Moment genieße ich es hier sehr." Auch nach fast drei Jahren sei die Stadt für ihn unverändert aufregend.

 

Sascha Rettig ist Journalist in Berlin.