Anorak

2014 rankte sich ein Mikro-Aufreger um den Begriff „Normcore“: Die Müdigkeitsgesellschaft war es leid, sich in ein immer kurzatmigeres Exzentrizitätenrennen stürzen zu müssen – und postulierte stattdessen den Normalo-Look als Ausweg. Den hatten schon 30 Jahre zuvor die englischen Wimps für sich entdeckt, um dem Zwang zu glamouröser Exzentrik im Rock ‘n‘ Roll -Zirkus auszuweichen. Bands wie The Pastels, Talulah Gosh, Primal Scream – The Smiths lavierten am Rande dieser Szene – schepperten schüchtern statt großtuerisch loszudreschen und trugen statt Lederjacke lieber Anorak. Der Anorak ist der Inbegriff der Harmlosigkeit, die Schülergarderobe vor der ersten Zigarette. Er sagt: Du musst nicht der Größte, Beste, Schönste sein, klein und mickrig hat man viel mehr Spaß. Wir trällern unser Liedchen, pfeifen auf die Ellenbogengesellschaft und ziehen die Anorakkapuze über unsere Schüttelfrisur – britischer Pop trat nie so pfadfindermäßig auf wie im Zeichen des Anoraks. Das pompöse Über-Ego des Rock ‘n‘ Roll sah nur noch nach Schmierenkomödie aus.

Baggy-Jeans

Seit den 1960er-Jahren ist die Röhrenjeans das Privileg der Jugend, mit dem sie sich in aller knackigen Unschuld über die schlaffen Silhouetten der Erwachsenen lustig macht. Von den Beatbands über die Glamrocker und die Punks bis zu den Britpoppern dient die Röhre mit ihrer Betonung der körpermittigen Ausbeulungen als eine verlässliche Konstante im Generationenkrieg. Nur in den 1990er-Jahren nicht. Damals brachen die Baggy-Jeans via US-amerikanischen HipHop in die Jugendkultur ein. Die Rapper ließen die weiten Hosen als stolze Umkehrung afroamerikanischer Benachteiligung tief hängen: Wenn das weiße System uns einsperrt, erheben wir die Gefängniskluft zur Mode! Im Gefängnis sind schließlich keine Gürtel erlaubt, weswegen die Hose automatisch rutscht. Der Delinquentenhabitus von Bands wie Cypress Hill, Wu-Tang Clan oder Naughty by Nature war so elefantös lässig, dass die Baggy-Jeans bis in die Skater- und Raverszene expandierte.

Bundeswehr-Parka

Deutschland ist Muffland. Seit den 1960er-Jahren ist der Parka der US-Armee dank der britischen Mods ungebrochen hip. Dem Parka der deutschen Streitkräfte gelang nur ein kurzer Höhenflug Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre im denkbar unhipsten Soziotop: der deutschen Öko- und Anti-Atomkraft-Bewegung. Es sagt allerdings auch niemand, dass politische Verdienste mit ästhetischen korrelieren müssen. Rollkragen, Mustang-Jeans, Enten-Schuhe und Bundeswehr-Parka, fertig war der deutsche „Links-Michel“. Die schwarz-rot-goldene Flagge am Jackenärmel wurde abgetrennt, versteht sich. Als sich Jahrzehnte später die Briten im Post-Anorak-Fieber (siehe Anorak) einem flüchtigen Bundeswehr-Parka-Exotismus hingaben, hätten sie einen Teufel getan, die Deutschlandfahne zu entfernen. Die ist doch das i-Tüpfelchen! Manch andere modebewusste Deutsche reagierten darauf, indem sie den goldenen Streifen abtrennten. So blieb nur das Schwarz-Rot übrig: die Farbkombination, die auf die syndikalistischen Anarchisten zurückgeht.

Che-Guevara-Shirt

Bob Marley oder Che Guevara? In der Blüte ihrer Jahre dahingeraffte, sexy Männer vom Rande der eurozentrischen Welt mit ernsthaften Anliegen – seit Jesus ist das die Blaupause für Helden im Herzen von Teenagern. Und sein Herz trägt man als Teenager gerne auf dem T-Shirt. Ob man sich für den kiffenden Rastafari oder den Stalin verehrenden Revolutionär entscheidet, für Gitarre oder Gewehr, bleibt gehupft wie gesprungen. Mit einem Che-Guevara-Shirt hält man sich allerdings den musikalischen Rücken frei und kann sich statt zu Reggae auch zu Janis Joplin oder Green Day bekennen. Der größte Unterschied zwischen Bob und Che ergibt sich für die T-Shirt-Produzenten. Die Rechte am prominentesten Che-Porträt von Alberto Korda forderte der Fotograf zu seinen Lebzeiten nur ein einziges Mal ein, als nämlich ein Wodka damit beworben wurde, die an Bob-Fotos hingegen werden von seiner Familie gehalten und erhoben. Also ab mit dem Che-Motiv in die asiatische Massenproduktion. Dass die Che-Shirts unter genau denselben ausbeuterischen Bedingungen produziert werden, gegen die der marxistische Revolutionär ankämpfte, juckt die Fans nicht.

Cowboystiefel

Jetzt wird es kompliziert. Spätestens seit den 1960er-Jahren ist es die gesellschaftliche Pflicht der Jugend zu rebellieren. Die Jugend stößt sich die Hörner ab, die Gesellschaft guckt ihnen frische Impulse ab. Aufstand ist Norm in der Freizeit- und Konsumgesellschaft, Rebellion ist Konformismus. Ist also Konformismus Rebellion? Das fragten sich die Popper seit den 1980er-Jahren und passten sich so an, dass der liberalen Erwachsenenwelt, die sich gerade Graffiti und Punkrock nutzbar gemacht hatte, ihr Orientierungskompass durchdrehte. Den konformistischsten Zeichensalat richteten die Popper mit der Kombination Cowboystiefel zu Trachtenjacke an: unten Helden-Patriotismus à la John Wayne („John Wayne was a Nazi, he liked to play SS“, US-amerikanische Hardcore-Band MDC), oben Helden-Patriotismus à la Luis Trenker (der sich den Nazis mit seinen Heimatfilmen andiente). Die grün wählenden Eltern ärgerten sich grün über ihre Kids. In der dekadenten Spätphase dieser Mode sägte man den Absatz der Cowboystiefel schräg ab, damit sie vorne höher ragten, und verzierte die Spitze mit einer Metallkappe.

Lederjacke

Die klassische Motorradlederjacke in Schwarz mit diagonalem Reißverschluss und W-Kragen wurde schon Ende der 1920er-Jahre von der US-amerikanischen Firma Schott als „Modell Perfecto“ lanciert. Zum weltweiten Synonym für authentisches Rebellentum avancierte sie erst durch die Mythenschmiede Hollywood. Marlon Brando irritierte als „The Wild One“ 1953 auf einem Triumph-Motorrad und mit Perfecto-Lederjacke das Establishment einer amerikanischen Kleinstadt. Dass seine Rolle ihn weniger als Halbstarken-Helden denn als kläglichen Hanswurst, der doch nur nach Liebe und Orientierung sucht, dastehen lässt, wurde irgendwie von den Verehrern übersehen. Als symbolische Absage an die Gesellschaft hätte viel eher das Langarm-Shirt mit Blockstreifen von Brandos Gegenspieler Chino, gespielt von Lee Marvin, getaugt: Chino zeigt sich versoffen unversöhnlich, ein echter Anarcho-Aussätziger. Als unzweifelhaftes Helden-Accessoire wurde die schwarze Motorradlederjacke erst gute 30 Jahre später durch George Michael gerettet, der ein Modell von La Rocka! in seinem Video zu „Faith“ trägt – so unauthentisch, wie es nur geht.

Mao-Jacke

Kellnerjacken, Reiteroffiziersjacken, Trachtenjacken, Zirkusdirektorjacken, die linke Bohème hat sich seit den 1950er-Jahren eine Unzahl an Jacken aus den unterschiedlichsten Bereichen angeeignet und sie schelmisch kombiniert. Aber eine Mao-Jacke? Mao Zedong, der jahrzehntelange Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, dessen Politik mehreren Millionen Menschen den Tod brachte? Mao bekannte sich schon Ende der 1940er-Jahre offiziell zu dem kastigen, hochgeschlossenen, praktisch-spröden Kleidungsstück – und zwang sein Volk in diese antibürgerliche, antiwestliche Uniform. Als westlicher Stammtischrevoluzzer konnte man in Mao-Jacke seine Verachtung gegenüber bourgeoiser Individualität kundtun. So der Mythos. Es machte allerdings kaum jemand. Die Mao-Jacke ist in den westlichen Gegenkulturen immer nur Möglichkeit geblieben, aber nie breitere Realität geworden. Aktuell inszeniert sich die Laptop-Bohème als Modeverächter, indem sie sich für einen Bruder der Mao-Jacke entscheidet: den Blaumann. Der ist ideologisch weitaus unverfänglicher.

Seine Motorradlederjacke hat der Journalist und Autor Jan Joswig nicht nur so zum Spaß. Gerade fährt er nämlich mit seinem Motorad quer durch Rumänien