Am ersten von den drei Tagen, in denen ich ohne Lügen auskommen möchte, fahre ich mit einem Fernbus von Berlin nach Leipzig. Auf der Fahrt will ich ein paar Mails schreiben und Nachrichten lesen. Doch das Internet funktioniert nicht. Ich frage den Fahrer. „Leider steht auf dieser Fahrt kein Internet zur Verfügung“, sagt er. „Ich bitte da um Ihr Verständnis!“ „Dafür habe ich kein Verständnis“, sage ich und fühle mich schlecht mit dieser Unfreundlichkeit.

In der Uni muss ich ein Buch vorstellen. Adalbert Stifter, „Der Nachsommer“. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der im 19. Jahrhundert durch die Landschaft Böhmens wandert, 800 Seiten lähmende Naturbeschreibung. Das Buch gefiel mir nicht, es war eine Qual. Ich sitze im Seminar und lege das Buch auf den Tisch. „Heute stelle ich euch das langweiligste Buch vor, das ich jemals gelesen habe“, sage ich. Wie selbstgerecht, denke ich.

Wie ehrlich kann man sein, ohne zu verletzen? Im Internet lese ich ein Zitat einer österreichischen Schriftstellerin: „Wenn du durchaus nur die Wahl hast zwischen einer Unwahrheit und einer Grobheit, dann wähle die Grobheit; wenn jedoch die Wahl getroffen werden muss zwischen einer Unwahrheit und einer Grausamkeit, dann wähle die Unwahrheit.“

Im Supermarkt kaufe ich Ungesundes. BiFi, Energydrinks. Die Frau, die an der Kasse hinter mir steht, kommentiert meinen Einkauf. „Wie kann man mit so schlechtem Essen so groß werden?“, fragt sie. „Ich will nicht, dass Sie kommentieren, was ich kaufe“, sage ich. Es ist die Wahrheit: Ich finde es unangenehm, wenn Menschen meinen Einkauf mustern und auf mich und mein Leben schließen. Der Frau hinter mir bleibt die Sprache weg. Jetzt tut es mir leid. Manchmal ist die Wahrheit grob.

Weiter darüber zu schweigen, würde sich wie Lügen anfühlen

Ein Bekannter fragt mich, wie es mir geht. Ich zähle ihm auf, was mich ärgert, was mir fehlt, und berichte ihm ausführlich, wie ich geschlafen habe – zu spät eingeschlafen, zu früh aufgewacht. Er schweigt. Ich meine seinem Gesicht zu entnehmen, dass er gar nicht so viel wissen wollte. Manchmal ist die Wahrheit langweilig. Ein Auftraggeber antwortet wiederholt nicht auf meine Mails. Es macht mich wütend, dass er mich am ausgestreckten Arm verhungern lässt. Dass er nicht siebzig Sekunden Zeit findet, um zu antworten. Ich werte es als Überheblichkeit, als Geste der Macht. Weiter darüber zu schweigen würde sich wie Lügen anfühlen. „Es nervt mich, dass du nicht antwortest“, schreibe ich. Manchmal ist die Wahrheit geschäftsschädigend.

Ich öffne einen Brief. Es ist eine Mahnung. „Sehr geehrter Herr Dachsel“, lese ich. Ich finde es unehrlich, dass ein Unternehmen, dem ich offensichtlich Geld schulde, vorgibt, mich zu ehren. Unehrlich, aber freundlich. Ich denke an den Wahlslogan der Alternative für Deutschland. „Mut zur Wahrheit“, heißt der. Oder an die Werbung der Bildzeitung: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ Oder an Thilo Sarrazin, der vorgibt, Tabus zu brechen, um endlich die Wahrheit zu sagen. Dann denke ich: Manchmal ist die Wahrheit nur ein Vorwand für Idioten, ihre Dummheiten loszuwerden. Ich erinnere mich an eine Zahl, die ich mal gelesen habe. Jeder Mensch lügt am Tag angeblich bis zu 200 Mal. Ich will wissen, ob das stimmt. Im Internet finde ich einen Text, der diese Zahl anzweifelt. Anscheinend stimmt sie nicht, sie ist erfunden und erlogen. Es sind nur 1,8 Mal pro Tag, steht im Internet.

Ein Marktforschungsinstitut ruft mich an. „Sind Sie interessiert an einer attraktiven Prämie?“, fragt das Marktforschungsinstitut. „Kein bisschen, und ich will nicht, dass Sie mich noch mal anrufen“, sage ich. Manchmal tut die Wahrheit gut.

Bevor Felix Dachsel drei Tage die Wahrheit sagte, versuchte er bereits, drei Tage ohne Plastik zu leben. Ansonsten versucht er im dritten Anlauf ein Studium zu beenden und arbeitet als freier Journalist