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System change, not climate change

Über die Dörfer mit unserem Reporter Bartholomäus von Laffert. Teil 4: Nemsdorf- Göhrendorf, Sachsen-Anhalt

  • 2 Min.

In Göhrendorf sitzen drei Generationen Lehmann an einem Tisch und vergleichen damals mit jetzt. „Früher war mehr Arbeit“, sagt die Großmutter. „Früher war mehr Gemeinschaft“, sagt der Vater. Früher, hör mir auf mit früher, muss sich Flori doch denken, geboren 1990, letzter Jahrgang made in East Germany.

Auf dem Tisch stehen Stullen und Hagebuttentee, an der Wand Blümchentapete und ein Abreißkalender der Agrargenossenschaft. Oma ist noch immer Mitglied dort und nie richtig angekommen in einem Land, das sie mit 55 als „unproduktiv“ deklarierte. Der Sohn ist aus der großen Stadt zurückgekehrt ins Dorf, um auf der Asche neu auszusäen. Die Oma sagt: „Sämtliche Industrie hier ist nach der Wende kaputtjemacht worden. Dat wurde alles hier zerschlajen, damit der Absatz des Westens jesichert ist.“ Der Vater sagt: „Jeder kocht hier sein eigenes Süppchen. Früher jab’s zwei Fußballclubs, heute jibt’s keinen mehr. Die Übrigjebliebenen treffen sich heute zum Tischtennisspielen. Faschingsverein? Jibt’s nicht mehr. Und bei den Pfingstburschen ist’s janz schlimm, früher waren’s immer 15 bis 20, heute müssen wir Alten aushelfen. Früher hätten se unsereins dafür noch ausm Wald jejagt.“

Bald sitzen Flori und ich im Auto, machen eine Rundfahrt durch die Region. Aus den Boxen Schreigeschrabbel von Floris Hardcore-Band Extinct: „Eaten by your hatred / caught up in despair / the guilt is on the strangers / that never weren’t there.“

Flori trägt eine IG-Metall-Kappe, ausgebeulte Jeans, ausgedehnte Ohrlöcher, einen Umhängebeutel mit Aufklebern drin. „Antifa bleibt Landarbeit“ steht drauf. Flori lässt sich zum Pädagogen ausbilden, ist bekennender Marxist und sitzt für die Linkspartei im Gemeinderat. Wo beim bayrischen Nachwuchs eher politischer Gleichmut herrscht, muss sich die Jugend im Osten entscheiden: Fascho oder Zecke? „Landser hat hier jeder mal jehört – die Frage ist: Hörst du damit auf – oder jehste weiter?“, sagt Flori.

Wir fahren vorbei an einer Bushaltestelle, darin stehen zwei verwaiste Paletten Bier neben zwei grimmig dreinguckenden Oldschool-Nazis. So kontextlos mit ihren Camouflagehosen, kahl rasierten Schädeln und 88-Tattoos sehen sie aus wie ausgestopfte Karikaturen aus einer längst vergangenen Zeit. An einem Laternenpfahl klebt ein „Wehr dich“-Sticker der Identitären. Flori klebt einen drüber, auf dem steht: „System change, not climate change!“

Warum bist du zurückgekehrt, Flori? „Heimweh“, sagt Flori, der im Dachgeschoss über seinen Großeltern wohnt. „In Berlin biste immer am Rennen, obwohl de weißt, dass die nächste Bahn in drei Minuten kommt. Immer die Angst, da irjendwo was zu verpassen.“

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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