Am Anfang war Rona Geffen schon ein bisschen besorgt. Eine zwei Meter große und in sechs Farben blinkende Vagina-Statue auf der Bühne: Würde das Publikum die Botschaft verstehen? Und wie wird ihr Vater – Sohn einer religiösen Familie und politisch eher konservativ als liberal angesiedelt – darauf reagieren?

Als Rona Geffen, Hilit Rozental und Ann Streichman ihre Elektro-Oper „STRIKE! No Sex in TLVillage“ im Februar vergangenen Jahres zum ersten Mal aufführten, ahnten sie noch nicht, wie groß die Resonanz sein würde: In Israel wurde das Thema Sexstreik als Mittel der Selbstermächtigung plötzlich unüberhörbar laut und die Oper „STRIKE!“ in zahlreichen Radiosendungen und selbst im nationalen Fernsehen thematisiert.

Es ist eine aufwändige Produktion, mit üppiger Inszenierung und hämmernden Bässen. Fünf Jahre hatte es gedauert, bis alle Szenen standen, jedes Visual saß. Eine Förderung durch Acum – das israelische Pendant der deutschen GEMA – half zu Beginn bei der Finanzierung des Projekts. Davon abgesehen stemmten die heute in Berlin, New York und Tel Aviv lebenden Frauen sowohl die Show als auch das gleichnamige Album selbst.

Good day my friends„Israel hat kein Geld für Kunst – alle unsere Mittel fließen ins Militär“, sagt Geffen. Nichtsdestotrotz engagierten die Frauen mehr als ein Dutzend Künstler für das Projekt, „um einen möglichst balancierten Inhalt und ein möglichst großes Publikum zu erreichen“. Die britische Dub-Legende Mad Professor produzierte den Song „Profit & Loss“, die israelische Musikerin Riff Cohen arbeitete am hebräischsprachigen Stück „Ani Ma’amin“, und die japanische Musikerin Minako Sasajima sang mit bei dem dem Lied „Good Day“, das für den Sieg über den Krieg steht:

Love won the war
Love won the war

This is the end
Of hate and regrets
No blood on our hands

Während diese Strophen im Studio eingesungen wurden, heulten Sirenen über Tel Aviv. Die Bevölkerung flüchtete in Bunker, die Aufnahmen wurden verschoben. „Genau deshalb machen wir das alles hier“, fühlte sich Geffen damals bestätigt, „because this sucks.“

Die Idee, mit sexueller Verweigerung politische Ziele zu verfolgen, ist dabei nicht neu. Die Vorlage der Elektro-Pop-Oper stammt gar aus einer Zeit, in der es weder Pop noch Elektro gab: „Lysistrata“, eine Komödie des griechischen Dichters Aristophanes, wurde 411 vor Christus das erste Mal zur Aufführung gebracht. Im 20. Jahr des Peloponnesischen Krieges geschrieben, erzählt das Stück die Geschichte der Heldin Lysistrata, die Frauen in Athen und Sparta dazu aufruft, mit ihr in einen Sexstreik zu treten. So lange, bis ihre Männer aus Liebesdurst zur Besinnung kommen und den Krieg beenden.

„Ei seht nur, da kommen von Sparta schon die Gesandten mit zottigen Bärten und zwischen den Beinen Pflöcke, o Graus, als wollten sie Schweine dran binden!“, heißt es darin. In Aristophanes’ Werk geht der Plan schließlich auf und Friede kehrt ein. Prominent adaptiert hat Lysistrata unlängst der Regisseur Spike Lee: Sein satirischer Film „Chi-Raq“, in dem Frauen gegen die Bandenkriege Chicagos einen Sexstreik initiieren, lief im Dezember in den US-amerikanischen Kinos an.

Sexstreiks beflügeln seit jeher Autorenfantasien, sie kommen aber auch auf der echten politischen Bühne zum Einsatz. In den vergangenen Jahren streikten etwa ukrainische Frauen unter anderem gegen die Abtretung der Krim an Russland. In Japan riefen Frauen einen Sexstreik aus, um gegen die Wahl eines frauenfeindlichen Kandidaten zum Gouverneur zu protestieren. In Liberia machten Frauen per Sexstreik gegen den Bürgerkrieg mobil und in Neapel gegen gefährliche und illegale Feuerwerke. Für den Bau einer asphaltierten Straße und gegen Gewalt durch Banden sexstreikten die Anhängerinnen der „Crossed Legs“-Bewegung in Kolumbien. Und kenianische Frauen initiierten einen Sexstreik, um Politiker zu einer Versöhnungspolitik zu bewegen.

Sexstreiks scheinen weltweit populär zu sein – wenn auch mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen: Der Japaner Yoichi Masuzoe wurde 2014 trotz Sexstreiks zum Gouverneur der Präfektur Tokio gewählt. Die Regierung in Kenia stabilisierte sich 2009 dagegen schon innerhalb einer Woche. Russland wiederum behält auf der Krim weiterhin Einfluss, und in Neapel verletzen Böller und Raketen vom Schwarzmarkt immer noch Menschen.

Selbst wenn sich die Dinge in die von den Streikenden gewünschte Richtung entwickeln, bleibt schwer nachweisbar, dass eine Kausalität besteht. Davon abgesehen ist die Praxis des Sexstreiks umstritten und wirft viele Fragen auf: Ist sexuelle Befriedigung für Männer tatsächlich wichtiger als für Frauen? Bedient das Konzept des Sexstreiks nicht das Klischee des Mannes als triebgesteuertem Bengel, während Frauen angeblich ohne Weiteres auf Sex verzichten können? Kämpfen Frauen, die körperliche Liebe verweigern, mit den richtigen Mitteln, oder objektivieren sie sich damit nur selbst? Und was, wenn die Verweigerung von Sex nach hinten losgeht und noch mehr Gewalt provoziert?

Antworten auf all diese Fragen haben die drei israelischen Musikerinnen von „STRIKE!“ zwar nicht. Dem omnipräsenten Konflikt in ihrem Land weiterhin hilf- und wortlos zusehen, das wollten sie aber auch nicht. Sie hatten es satt, überall ständig Soldaten zu begegnen. Sie hatten es satt, zu spüren, wie die Atmosphäre des Krieges in ihr Leben sickerte. Dass Minderheiten, alte Menschen und Frauen in ihrer Gesellschaft oft marginalisiert und kein wirkliches Mitspracherecht erfahren würden, habe schließlich den Anstoß zum Start des Projektes gegeben: „Weil wir nicht im gleichen Ausmaß dem einen großen Ziel unseres Landes dienen, nämlich zu schützen und zu kämpfen, werden wir an den Rand des Konfliktes gedrängt“, erklärt Geffen. Ihre Antwort darauf: Selbstermächtigung. Eine hämmernde Oper darüber zu produzieren, würde zwar keinen Krieg beenden. Daran erinnern, dass Gewehre nicht die einzigen Waffen seien, die der Mensch besitze, dagegen schon. Und ein medienwirksames Statement zu setzen, das gelinge mit der Oper und dem dazugehörigen Soundtrack allemal.

Das Album „STRIKE!“ ist ein Open-Code-Projekt und kann kostenlos oder gegen einen freiwilligen Beitrag über Bandcamp heruntergeladen werden: http://strikemusic.bandcamp.com/