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Unter Strom

Nach der Wende brach in der Lausitz die Industrie zusammen, jetzt soll auch noch die Kohle weg. Das macht die Arbeiter wütend

Unter Strom

Drei Männer in wetterfesten Jacken stehen auf einem Hügel in der Lausitz. Eine Jacke ist grün, eine gelb, die dritte orange. Ihre Arbeitshelme haben die Männer abgesetzt. Sie schauen über die grüne Landschaft, in der auf den ersten Blick nichts Besonderes auffällt und auf den zweiten, dass die Bäume nicht allzu groß sind und sehr verschiedenartig. „Früher standen hier nur Kiefern. Wir haben Eichen, Birken und Obstbäume gepflanzt“, sagt einer der Männer. „Wir gestalten Landschaften!“ Auf dem Südhang wachsen sogar Weinreben, sieben Sorten, darunter Trauben für einen Rosé, der „Feierabend“ heißt. 

Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht. Der Hügel, auf dem die Männer stehen, heißt Wolkenberg. Er trägt seinen Namen, weil an dieser Stelle früher das Dorf Wolkenberg lag, das kurz nach der Wende für den Tagebau Welzow-Süd abgerissen wurde. Nachdem die Braunkohle abgebaut war, wurde das Areal der Natur zurückgegeben und ein Hügel aufgeschüttet. Seit 2010 wächst dort der Wein. In vielen Männern und Frauen aber, die „in der Kohle“ arbeiten, wächst seit Jahren vor allem die Wut. Darüber, dass sie ihre Jobs verlieren, weil die Kohle keine Zukunft in Deutschland hat. 

„Du selbst denkst, wenn du hier anfängst, bist du Batman. Aber plötzlich stellst du fest: Alle sehen dich als den Joker.“ 

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Drei Arbeiter an der Abbaustelle

Sie halten den Kohleausstieg für überstürzt. Sie fragen: Wo soll der Strom denn herkommen? Und sind wütend, dass sie ihre Jobs verlieren

In der Lausitz, im Südosten Brandenburgs und im Nordosten Sachsens, gewann die Braunkohle ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts massiv an Bedeutung. Verglichen mit anderen Energieträgern ist ihre Klimabilanz besonders schlecht. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission hat empfohlen, dass im Jahr 2038 in Deutschland ganz Schluss sein soll mit Strom aus Braunkohle, vielleicht auch schon drei Jahre früher.

Es ist natürlich kein Zufall, dass die drei Männer des Stromerzeugers LEAG ihre Sichtweise dort erklären möchten, wo die Schäden des Tagebaus bereits wieder beseitigt wurden. Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Häufig werde in den Medien nur „die Fräskante“ des Tagebaus gezeigt, sagen sie, also die Stelle, bis zu der sich die Bagger durch die Landschaft gepflügt haben. Zu selten die neuen Bäume und Seen – Ergebnisse der Rekultivierung. „Hierher kommen Abordnungen aus aller Welt, um von uns zu lernen, aber in Deutschland sind wir die bösen Klimasünder“, erklärt einer der Männer. Ein anderer sagt: „Du selbst denkst, wenn du hier anfängst, bist du Batman. Aber plötzlich stellst du fest: Alle sehen dich als den Joker.“

Protest im Hambacher Forst - „Wohlstandsaktivismus“ nennen die drei das 

Der Erfahrenste der drei ist Michael Koppatz, 49, operativer Ingenieur und „seit dem 1. September 1986 in der Kohle“, wie er ganz präzise erklärt. Viele hier sehen ihren Einstieg in den Job als eine Art zweiten Geburtstag, sie definieren sich darüber, dass sie die Gesellschaft mit Energie versorgen. „Damals war das Ende der Kohleverstromung nicht absehbar. Ich habe gedacht, ich mache das bis zur Rente, ohne je so eine negative Stimmung erleben zu müssen.“ Koppatz spricht bedächtig, als würde er jeden Satz genau abwägen. „Wir wissen, dass der Wandel irgendwann kommen muss. Aber es ist falsch, heute schon über ein Datum für den Kohleausstieg zu verhandeln.“

Die Perspektive der drei Kohlekumpel und jene der Umweltbewegung sind so verschieden, dass eine Einigung irgendwo in der Mitte schwierig erscheint. Während vor allem junge Menschen sich in Bündnissen wie „Ende Gelände“ engagieren oder im rheinischen Revier für den Erhalt des Hambacher Forstes demonstrieren, schütteln Kohlekumpel in der Lausitz den Kopf. „Wohlstandsaktivismus“ nennen die drei das. Michael Koppatz erzählt: „Die von ‚Ende Gelände‘ waren auch hier. Ich habe tagelang mit denen diskutiert. Da war ein Franzose, den habe ich gefragt: ‚Wo soll der Strom künftig herkommen?‘ Und er hat gesagt: ‚Atomkraft!‘“ Auch wenn klar ist, dass die meisten Klimaschützer sowohl gegen Atomstrom als auch gegen die Kohle sind, ist für die Männer der Konflikt eindeutig: Hier die Schar internationaler Aktivisten, dort die Menschen in ländlichen Regionen wie der Lausitz, die hehren Idealen geopfert werden sollen.

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Schornsteine in der Lausitz

„Wir wissen, dass der Wandel irgendwann kommen muss.“ Nicht ganz einfach: Aus Arbeiter Sicht geht auch gesellschaftlich eine Epoche zu Ende, in der Zusammenhalt und Vertrauen eine große Rolle gespielt haben

Eine Feststellung ist den drei Männern noch wichtig: „Wir werden das Weltklima nicht in der Lausitz retten!“ Damit meinen sie, dass der deutsche Ausstieg aus der Braunkohle auf den ganzen Planeten bezogen nur gering ins Gewicht fällt. Das stimmt natürlich, offenbart aber zugleich ein klassisches Dilemma: Würden alle Menschen in sämtlichen Staaten so denken und handeln, gäbe es beim Klimaschutz keine Hoffnung mehr. Gerade deswegen gibt es schließlich internationale Abkommen, die jedem Staat gleichermaßen auferlegen, seinen Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren – auch Deutschland.

Seit vielen Jahren schon nimmt der Streit um die Kohle an Schärfe zu. Und er ist auch nicht zu Ende, seit die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission empfohlen hat, der Industrie finanziell unter die Arme zu greifen, falls der Strompreis wegen des Ausstiegs steigt, und den betroffenen Regionen 40 Milliarden Euro Strukturhilfen zur Verfügung zu stellen – etwa zum Bau von Glasfasernetzen, zur Ansiedlung von Forschungsinstituten oder für eine bessere Verkehrsanbindung an Cottbus und Berlin. Kohlebefürworter wie der Verein Pro Lausitzer Braunkohle vermissen trotzdem „einen klaren Plan für die Gestaltung der Strukturentwicklung in der Lausitz“ und werfen Kohlegegnern „Klimapopulismus“ vor.

Die Grüne Liga dagegen, ein Netzwerk ökologischer Bewegungen, bezeichnet den Plan für die Lausitz als „mutlos“. Sie bemängelt etwa, dass die Rettung von Dörfern, die dem Tagebau weichen sollen, nicht festgeschrieben wurde, und kritisiert, dass konkrete Schritte für den Umweltschutz in die ferne Zukunft verschoben worden seien. „Dabei hätten die Menschen in der Region sich längst auf kommende Veränderungen einstellen können“, sagt René Schuster, Koordinator für alle Fragen rund um die Braunkohle bei der Grünen Liga, „wenn sie nicht mit falschen Versprechungen über eine Zukunft der Kohle getäuscht worden wären.“ Für ihn sei sowieso nicht das Ausstiegsjahr entscheidend, sondern dass besonders schmutzige alte Kraftwerke schnell vom Netz gehen. „Es gibt noch sehr viel zu tun.“

In der Lausitz ist das Vertrauen in einen geregelten Ausstieg wohl auch deswegen so gering, weil die Region nach der Wiedervereinigung bereits eine Schockperiode durchlebt hat. Ganze Wirtschaftszweige sind damals kollabiert, etwa die Textil-, die Glas- und Teile der Chemieindustrie. Massenarbeitslosigkeit und massenhafte Abwanderung waren die Folge, eine traumatische Erfahrung für die Region. In der Kohle arbeiteten damals noch um die 80.000 Menschen. Heute sind es noch etwa 8.000 – sowie rund 16.000 Menschen in Service- oder Zulieferbetrieben.

Einer von ihnen ist Stefan Leib, ein junger Mann, der schüchtern grüßt. Er heißt eigentlich anders, will seinen Namen aber nicht veröffentlicht sehen, aus Angst vor „Ausgrenzung bei der Arbeit“. Leib ist nämlich auch bei der LEAG angestellt – und will vor allem sagen, dass „nicht alle bei uns nur in eine Richtung denken“. In einem Café in der Lausitz erzählt er: „Braunkohle zu verbrennen ist eine umweltschädigende Technologie. Das wollen viele bei uns nicht wahrhaben.“ Er zieht seine blaue Arbeitsjacke aus, wie um sich ein bisschen von seinem Arbeitgeber zu distanzieren.

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Ein Kohlearbeiter, der nicht erkannt werden will

Er findet, dass mit der Kohleverstromung bald Schluss sein muss. Aus Angst vor Ärger mit seinem Arbeitgeber bleibt er lieber unerkannt

Stefan Leib stammt aus einer Lausitzer Bergmannsfamilie. Und es wird deutlich, dass er an seinem Dilemma schwer zu tragen hat: Seine Existenz hängt an einer Technologie, an die er selbst nicht mehr glaubt. „Ja, ich profitiere auch von der Kohle. Ich ringe mit mir. Wenn ich aussteige, verliere ich die Chance, von innen zu verändern.“ Er will „als grünes Zahnrad in diesem Getriebe mitwirken“. Und wenn das im Kleinen erst einmal nur heißt, seine Kollegen dazu zu bewegen, mit dem Rad zur Arbeit zu kommen. Leib macht auch bei Veranstaltungen von Umweltschützern mit, „heimlich, weil ich weiß, was los wäre, wenn das rauskommt“. Er versucht zu lächeln, aber sein Lächeln wirkt müde.

Es ist also vor allem eine falsche Mentalität, die Stefan Leib seinem Unternehmen vorwirft. Aber auch konkrete Dinge wie zu geringe finanzielle Rücklagen für die Rekultivierung oder wie firmenintern die Belastung der Flüsse künstlich kleingerechnet würde. Leib glaubt, dass „wir es uns in Deutschland leisten könnten, Vorreiter zu sein“, um nicht mehr durch klimaschädliche Technologien „Menschen in anderen Teilen der Welt ihre Existenz zu versauen“. Der Strukturwandel, von dem Politiker so oft reden, müsse vor allem in den Köpfen stattfinden.

Es gab falsche Versprechungen und Hoffnungen über eine Zukunft der Kohle

Dieser Wandel, nirgendwo scheint er so weit weg wie direkt vorne an der Fräskante, wo sich die Bagger unaufhörlich in die Erde graben, Transportbänder den Abraum wegschaffen und die mehr als 500 Meter lange Förderbrücke auf Schienen fährt – eine der größten mobilen Technikanlagen der Welt. Michael Koppatz sagt: „Hier muss man sich auf jeden verlassen können.“ Er führt jetzt mit seinen beiden Kollegen durch den Tagebau, ihre Jacken sind bunte Farbtupfer im graubraunschwarzen Erdmeer. Koppatz sagt: „Wir können uns hier keine Ellbogengesellschaft leisten. Jeder ist mit dem Chef per Du.“ Seine Kollegen nicken. Aus ihrer Sicht geht gerade auch gesellschaftlich eine Epoche zu Ende, in der Zusammenhalt und Vertrauen eine größere Rolle gespielt haben als heute.

Koppatz erzählt, dass er selbst in einem Dorf gewohnt hat, das weggebaggert wurde, genau wie Wolkenberg. Nein, allzu problematisch finde er das nicht, schließlich könne die Region nur so überleben. „Lieber das Haus verlieren als die Heimat.“

Ganz unten in diesem überdimensionalen Erdloch hebt er ein Stück Braunkohle aus der lehmigen Erde hoch. Er erklärt, wie Kohle entsteht, welche Rolle der Druck und die Temperatur spielen, die zusammen extrem lange wirken müssten, und sagt: „Braunkohle ist gepresste Zeit.“ Und bald beginnt in der Lausitz eine neue Zeitrechnung. 

Über 900 Millionen Tonnen Treibhausgase wurden in Deutschland 2016 emittiert, davon rund 85 Prozent durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Größter Verschmutzer war die Energiewirtschaft mit 37,8 Prozent der Emissionen. Etwa halb so viel verursachten die Industrie (20,7 Prozent) und der Verkehr (18,2 Prozent). Die Haushalte sind mit 10,2 Prozent der Emissionen dabei, die Landwirtschaft mit 7,8 Prozent – hier ist nicht CO₂ das Problem, sondern vor allem die Treibhausgase Methan und Distickstoffoxid, an deren Ausstoß die Landwirtschaft in Deutschland den Hauptanteil hat.

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