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Schminken nicht vergessen!

Das Familienministerium in Malaysia gibt Frauen „Tipps“, wie sie trotz Corona-Ausgangssperre den Frieden mit dem Ehemann wahren

Malaysien, Corona, Quarantäne, Frauen

Sich auch zu Hause schminken, keine bequemen Hausklamotten, Nörgeln vermeiden. Diese Tipps klingen wie aus den 1950er-Jahren, sind aber erst ein paar Tage alt: Das malaysische Ministerium für Frauen und Familie hat auf Facebook, Instagram und Twitter geteilt. In dem südostasiatischen Staat gilt aufgrund der Corona-Krise eine strenge Ausgangssperre bis zum 14. April. Die „Ratschläge“ sollten Frauen solange helfen, den häuslichen Frieden mit dem Ehemann aufrechtzuerhalten.

Malaysia hat einen König und einen Premierminister – das ostasiatische Land ist eine parlamentarische Wahlmonarchie. Erst im März wurde Muhyiddin Yassin als neuer Regierungschef vereidigt. Er ist Vorsitzender der nationalistischen und islamisch geprägten Malaysian United Indigenous Party, in der nur die malaiische Bevölkerungsgruppe Bumipurtra volle Mitglieder werden können. Malaysia ist eines der wenigen Länder mit einem dualen Rechtssystem: In manchen Bundesstaaten wird von islamischen Gerichtshöfen die Scharia ausgeübt. Sie gilt aber nur für Muslime, andere Bevölkerungsgruppen – etwa Indigene, Chinesisch-, oder Indischstämmige – betrifft das Recht nicht. Dies führt zu sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten und auch ungleichen Menschenrechtslagen, unter denen besonders Frauen leiden.

In einer der Infografiken sieht man zum Beispiel einen Mann und eine Frau Klamotten auf eine Wäscheleine hängen. Falls der Ehemann dies falsch mache und man ihn darauf hinweisen wolle, dann bitte auf „humorvolle“ Weise: „So hängt man die Klamotten auf, mein Schatz“, gefolgt von einem schüchternen Kichern. Protipp: Man könne dazu die Stimme von „Doraemon“ imitieren, einer in Asien populären Anime-Roboter-Katze. Sarkastische Kommentare sollten sich Frauen sparen. Und falls es doch mal zum Streit kommt, sollten Frauen vor jeder Antwort bis zwanzig zählen – das Gehirn beruhige sich in der Zeit und treffe rationalere Entscheidungen. Für Männer gibt es keine spezifischen Handlungsanweisungen.

Seit der Ausgangssperre haben sich in Malaysia die Anrufe auf staatliche Hotlines für Opfer häuslicher Gewalt laut lokalen Medien verdoppelt. Auch im letzten „Global Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums schnitt Malaysia schlecht ab und landete auf Platz 104 von 153.

Besonders vor diesem Hintergrund kritisierten viele malaysische Frauen und feministische Organisationen die Infografiken scharf: „Stoppt diese sexistischen Botschaften #KPWKM [Ministerium für Frauen und Familie] und konzentriert euch auf Überlebende von #domesticviolence, die jetzt einem höheren Risiko ausgesetzt sind“, twitterte die NGO „All Women’s Action Society“. Vor allem der Verweis auf die Tonlage von Doraemon erntete Häme: User/-innen führten vor, wie lächerlich es wäre, diesem Ratschlag tatsächlich zu folgen:

 

Mittlerweile hat das Ministerium die Infografiken wieder von seinen Seiten gelöscht und ein Statement veröffentlicht: „Wir entschuldigen uns, wenn einige der geteilten Tipps unangemessen sind und die Sensibilität bestimmter Gruppen berühren, und werden in Zukunft vorsichtiger sein.“ Sexismus oder gar die Verantwortung von Männern bei Gewalt gegen Frauen wurde im Schreiben nicht reflektiert – dafür aber in zahlreichen Kommentaren. Mit über 800 Likes auf Facebook aktuell ganz oben: „Themenverfehlung! Was meint ihr mit ‚Sensibilität bestimmter Gruppen‘? Dass die Tipps okay sind und MANCHE von uns ÜBERreagieren?! Um Himmels willen, euer Statement und eure Tipps sind unangemessen gegenüber JEDER Frau.“ 

 

Titelbild: Getty Images / picture alliance / AP Photo

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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