Verschiedene Organisationen ermöglichen jungen Journalisten aus Ländern mit stark eingeschränkter Pressefreiheit Seminare in Deutschland, damit sie sich mit dem hiesigen Mediensystem vertraut machen und unabhängigen Journalismus kennenlernen können. Wir haben mit der Ägypterin Wafaa Al Badry gesprochen, die zu diesem Zweck bereits mehrfach in Deutschland war. „Als Journalistin in Ägypten musst du dem Regime schmeicheln“, sagt Al Badry, „wenn du deinen Job und dein Leben nicht riskieren willst.“ Die studierte Kommunikationswissenschaftlerin hat in Ägypten als Kulturjournalistin und Reporterin für mehrere Fernsehsender gearbeitet, gab diese Tätigkeit aber nach der Kündigung ihrer letzten Festanstellung auf. Aus Kairo produziert sie nun als freie Journalistin unter anderem Beiträge für die Deutsche Welle. Sie hofft, mit ihrer Tochter das Land verlassen und dauerhaft nach Deutschland kommen zu können.

fluter.de: Frau Wafaa Al Badry, Sie haben den passenden Vornamen für eine Journalistin. Aus dem Arabischen übersetzt steht er für „genau“, „gewissenhaft“, „ehrlich“.

Wafaa Al Badry: Dass ich Journalistin wurde, hat aber einen anderen Grund: Journalismus schien mir das Werkzeug zu sein, mit dem ich erzählen kann, was mich bewegt.

Eine Weile schien das in Ägypten auch möglich zu sein. 2011, nach der Revolution, entstanden neue Zeitungen und Blogs. Es gab neue Fernsehsender.

Alles schien plötzlich möglich. Man konnte seine Meinung äußern, Journalisten wurden gesucht, statt eines Medienmonopols gab es einen Medienmarkt. Im Fernsehen fingen wir an, live zu senden – mit Technik, von der wir vor der Revolution geträumt hatten. Ende 2011 arbeitete ich bereits für einen namhaften Fernsehsender, der allerdings auch bekannt dafür war, das alte, das Regime des früheren Präsidenten Husni Mubarak zu unterstützen.

Wie hat sich das gezeigt?

Der Mann, dem der Fernsehsender gehörte, war einer der Firmenbosse und Mubarak-Getreuen, denen vorgeworfen wurde, während der Revolution Männer auf Pferden und Kamelen zum Tahrir-Platz gehetzt zu haben, mitten in die demonstrierende Menge. Dabei starben Menschen, der Vorfall wurde zu einem der berüchtigtsten während des Aufstands gegen Mubarak. Die Sache wurde später vor Gericht verhandelt, es gab aber Freisprüche.

Wie bestimmte der Besitzer des Senders darüber, was in den Nachrichten lief?

Wir bekamen Anweisungen, bestimmte Informationen über bestimmte Personen zurückzuhalten. Sag nichts über den. Sag nichts über die. Ignoriere, wenn es was zu sagen gäbe.

War das das erste Mal, dass Sie Zensur so direkt erlebt haben?

Nein, solche Dinge kamen schon zu Studienzeiten vor. Einem Freund wurde ein Jahr lang verboten, die Uni zu betreten. Er schrieb Theaterstücke und hatte einen Song komponiert, der systemtreuen Studenten oder Professoren wohl nicht passte.

 

Wovon handelte der Song?

Er richtete sich gegen Mubaraks Sohn. Nicht direkt gegen ihn, aber dagegen, dass die Herrschaft über unser Land einfach vom Vater zum Sohn weitergereicht werden sollte. 2005 oder 2006 war das, Mubarak war damals noch Präsident – und Gamal, sein Sohn, bereitete sich darauf vor, Präsident zu werden.

Unter welchem Regime waren die Einschränkungen für die Presse am dramatischsten? Unter dem alten Präsidenten Husni Mubarak, seinem frei gewählten islamistischen Nachfolger Mohammed Mursi oder jetzt unter dem Ex-Militär Abdel Fattah al-Sisi?

Wie soll ich das vergleichen? Unter Mubarak haben sie dich ins Gefängnis gesteckt, wenn du etwas geschrieben hast, das sie nicht mögen. Unter Mursi haben sie gedroht, dich umzubringen, und ins Gefängnis gesteckt. Und unter al-Sisi wirst du ins Gefängnis gesteckt und womöglich noch rechtskräftig zum Tode verurteilt.

Als Sie 2013 über das Goethe-Institut nach Deutschland kamen – war das Ihre Art zu fliehen?

Eigentlich hatte ich vor, vielleicht in die USA zu gehen. Ich bewarb mich in englischsprachigen Ländern, weil ich Englisch konnte – Deutsch nicht. Eine Freundin bestand darauf, dass ich es trotzdem versuche, und dann war ich eine von elf Journalisten aus der arabischen Welt, die das Goethe-Institut für zwei Monate nach Deutschland einlud.

Haben Sie Ihre Tochter mitgenommen?

Nein. Das ägyptische Recht erlaubt es einer Mutter nicht, mit ihrem Kind auszureisen – ohne das Einverständnis des Vaters. Und das habe ich noch nicht. 

Sie brauchen eine Einverständniserklärung des Vaters, um mit Ihrer Tochter in ein anderes Land zu fliegen?

Wenn ich dort leben will, ja. Und das will ich, ich lerne Deutsch, versuche, mir ein Netzwerk in Deutschland aufzubauen. Bloß die Vorstellung, meine Tochter zurückzulassen – dass es ein oder zwei Jahre dauern könnte, bis ich sie nachholen darf –, macht mir Angst. Ich habe zwar eine große Familie, die für sie sorgen kann. Aber eine Fernbeziehung mit meiner Tochter führen? Das gefällt mir nicht.

 

In den zwei Monaten, die Sie in Deutschland waren, haben Sie bei der Deutschen Welle gearbeitet. Plötzlich weit weg von Befehlen und Zensur zu sein – inwiefern hat das Ihre Arbeit verändert?

Obwohl ich für Kulturthemen zuständig war, war ich hungrig nach Politik. Weil es meine Chance war, zu sagen, was ich wollte. An etwas Wahrem zu arbeiten. Mein erster Beitrag war einer über die Flüchtlinge am Berliner Oranienplatz.

Sie haben das Flüchtlingscamp gesehen – und trotzdem ist Berlin Ihr Zufluchtsort?

Der Himmel! Berlin ist der Himmel für mich. In Kairo – überhaupt in Ägypten – überlege ich ständig: Was sind mögliche Folgen von dem, was ich gerade tue? Wenn ich zu Hause ein politisches Lied höre, drehe ich die Lautstärke runter. Wegen der Nachbarn. Und wenn du arbeitest, musst du dich verbiegen. Dem Regime schmeicheln, dem Militär. Das größte Problem, das mir in Deutschland begegnen kann – Rassismus –, ist da vergleichsweise klein.

Klein?

Rassismus erfahre ich hier in Ägypten auch. Ich bin schwarz. Beim Fernsehen durfte ich als Reporterin arbeiten, nicht aber als Moderatorin. Obwohl ich live sicher auftrete. Ich habe ein Jahr lang versucht, meine Kollegen davon zu überzeugen, dass ich auch vor der Kamera gut bin. Ich bat, dass sie es mich versuchen lassen, dann würden sie schon sehen, dass ich es kann. Sie haben mir nicht geglaubt, bis es eine Art Notfall so gewollt hat. Es musste schnell gehen mit einem Bericht, und ich war gerade da. Von nun an hieß es: Na gut, du kannst auch mal moderieren. Wenn wir dich brauchen. Meine letzte Festanstellung endete allerdings damit, dass mein Chef sagte: Ich mag dein Gesicht auf dem Bildschirm nicht. Und in Ägypten ist es nicht so, dass dein Vertrag ausläuft und du dann deine Sachen packst. Du wachst auf und gehst nicht mehr ins Büro.

Vor kurzem hieß es, der jetzige Präsident Abdel Fattah al-Sisi plane den Bau einer neuen Hauptstadt. Elf ägyptische Zeitungen brachten hierzu die Schlagzeile: „Ägypten erwacht“. Was denken Sie, wenn Sie elfmal dasselbe lesen?

Dass Medien vom Regime geführt werden, kann niemand nachweisen. Aber jeder weiß es.

Worüber können Sie deshalb nicht berichten?

Früher habe ich viel über Minderheiten, wie etwa Christen, berichtet. Solche Themen sind mittlerweile zu riskant. Auch deshalb bewerbe ich mich gerade an der Freien Universität in Berlin. Bei meinen Aufenthalten in Deutschland war ich vom deutschen Bildungssystem beeindruckt. Ich würde meine Tochter gern davon profitieren lassen und selbst wieder studieren, in Deutschland meinen Master in Journalismus und Politikwissenschaften machen.

Was soll Ihr Thema sein an der Universität?

Es soll um die neue Generation der Muslime in Deutschland gehen – und um die verschiedenen Interpretationen des Islam.

Wafaa Al Badry, Jahrgang 1986, kam auf Einladung des Goethe-Instituts 2013 für eine Weiterbildung und ein Praktikum zur Deutschen Welle nach Berlin und Bonn. In diesem Frühjahr bloggte sie für das Goethe-Institut über die Berlinale. Im Juni wird sie zum Global Media Forum der Deutschen Welle nach Bonn reisen und bei einem Workshop des Goethe-Instituts sprechen.