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Deutschland sucht den Superstreber

Weil die Schulen zu sind, bieten die Öffentlich-Rechtlichen ihren eigenen Unterricht an. Unser Autor hat sich das einen Vormittag lang angetan – und ist auf den Geschmack gekommen

  • Eine kleine Pause
von Lafferts

9.00 Uhr

Die erste Stunde beginnt in Ischgl. Im Steinadlerflug kreisen wir um eine eingeschneite Bergalm. Verräterisch schön klingt das Hackbrettspiel. Die Alpenmelodien gehören nicht zum Intro eines Horrorfilms, sondern zum Abspann von „Panoramabilder“ auf BR alpha. Noch ein paar wenige Minuten Seniorensendung, bevor unsere Mission beginnt. Es ist 9 Uhr morgens. Mein zwölfjähriger Bruder Anton und ich liegen vor dem Laptop auf der Couch. Unser Auftrag: einen Vormittag lang Schulfernsehen durchgucken.

Über die Öffentlich-Rechtlichen wurde zuletzt viel gespottet, manche forderten gar die Abschaffung der Rundfunkgebühr. Jetzt aber das: 17 Millionen schalten bei der „Tagesschau“ ein, 18 Millionen bei der Merkel-Ansprache. Angst wirkt Wunder. Treibt die Heiden in die Kirchen und die Netflix-Häretiker zurück in die Arme der Öffentlichen.

Vom „Après-Ski-Mekka“ zur „Corona-Hölle“: So wurde über das österreichische Ischgl zuletzt in den Medien berichtet. Im „Panoramabild“ des BR ist die Welt noch in Ordnung

Da ist es nur konsequent, dass die ARD das „Schulfernsehen“ aus dem Hut zaubert, wenn die Schulen schließen. Um die Eltern zu entlasten, den Unterrichtsausfall abzufedern, den Absturz der Lernplattform Mebis in Bayern zu überbrücken. Jeden Morgen von 9 bis 12 Uhr.

„Waaas? So früh?“, hatte Anton gestern noch entsetzt gespielt. Aber weil der andere Bruder, 16-jährig, zu der Sorte Mensch gehört, die die Quarantäne nutzen, um sich selbst Hebräisch und Altgriechisch beizubringen und die gesammelten Werke von Erasmus von Rotterdam zu lesen (und daher keine Option für mich war), erbarmte sich der Kleine, mein Binge-Watching-Buddy zu werden.

9.02 Uhr

Wir zappen nach Österreich, dort haben sie nicht nur alte Sendungen hervorgekramt, sondern gleich ein neues Format erfunden: Die „ORF1 Freistunde“. Die Moderatorin Fanny Stampf kommt ins Studio gehüpft, verabschiedet den Kollegen, links-rechts-links wird gefüßelt, Secret-Handshaker Paul Pogba kann einstecken. Dann sehen wir, wie sich Fanny trotz Virus für uns bis ins Studio durchgekämpft hat. Menschenleere Gänge, gespenstisch die Kantine, Hände desinfiziert, dann noch mal gewaschen. Das Gefühl vom Marsch durch die Katakomben vor einem mittelklassigen Wrestling-Fight. Gleich wird unsere Heldin im Leoparden-Einteiler in der Arena stehen und uns das Virus auf Leben und Tod erklären.

9.04 Uhr

Wir geben zurück nach Bayern, wo unter dem Motto „Schule daheim“ ganze Vormittage pädagogisch kuratiert werden. Sie nennen es „Grips – Lernen mal anders“. Im „Glücksrad“-Style wird darüber entschieden, was wir lernen dürfen. Heute: English! Hooray! Der BR verspricht uns „lässige Lehrer“ und „außergewöhnliche Drehorte“. Wir bekommen: Michael Meisenzahl, Typ Oberstudienrat mit Karopullunder, Polohemdkragen und randloser Brille. Er ist mit zwei Kids – sie, Jessica, Typ coole Streberin, er, Sadiq, Typ „Hätte ich bloß hingehört, dann hätte ich mich nicht freiwillig gemeldet“ – im Zoo. Sie wollen ein Tier adoptieren, indem sie querbeet Adjektive steigern: big, bigger, the biggest. Easy, easier, the easiest. „Boring, more boring, most boring“, sagt mein Bruder.

9.20 Uhr

Zurück nach Wien. „Es wird definitiv nicht wie Schulunterricht!“, hatte uns Fanny versprochen – und jetzt stehen wir auf irgendeiner Farm in Namibia in einem Tierwaisenhaus, mit einer Frau van der Merve, die aussieht, als hätte sie sich hier beim letzten „GNTM“-Fotoshoot mit den Gepardenbabys abgeseilt. Mit Safari-Jeeps werden weiße Teeniescharen aus „Amerika, Europa und Australien“ angekarrt. „Sie wollen Afrika spüren und dabei über sich hinauswachsen!“, verkündet die Stimme aus dem Off – nicht ohne Theatralik. Manche haben mit Karabinern Nici-Plüsch-Giraffen an ihren Trekkingrucksäcken befestigt.

Lars aus Hamburg geht mit vier Löwen Gassi („Zwei Männer, vier Löwen, die sich gemeinsam die Füße vertreten“, kommentiert das Off), eine Rentnerin aus München steht am Wegesrand und gibt einem Affen ein Nuckelfläschchen („Wenn’s günstige Flüge gibt, komm ich zweimal im Jahr“), eine blonde Annika schmiegt sich furchtlos an das Löwengatter. „Er hat seine Pfoten rausgelegt, es sind die Sterne aufgegangen … Irgendwann wird man so vertraut, man kennt jeden Winkel seines Gesichts, man redet mit seinen Augen – aber tief drin wird er immer der Jäger bleiben.“ Wir wollen Annika und der Redaktion mit einem Lehrbuch über deutsche Kolonialgeschichte Luft zufächeln.

Kolonialisiert die Seele: „Die Teenies wollen Afrika spüren und dabei über sich hinauswachsen!“, sagt die Stimme aus dem Off

10.15 Uhr

„Als Nächstes schauten wir BR, wo auch eine Schulsendung lief, die aber – wie ich nicht erwartet hatte – noch langweiliger war“, notiert mein Bruder.

Im Medienschrank hat der Bayerische Rundfunk mittlerweile alte Aufnahmen von Victor Pichlmayr vom Telekolleg im 4:3-Format ins Programm gerollt. Mit Helmut-Kohl-Brille und grünkohlfarbenem Sakko trägt er seinen Sprechpart seit Jahrzehnten so vor, als hätte er ein Physikbuch gefrühstückt. Es geht um Natriumionen und Chloratome. Wir, die Wissen2Go-geschädigte Generation YouTube, würden gerne auf doppelte Geschwindigkeit stellen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Aufnahme nicht aus dem jetzigen Jahrtausend kommt“, schreibt Anton. Tatsächlich ist das Telekolleg eine 60er-Jahre-Erfindung des bayerischen Kultusministeriums, damit Erwachsene neben Beruf und Familie staatlich anerkannte Schulabschlüsse erwerben können.

Für mich ist Pichlmayr schon jetzt das Comeback des Jahres, eines, das Hoffnung macht. Alles scheint wieder möglich: Arne Friedrich führt das DFB-Team als Abwehrchef zur Europameisterschaft 2021, Modern Talking geben ihr Bühnencomeback, und Angela Merkel wird Kanzlerkandidatin der CDU.

Im Medienschrank rollt der BR den Klassiker herein: Victor Pichlmayr vom Telekolleg

10.30 Uhr

90 Minuten Qual. Anton hat die Augen geschlossen. Spontangefühl: Schulfernsehen ist mehr Gewissensbefriedigung für die Großen als Interessenbefriedigung der Kleinen. Letzte Chance: „Planet Schule“, das Onlineangebot des WDR. Wir ziehen hintereinander weg: einen Kurzfilm über Cybermobbing, eine Doku über Revolution (die Russische, die der Frauenbewegung in Schweden, gescheiterter Hitlerputsch in Deutschland). Dann „Ich und die Anderen – Sie, er oder wer?“, eine Doku über Fernis, 18, Nick, 16, und Anna-Lena, 17. Fernis und Nick wurden mit Vulven geboren – sind aber Männer. Bei Anna-Lena ist es genau andersherum. „Transgender sein ist, wie in einem Gummianzug zu stecken, der bis oben hin zu ist. Und an den Reißverschluss kommt man nicht ran“, sagt Anna-Lena.

Anton und ich sind das erste Mal an diesem Morgen voll bei der Sache. „Da habe ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht“, sagt er. „Wie würdest du damit umgehen, wenn dein bester Freund dir sagt, dass er eine Frau ist?“, frage ich. „Ich würde ihn auf jeden Fall dabei unterstützen und ihm sagen, dass das kein Problem ist.“ Ich kriege Gänsehaut – und ein schlechtes Gewissen. Nicht alles Gutgemeinte ist immer gut gemacht. Respekt verdienen die Öffentlich-Rechtlichen (in Deutschland wie in Österreich) mit ihrer schnell aufgesetzten Bildungsoffensive dennoch.

Wie in der echten Schule schweifen meine Gedanken kurz vor Schulschluss weit, weit ab: Ich stelle mir vor, wie Anton und ich eines Tages, post Corona, mit Fernis und Anna-Lena, Sadiq und Jessica, dem Pullundermann und Fanny Stampf, Annika und den BR-Programmdirektoren auf der Berghütte in Ischgl zu „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees die Öffentlich-Rechtlichen abfeiern. Nur Victor Pichlmayr vom Telekolleg wird fehlen. Der ist 2012 im Alter von 85 Jahren gestorben. Sein großes Comeback hat er nicht mehr miterlebt.

Nicht lustig: Am Ende fanden unsere beiden Fernsehschüler das Corona-Angebot der Öffentlich-Rechtlichen nicht nur langweilig und lustig antiquiert, sondern den Einsatz auch etwas rührend

Fotos: privat

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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