Wichtig waren nicht nur Kneipen wie der Sorgenbrecher am Hamburger Berg, wo immer alle waren, oder der Golden Pudel Club am Fischmarkt. Wichtig waren auch ein paar Dorfpunks. Auch wenn das gleichnamige Buch von Rocko Schamoni ein Roman ist, bezeichnet es doch einen typischen Protagonisten der Hamburger Schule.

Als Ende der 80er-Jahre die Neue Deutsche Welle vorbei ist, machen sich ein paar Bands daran, einen neuen Sound zu entwickeln, der mit deutschen Texte arbeitet, aber nicht nach Grönemeyer klingt. Die Musik ist handgemacht, die Texte ernsthaft, die Protagonisten aus Bad Salzuflen, Pinneberg, Lütjenburg und Hamburg. Sie singen über Politik und Alltag, und Mitte der 1990er-Jahre sind sie plötzlich auch kommerziell erfolgreich: „Posen“ der Sterne, „L’Etat Et Moi“ von Blumfeld oder Tocotronics „Wir kommen, um uns zu beschweren“ erreichen auch die Charts und das Musikfernsehen.

Den Namen Hamburger Schule erfand seinerzeit die „taz“. Er ist angelehnt an die Frankfurter Schule, jene Gruppe von Soziologen und Philosophen um Adorno und Horkheimer, die für ihre Kritische Theorie bekannt wurden. Keine Lust mehr auf Ernsthaftigkeit hatten irgendwann Blumfeld. Ihr letztes Album „Verbotene Früchte“ (2006) besteht aus Liedern über die heimische Flora und Fauna.

Top 10 Hamburger Schule von Gereon Klug, Betreiber des Hamburger Plattenladens Hanseplatte
 und Autor von „Low Fidelity: Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream" (Haffmans & Tolkemitt)

1. Tocotronic: „Rebel Boy“ (Ada Remix) (2015)

Natürlich sind diese Typen dabei! Aber mit welchem Lied? Kann man ja 95 nehmen. Entscheidung für diesen weitgehend unbekannten, wunderschönen neuen Remix, da besser als das Original.

2. Studio Braun: „Mariacron“ (2002)

Der unglaublich prägende Humor-Arm. Stilbildend und kackenlustig. Meisterhaft arrangiertes Soziotopic mit starkem Alkoholbezug. Ein Volkslied, „jo, das ist ’n Hit, ’ne?“

3. Blumfeld: „Ich-Maschine“ (1992)

Grad noch mal wiedergehört: Wie scharf und zwingend das damals war! Beeindruckender Pfeffer im Arsch der sozialen Randgruppe auf dem Weg zu sich selbst.

4. Lassie Singers: „Hamburg“ (1992)

Kamen aus Berlin und schrieben die schönste Hymne auf die Stadt im Norden am Elbedelta, die damals noch nicht zur Event-Olympia-Musical-Stadt verkommen war.

5. Goldene Zitronen: „Kaufleute 2.01“ (2014)

„Ist das schon Rom, oder ist das noch St. Pauli?“ Schorschig gerappte Gentrifizierungskritik über trockenem Kraut-Groove. Nun auch auf International erhältlich: „Businesspeople 2.1“.

6. Adolf Noise: „Zuviel Zeit“ (2004)

DJ Koze unter seinem Illbient-Alias, basiert auf der genialen Erkenntnistheorie von Gunter Gabriel: „Ich hab leider keine Zeit, ich muss meinen Arsch immer in Bewegung halten, damit die Knete stimmt!“

7. Knarf Rellöm Trinity: „LCD is playing at my house“ (2006)

Knallender Soulpunk mit Electro von den Diggern with Attitude: „Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, gebt mir volles Maß!“ Richtig, wichtig, popichtig.

8. Oma Hans: „Arche Oma Hans“ (2005)

„Alle rauf auf die Arche. Nicht streiten! Ich will keine Kacki am Fell sehen! Ab in die Tränke, einmal alle saubermachen! Jochen und Ted, hier wird nicht diskutiert! Ihr geilen Tiere! Ich will keine Unruhe in meinem Schiff!“ Genial.

9. Brüllen: „Boy With Schatzitude“ (1997)

Brillant und kaum jemandem bekannt. Stellvertretend für den frühen HH-Schule-Ansatz von Cpt. Kirk &., Kolossale Jugend, Sterne etc., der noch alles sehr weit denken konnte: Jazz und Punk, Haltung und Freiheit, Groove und Steife.

10. Element Of Crime & Andreas Dorau: „Hamburg 75“ (2010)

Nach der Schule räsoniert man im Altersheim: „Jungs, war das gemütlich, da schien noch ein richtiger Mond in der Nacht!“ Ursprünglich von den Rentnerbandlern „Gottfried & Lonzo“.