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Einmal digital entgiften, bitte

Ständige Erreichbarkeit kann belasten – und selbst im Urlaub für permanenten Stress sorgen. Dabei wäre der die perfekte Gelegenheit für einen „Digital Detox“, sagt die Soziologin Luise Stoltenberg

  • nur mal kurz E-Mails checken
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fluter.de: Frau Stoltenberg, haben Sie im letzten Urlaub Ihr Smartphone benutzt?

Luise Stoltenberg: Mein letzter Urlaub war in Japan. Ich habe mir vor Ort eine SIM-Karte gekauft, damit ich ins Internet kam. Gerade da habe ich total davon profitiert, einfach durch die Stadt zu navigieren, den Kontakt mit Freunden zu Hause zu halten und schnell Bilder zu teilen. Von daher auf jeden Fall: Ich brauche mein Handy im Urlaub.

Manches Hotel in den Bergen wirbt damit, kein WLAN zu haben und in einem Funkloch zu liegen. Es erscheint paradox, dass Menschen in einer Welt, die nie so vernetzt und digitalisiert war wie heute, Geld dafür ausgeben, im Urlaub offline zu sein.

Das stimmt, aber es wird ja nur ein temporärer digitaler Verzicht und kein Dauerzustand angestrebt. Es gibt unterschiedliche Beweggründe, warum Menschen sich für einen Digital Detox entscheiden. Viele empfinden die Anforderungen des digitalen Zeitalters als Zumutung und Belastung. Sie suchen nach einer kurzzeitigen Pause zum Aufatmen. Es gibt auch Menschen, die nach Gemeinschaftsgefühl und Aktivitäten suchen, einem radikalen Kontrast zu ihrem Alltag. Und dann gibt es noch eine dritte Personengruppe, die ihren digitalen Konsum schon für problematisch hält und nach Wegen sucht, ihre Verhaltensmuster zu durchbrechen.

 „Die Teilnehmer wollten die Sorglosigkeit ihrer Kindheit ohne Internet noch mal kurz nachempfinden“

Spielt es auch eine Rolle, dass es in Zeiten des EU-Handytarifs und WLAN in fast jedem Hotel immer schwieriger wird, der digitalen Welt zu entkommen?

Das spielt auf jeden Fall eine große Rolle. Ich habe letztes Jahr im Sommer selbst an einem Digital-Detox-Camp in den USA teilgenommen, und dort waren viele Menschen, die Lust hatten, gemeinsam eine Art analoge Nostalgie zu zelebrieren. Sie wollten die Sorglosigkeit ihrer Kindheit ohne Internet noch mal kurz nachempfinden. Denen war aber auch klar, dass das Internet nicht nur ein Risiko ist, sondern auch viele positive Seiten hat.

Also war das kein kalter Entzug vom Internet.

Für die Zeit in dem Camp auf jeden Fall, aber allen ist klar, dass im richtigen Leben ein vollkommener Cut – allein aufgrund der beruflichen Situation – schwierig herzustellen ist. Es gibt Menschen, die das tun, die sogenannte „Off the grid“-Bewegung. Die sagen sich aber nicht nur vom Internet, sondern auch vom Strom los und versuchen, komplett autonom und zurückgezogen in der Natur zu leben. Das geht aber natürlich mit einer sehr starken sozialen Isolation einher.

Wie läuft der Alltag in so einem Digital-Detox-Camp ab?

Jeden Tag gibt es wahnsinnig viel Programm mit Seminaren und kreativen Workshops. Das ist gleichzeitig auch mein größter Kritikpunkt an den Camps: Das tatsächliche Innehalten kommt zu kurz. Es fehlt die Zeit, darüber nachzudenken, ob der Umgang mit dem eigenen Smartphone problematisch ist – und wenn ja, was man dagegen tun kann. Der Entzug wird einfach durch ein wahnsinnig vielfältiges Programm kompensiert. Das Programm als solches ist aber sehr schön und unterhaltsam.

Wie nachhaltig hilft so ein Digital-Detox-Urlaub, die Verhaltensmuster im Alltag zu ändern?

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben gesagt, dass es nicht die große Veränderung im Alltag gibt, sondern ganz viele kleine Praktiken. Eine Teilnehmerin hat mir berichtet, dass sie seit dem Camp eine Regel für Essensverabredungen etabliert hat: Wenn sie mit Freunden essen geht, müssen alle ihr Handy auf den Tisch legen, sodass man das Display nicht sehen kann, und die Person, die zuerst ihr Handy in die Hand nimmt, muss die Rechnung für alle bezahlen. Viele versuchen auch, ihr Smartphone nicht mehr mit ins Schlafzimmer zu nehmen. Ich selbst habe nach dem Camp sehr bewusst darauf geachtet, wann und in welchen Situationen ich mein Handy in die Hand nehme. Das hat aber leider nicht lange angehalten. Dabei habe ich sogar festgestellt, dass ich öfter ein Phantom-Vibrieren spüre, bei dem man denkt, man habe eine Nachricht erhalten, obwohl eigentlich gar nichts passiert ist. Das hat mich sehr erschreckt.

 „Dieser professionelle Digital-Detox-Tourismus ist nicht etwas total Innovatives. Man denke zum Beispiel an ein Schweigekloster oder auch Pilgerreisen“

Könnte man nicht genauso gut Urlaub an der Nordsee machen und sein Smartphone dort einfach ausschalten?

Auf jeden Fall. Dieser professionelle Digital-Detox-Tourismus ist nicht etwas total Innovatives. Man denke zum Beispiel an ein Schweigekloster oder auch Pilgerreisen. Generell bietet ein Urlaub eine gute Gelegenheit für einen temporären Verzicht. Jeder und jede kann das in Eigenregie ausprobieren. Für manche ist es aber leichter, wenn es eine vorgegebene Struktur und eine Anleitung gibt.

Der Wunsch nach mehr Offline wird auch im Silicon Valley wahrgenommen. Es gibt schon jede Menge Apps, die einem helfen sollen, sich die eigene digitale Aktivität vor Augen zu halten und sie zu begrenzen.

Wenn Konzerne auf diesen Wunsch nach einer digitalen Auszeit aufspringen, ist Vorsicht geboten. Denn das ist natürlich in erster Linie ökonomisch motiviert. Was meines Erachtens fehlt, ist eine politische Diskussion. Wenn mehr und mehr Menschen das Gefühl haben, dass sie der digitalen Innovation nicht mehr gerecht werden können, dann ist das kein individuelles Problem mehr, sondern erfordert gesamtgesellschaftliche Maßnahmen. Momentan habe ich den Eindruck, dass diese Digital-Detox-Camps sogar eher kontraproduktiv wirken, weil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dort lernen, wie sie sich selbst optimieren, um nicht hinter dem digitalen Fortschritt zurückzufallen.

Was kann die Politik denn tun?

Digitale Innovationsprozesse können im Moment völlig ungeregelt ablaufen. Wir müssen darüber reden, ob wir uns als Gesellschaft durch das Digitale bestimmen lassen wollen oder ob wir selbst aktiv Einfluss ausüben möchten, um digitale Strukturen zu prägen und ihre Auswirkungen zu regulieren. Ziel sollte es doch sein, dass viele von derartigen Innovationen tatsächlich profitieren, statt sich fremdbestimmt und unterdrückt zu fühlen.

Luise Stoltenberg ist Doktorandin im Fachbereich Sozialwissenschaften der Uni Hamburg. Sie beschäftigt sich mit Urlaubsangeboten für Digital Detox und schreibt ihre Dissertation über Couchsurfing und Airbnb.

Foto: Brooke DiDonato

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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