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Im Raubtiergehege

Deutsches Kino, das man aushalten muss: Jan Bonny hat mit „Wintermärchen“ einen gewagten und sehr konsequenten Film über die NSU-Morde gedreht

  • 3 Min.
Szene aus dem Film "Wintermärchen"

Wenn man einen Film dreht, der als schwer fassbare Geschichte der rechtsterroristischen Gruppe „NSU“ („Nationalsozialistischer Untergrund“) gesehen wird, muss man unbedingt verhindern, in die Romantikfalle zu tappen. Terroristenfilme werden leicht zu Outlaw-Erzählungen, denen etwas Mythisierendes anhaftet. Das darf im Fall dieser drei Neonazis, die zehn Menschen ermordeten und zahlreiche Anschläge verübten, nicht passieren; zu abscheulich sind ihre Taten und ihr Weltbild.

Für seinen Spielfilm „Wintermärchen“ ist Regisseur Jan Bonny sehr tief hineingewatet in den braunen Sumpf. Was er darin findet und zeigt, soll dafür sorgen, dass jede Gefahr der Romantisierung gebannt wird. Der Film ist sehr nah bei den drei ProtagonistInnen, die Kamera fast durchgängig auf engstem Raum mit ihnen zusammen, was nur schwer zu ertragen ist. Es ist ungefähr so, als wäre man in einem Raubtiergehege gefangen. 

Schießen, saufen, vögeln, schießen

Dabei behauptet „Wintermärchen“ nicht, ein Film über den realen NSU zu sein. Doch einige Elemente – ein Trio, Schusswaffen, Rassismus, Gewaltverbrechen – laden dazu ein, Parallelen zu ziehen. Die drei heißen hier Tommy, Becky und Maik. Zunächst gibt es nur Becky und Tommy, die ein Paar sind. Man sieht sie bei Schießübungen im Wald und bei Sexübungen in einer hässlichen kleinen Wohnung. Beides läuft eher unterdurchschnittlich, was besonders Becky immer unzufriedener und aggressiver macht. „Der da?, Der da?“ sagt sie ein ums andere Mal, wenn die beiden im Auto an ausländisch aussehenden Männern vorbeifahren. Damit meint sie, Tommy solle doch endlich mal einen der Typen erschießen. Aber der traut sich nicht oder hat Skrupel. Erst als der Dritte, Maik, zu ihnen stößt, ändert sich etwas. Während Tommy noch mit seinen inneren Dämonen ringt, kennt Maik keinerlei Hemmungen. Er setzt sich als Alphatier in Szene, zu dem Becky umstandslos überläuft, während Tommy im Nebenzimmer mit Maiks Unterhose über dem Kopf masturbiert. Danach überfallen die Männer einen türkischen Supermarkt und ermorden den Inhaber und seine beiden Söhne. Anschließend wird in einer türkisch geführten Bar ordentlich abgefeiert.

„Wintermärchen“ hat eine FSK-Freigabe ab 16 Jahren, was irgendwie erstaunlich ist, denn Sex und Gewalt sind immerhin die einzigen, konsequent durchgezogenen Themen dieses Films. Sicher hat bei der Vergabe des Ratings eine Rolle gespielt, dass Gewalt hier eben nicht verherrlicht, sondern als widerwärtiges Ausagieren niederster Triebe gezeigt wird. Das Gleiche gilt für Sex, den man selten so erbärmlich – und dann auch noch so viel davon – gesehen hat wie hier. Die drei HauptdarstellerInnen (Jean-Luc-Bubert, Thomas Schubert, Ricarda Seifried) leisten Enormes. Man möchte nicht in ihrer Haut stecken und mehr ist von ihnen über weite Strecken auch nicht zu sehen.

Kein Thriller, aber schon bisschen seltsam

Wie die realen NSU-Neonazis ihr Beziehungs- und Sexleben gestalteten, wissen wir nicht. Doch so explizit die Darstellung des Sex hier ist, so wenig pornografisch ist die Wirkung. Dasselbe gilt für die Mordszenen. Die enthemmte Brutalität der Täter wird gezeigt, die Würde der Opfer bleibt unangetastet (darin unterscheidet sich dieser Film wohltuend von so mancher gefeierten Thrillerserie). Es schmerzt auch so genug.

Was kaum vorkommt, ist der ideologische Rahmen, in dem die Verbrechen stehen. Ab und an ziehen die drei beim Trinken über Ausländer her. Ab und an wird „Deutschland! Deutschland!“ gegrölt. Aber das geschieht scheinbar nebenbei; es geht darum, dass der Gewaltstau sich sein Ventil sucht. Mindestens ebenso wichtig ist es, innerhalb des Trios das richtige Ventil zu finden, eine endgültige Gruppenstruktur zu etablieren: Wer darf mit wem? Wer hat die Macht? Die eigentliche Macht hat, in diesem Film, die Frau: Mit hysterischer Eifersucht hält sie das Trio zusammen, lässt niemanden hinein, schon gar keine andere Frau, aber auch die sexuelle Spannung zwischen den Männern hält sie nicht aus. Die einzig richtige Lösung ist schließlich ein zünftiger Dreier.

Irgendwie ist der Nazischockerfilm auf seinen letzten Metern zu einer Paraphrase von Lars von Triers „Idioten“ geworden. Es ist alles ein bisschen seltsam. Aber man kann sich ziemlich viel dazu denken.

Titelbild: W-film / Heimatfilm

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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