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Knarren und Kekse

In „La Paranza dei Bambini“ nach einem Roman von Roberto Saviano knattern sechs Jungs durch Neapel und wollen Mafiabosse werden

La Paranza dei Bambini

Was passiert?

Sie träumen von Mädchen, teuren Markenklamotten und davon, endlich in die Disco zu kommen: Wenn der 15-jährige Nicola und seine Freunde auf ihren Mofas durch die Straßen von Neapel cruisen, sind sie ganz normale Teenager, wie es sie überall gibt. Doch in dieser Stadt geht es nicht ohne die Mafia. Das merkt Nicola, als er zusehen muss, wie seine Mutter Schutzgeld zahlt. Oder als er das mit viel Bling-Bling eingerichtete Haus eines Mafiosi-Sohns besucht. Die Jungs lassen sich anheuern, steigen zu Drogendealern auf, können sich bald alle ihre Träume kaufen – und wollen mit der kompromisslosen Ungeduld von Heranwachsenden immer mehr: die Herrschaft über ihr Viertel.

Was zeigt uns das?

Der Gewalt kann man nicht entkommen. Selbst wenn man sich mit 15 noch unsterblich vorkommen mag. Und wer sich Schusswaffen besorgt (und sie, nach dem Studium von YouTube-Tutorials, auch einsetzt), wird irgendwann selbst beschossen. Auch wie Rituale und „Gesetze“ toxischer Männlichkeit über die Generationen vererbt werden, zeigt der Film. Immer wieder geht es um verletzte Ehre. Ein tödlicher Mix.

Wie wird es erzählt?

Laut, schnell, hektisch, so ungeduldig und so voller Energie wie die Protagonisten. Die Handkamera filmt immer wieder über die Schulter von Nicola, fast wie in einem Ego-Shooter.

Good Job!

Alle jugendlichen Darsteller sind Laienschauspieler, sie kommen wirklich aus Neapel. Und sie sind toll, Hauptdarsteller Francesco di Napoli gilt jetzt sogar als Kandidat für den Silbernen Bären. Großen Respekt also für die Jungen, aber auch für das Castingteam, das ein halbes Jahr lang aus 4.000 Bewerbern acht aussiebte. Und für Regisseur Claudio Giovannesi, was er mit ihnen veranstaltet.

FYI

Die Romanvorlage zum Film stammt von Roberto Saviano – und der kennt sich aus mit der Mafia in und um Neapel. Der Journalist und Buchautor recherchiert seit mehr als 15 Jahren über die Machenschaften der Camorra-Clans. Berühmt wurde er mit seinem Buch „Gomorrha“, das 2008 auch verfilmt wurde. So ein Mann macht sich Feinde: Saviano lebt unter Polizeischutz und an einem unbekannten Ort. In Berlin war er trotzdem, in Begleitung von Bodyguards.

Stärkste Szene

Der Film ist schon recht weit fortgeschritten, Nicola hat gerade seiner Mutter für 10.000 Euro neue Möbel gekauft und sich mit weitaus erfahreneren Gangstern als er selbst angelegt. Und dann steht er morgens in der Küche und streitet mit seinem kleineren Bruder darüber, wer wessen Kekse aufgegessen hat, bis Mamma kommt und den Streit schlichtet. Und plötzlich merkt man, dass Nicola doch noch ein halbes Kind ist.

Schwierig

Trotz aller Energie bleibt der Film ein wenig öde. Zwar sorgt allein die Frage, ob sich die Jungmafiosi irgendwann doch mal beim Feiern versehentlich erschießen, für permanente Spannung. Doch zu sehr hakt die Geschichte einfach nur die Stationen des Aufstiegs ab. Irgendetwas fehlt hier.

Für alle …

… Fans von Mafiafilmen. Und für Romanisten, die sich den Film dann aber in Originalsprache anschauen müssen. Gesprochen wird nämlich der Dialekt von Neapel, den selbst Italiener kaum verstehen. Ein linguistisches Spektakel.

Titelbild: Palomar 2018

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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