Das Heft – Nr. 69

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Feind und Helferin

Für viele sind Polizisten nur die bösen Bullen. Isabella Harms mag ihren Beruf dennoch. Aber sie hätte gern mehr Respekt

Isabella Harms hat erlebt, was andere nur im Kino sehen: Sie hat einen zermatschten Körper nach dem Sprung aus dem 13. Stock umgedreht, die Tür eingetreten zu einem Mann mit Wut im Gesicht und knackendem Taser in der Hand. Sie hat einer jungen Frau ein Klappmesser abgenommen, die Situation entschärft. Aber Dank für ihren Job erfährt die Streifenpolizistin selten, viel öfter wird sie angepöbelt.

22.340 Mal wurden Polizisten im Jahr 2017 in Deutschland angespuckt, geschubst oder verletzt. „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ lautet der Straftatbestand. Gleichzeitig vertrauten die Deutschen im selben Jahr keiner anderen Institution so sehr wie der Polizei. Das hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa ergeben.

Isabella Harms, blonder Zopf, lila Nagellack, dreht das Autoradio leise. Das Mädchen am Telefon hat der Notruf-Hotline etwas von einer wilden Party in der Nacht erzählt, von Koks und Jungs, die auf sie eingeschlagen hätten. Jetzt ist es Mittwoch, 10.30 Uhr. Die 34-Jährige drückt den Knopf in der Mittelkonsole, Blaulicht und Sirene springen an.

Es muss schnell gehen. Streifenpolizisten stehen oft unter Druck. Auch wenn es in Niedersachsen noch nie so viele Polizisten gab und immer mehr in den Beruf wollen, sind sie zu wenige, sagt Harms: „Wir arbeiten uns den Wolf.“ Freinehmen dürfe sich im Sommer niemand, denn: „Alle drehen bei der Hitze durch.“ Die Polizisten seien dann pausenlos im Einsatz. „Wenn du da aufs Klo musst“, sagt Harms, „gehste halt in den Wald.“

Damit die alleinerziehende Mutter die Miete zahlen kann, arbeitet sie häufig 50 statt 35 Stunden in der Woche. „Wenn meine Kleine nicht da ist“, erzählt Harms, „arbeite ich zwölf Tage durch.“ Das geht, weil sich auch der Papa ab und zu kümmert und ihre Eltern in die Nähe gezogen sind.

Sie rast zwischen ausweichenden Autos hindurch, der Regen spritzt hoch. Harms mag das, gebraucht zu werden. Aber es geht an die Substanz, wenn die Streife nach einer Zwölfstundenschicht auch noch angepöbelt wird.

Harms lenkt mit einer Hand weiter, zieht sich im Fahren Handschuhe über. Dann stoppt sie. Es ist ruhig hier, im Norden Lüneburgs, nah bei der Stadt und doch im Grünen. „Freibier gab’s gestern“ steht auf einem Schild im Vorgarten eines Backsteinhauses. Beim Haus gegenüber warten drei Polizisten und ein Rettungswagen. Auf der Terrasse parkt ein Sportwagen, an der Hauswand hängt eine Deutschlandflagge.

Der Einsatzleiter verteilt Aufgaben und Pfefferminzdrops. „Krass, ich hab auch ein Bonbon gekriegt“, ruft ein bartloser junger Mann, der in nassen Socken im Türrahmen steht und raucht. „Warum denn nicht“, antwortet sein Kumpel im Wohnzimmer. „Polizisten sind auch nur Menschen.“

Auch nur Menschen? „Für viele sind wir der Staatsfeind Nummer eins“, sagt Harms später, „und nur da, um zu schikanieren.“ In der Freizeit seien die Streifenkollegen froh, ohne Uniform nicht erkannt zu werden. Ihrem Gefühl nach nehmen die brenzligen Situationen zu: „Dass uns wer mit einem Messer begegnet oder sich welche zusammenrotten gegen uns.“

Die ganze Nacht waren sie wach: Sechs Jungs, zwei Mädels, sie haben getrunken und weiße Linien geschnupft. Dann ist es eskaliert. Ein Mädchen ist verletzt. Harms soll die Frauen durchsuchen. Sie läuft zum Rettungswagen. Andere Polizisten stellen sich an jeder Hausecke auf, damit niemand abhaut. Für den Stand der Polizei in der Bevölkerung hätten die Krawalle am Rande des G-20-Gipfels in Hamburg 2017 ihr Gutes gehabt, meint Harms: „So schlimm das für die Polizei war, so augenöffnend war es für die Bevölkerung.“ Damals, als in Hamburg Kleinwagen angezündet wurden, hätten viele erkannt, welchen Gefahren die Beamten ausgesetzt sind – wenn sie gerufen werden, um für Ordnung zu sorgen. Auch zwei ihrer Freundinnen seien im Einsatz gewesen, 56 Stunden in einer 22 Kilogramm schweren Uniform. „Die sind regelrecht verheizt worden.“ Und die Leute daheim, die von allem nur in der Zeitung gelesen haben? „Die standen für uns Spalier und haben geklatscht“, sagt Harms. Auch Monate später liegt Staunen in ihrer Stimme, wenn sie davon erzählt. Dankbarkeit erlebt sie selten. „Ich finde, Deutschland vergisst zu schnell.“

Harms klettert in den Rettungswagen. Dort liegt ein dunkelhaariges Mädchen. Mascara läuft ihr als schwarze Tränen über die Wangen, Blut klebt an der Lippe und an den Händen. Sie schnappt nach Luft: „Ihr glaubt mir doch eh nicht.“ „Ich glaub nicht, dass du lügst“, antwortet Harms. Ihre Ruhe überträgt sich auf die 19-Jährige. Die sagt dann doch, wie sie heißt, wann sie geboren ist, pustet ins Röhrchen – 1,8 Promille. Sie berührt Harms an der Schulter. Die Polizistin weicht zurück, bringt etwas Abstand zwischen sich und das Mädchen. Sie weiß nie, wie ihr Gegenüber reagiert. Sophie spricht vom Klappmesser in ihrer Tasche. Als einer der Jungs auf sie losgegangen ist, habe sie ihm gedroht: „Ich stech dich ab.“

Harms steigt aus, geht zum Beifahrersitz. Dort sitzt die Freundin der 19-Jährigen. Ihre blonden Haare hat sie für die Nacht zu Locken gedreht. Sie ist aufgekratzt, schon angeschnallt, will ihre Freundin ins Krankenhaus begleiten. Sie hat Sophies Tasche auf dem Schoß und das Messer. Die Polizistin greift danach, reicht es an die Kollegen weiter.

Das Mädchen will nichts sagen. Ihren Namen nicht, ihr Alter nicht, auch nicht, wo sie wohnt. Sie reagiert trotzig. Sagt nur, sie komme aus Russland. „Russland ist groß“, antwortet Harms. „Wenn ich sag: ‚Ich komm aus Deutschland‘, reicht das auch nicht.“ Die Polizistin wird ungeduldig. „Da müsst ihr euch halt mal dran gewöhnen“, pampt das Mädchen zurück, „wir sind auch schon länger da.“ „Klar, jetzt kommt die Rassismuskeule“, erwidert Harms und lacht trocken. Ihre sanfte Art ist in Härte umgeschlagen, sie weiß, hier muss sie durchgreifen.

Der Rettungswagen fährt ohne die Freundin ab. Der Einsatzleiter will die junge Frau mit aufs Revier nehmen. Sie sitzt schon hinten im Streifenwagen, blafft die Polizisten wieder an: „Heute noch?“ Mit ihrer frechen Art reizt sie die Beamten. „So ein renitentes Verhalten ist typisch“, sagt Harms genervt, als sie wieder am Steuer sitzt, „das erleben wir täglich.“ Zurück auf der Wache, hängt sie den Autoschlüssel an den Haken, schüttelt allen Kollegen, die vorbeikommen, die Hand. Die Polizisten kennen sich gut, haben Spitznamen füreinander. Sie geben sich den nötigen Halt, wenn sie auf der Straße aggressiv angegangen werden. Nach einem schlimmen Einsatz trinken sie Malzbier auf der Wache und sprechen über das Erlebte. Isabella Harms bedient sich am Obstteller eines Kollegen. „Es klingt kitschig“, sagt sie und beißt in den Apfel, „aber wir sind hier eine Familie.“

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

2 Kommentare
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Tanja
  ·  
08.02.2019-11:02

Genau der letzte Satz ist ein großes Problem. Die Polizist*innen sehen sich als Familie. Die Familie wird im Zweifelsfall immer beschützt und steht für einander ein.

Grundlose Beschimpfungen und Angriffe auf Menschen sind niemals okay, aber genau diese werden auch von Polizist*innen durchgeführt und diese werden als Täter*innen dann von ihrer "Familie" geschützt, im schlimmsten Fall wird das Opfer [von Polizeigewalt] dann selbst zu Täter*in gemacht.

Scheinbar scheint für die meisten Politiker*innen und Akteur*innen in dem Bereich nicht beides Möglich zu sein: Stärkung der Polizei (durch bessere, gleiche Ausbildung und mehr Personal) und gleichzeitiger Kontrolle der Polizei durch eine unabhängige Ermitungsstelle und Kennzeichnungspflicht für Polizist*innen zum Schutz der Bürger*innen.

Deine Mudder
  ·  
16.03.2019-03:03

Guter Artikel! Mehr muss dazu nicht gesagt werden...