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„Sexuelle Objektivierung ist nicht unbedingt schlecht“

Ninja Thyberg hat mit „Pleasure“ einen Film über das Pornobusiness gedreht. Im Interview erzählt die schwedische Regisseurin, warum sie früher Anti-Porno-Aktivistin war – ihre Meinung aber geändert hat

Pleasure

fluter.de: Ninja, du hast einen Film gedreht über eine junge Schwedin, die nach Los Angeles zieht, um der nächste große Pornostar zu werden. Was hat dich an dieser Geschichte interessiert?

Ninja Thyberg: Einmal sind Pornos einfach ein großer Teil unserer Kultur. Die Leute gucken immer mehr davon, reden aber so gut wie nie darüber. Das ist ein riesiges Problem. Außerdem interessiere ich mich seit meiner Jugend für den männlichen Blick, also die Frage, wie viel in unserer Kultur aus männlicher Perspektive erzählt wird. Wir sind uns dessen meist gar nicht bewusst. Auch wir Frauen haben diesen Blick verinnerlicht, wir betrachten die Welt aus einer männlichen Perspektive. Die Pornoindustrie war der perfekte Schauplatz, um aus einer weiblichen Sichtweise diesen „männlichen Blick“ zu entlarven. Für mich ist der Film sowohl ein Porträt der Pornoindustrie als auch eine Metapher für unsere Gesellschaft – er zeigt, wie es ist, eine Frau in einer von Männern dominierten Welt zu sein.

Wie genau hast du in „Pleasure“ den weiblichen Blick umgesetzt?

Zum Beispiel, indem ich den Blick umkehre. Die Kamera nimmt oft die Perspektive der Hauptfigur Bella ein. Wir sehen den Mann hinter der Kamera, also das, was Bella sieht, wenn sie während eines Pornodrehs Sex hat. Im Porno dagegen sehen wir oft alles durch die Augen des Mannes. Der Zuschauer wird so unwillkürlich zu der Person, die die Frau fickt. Mein Film konzentriert sich dagegen auf weibliche Erfahrungen. Zum Beispiel, was Bella versteckt oder wie sie sich vorbereitet, um den männlichen Fantasien zu entsprechen.

 Sofia Kappel und Ninja Thyberg (Foto: picture alliance / TT NYHETSBYRÅN | Adam Ihse / TT)
Mit weiblichen Netzwerken gegen das Patriarchat: Hauptdarstellerin Sofia Kappel und Regisseurin Ninja Thyberg bei den Dreharbeiten zu „Pleasure“ (Foto: picture alliance / TT NYHETSBYRÅN | Adam Ihse / TT)

Das klingt so, als wolltest du die Protagonistin Bella eigentlich nicht sexualisieren. Aber wie geht das mit einer Figur, die von ihrer Sexualisierung lebt?

Das geht nicht. In der Vorproduktion des Films dachte ich immer, wenn ihr Körper im Bild war: „Oh nein, das ist zu sexualisierend, das ist ein zu männlicher Blick.“ Irgendwann wurde mir klar, dass es nicht an der Kamera oder dem Licht lag. Ich selbst sexualisierte sie, ich war nicht in der Lage, sie ohne den männlichen Blick im Kopf anzusehen. Hätten wir sie nicht nackt gezeigt, hätten wir den weiblichen Körper zensiert und ihn für den männlichen Blick verantwortlich gemacht. Was der Film stattdessen will, ist, zu zeigen, wie Bella mit ihrer sexuellen Objektifizierung umgeht. Es ist ihre Entscheidung, sie schlüpft in die Rolle, ist gleichzeitig Subjekt und Objekt. Ihre Sexualisierung ist also eine bewusste Strategie – sie hat die Handlungsmacht dabei.

„Junge Menschen werden sexuell durch Pornos aufgeklärt, die oft sehr frauenfeindlich sind“

Abgesehen von der Hauptdarstellerin Sofia Kappel arbeitest du nur mit Darstellerinnen aus der Pornobranche. Wie schwer war es, sie für einen Film über das Business und seine Probleme zu finden?

Das war gar nicht schwer. Die Branche ist ja keine Einheit. Viele Menschen wollen die Probleme, die es dort gibt, lösen. Mein Ziel war es außerdem nicht, einzelne Personen zu kritisieren, sondern die Machtstrukturen in der Branche. Die gibt es aber überall. Sie sind bedingt durch Mechanismen wie den Kapitalismus und das Patriarchat. Die sind das Problem, nicht die Tatsache, dass Leute vor der Kamera Sex haben.

Warst du schon immer so liberal in Bezug auf Pornografie?

Nein, meine Einstellung hat sich total verändert. Als Teenager war ich eine Anti-Porno-Aktivistin. Pornografie bedeutete für mich damals nichts anderes als die Ausbeutung von Frauen. Aber ich habe meine Meinung geändert. Ich denke zwar immer noch, dass die meisten Pornos aus einer männlichen Perspektive erzählt sind und sich auf weibliche Unterwerfung und männliche Dominanz konzentrieren. Aber es gibt auch andere Arten von Pornos. Ich hoffe, dass ich künftig noch mehr davon sehe.

Was hat denn diesen Sinneswandel bewirkt?

Als Erstes habe ich verstanden, dass man Pornos nicht verbieten kann. Die Leute werden immer Pornos schauen. Ich schaue sie ja selbst. Sexuelle Objektivierung an sich ist außerdem nicht unbedingt schlecht. Wir wollen doch für unsere Partner Sexualobjekte sein. Und auch etwas aus männlicher Sicht zu zeigen ist ja nicht per se schlimm, genauso wenig wie die Darstellung von Dominanz. Das Problem ist eher, wie eindimensional das meist dargestellt wird. Und dass diejenigen, die für Pornos bezahlen, Männer sind und diejenigen, die den größten Teil der Pornos drehen, auch Männer sind. Junge Menschen werden sexuell durch Pornos aufgeklärt, die oft sehr frauenfeindlich sind. Darin sind männliche Dominanz und weibliche Unterwerfung überrepräsentiert. Wenn das alle ständig sehen, hat das natürlich negative Folgen.

Im Film gibt es sehr explizite Sexszenen. Warum war dir das wichtig?

Ich finde nicht, dass der Film explizit ist. „Pleasure“ zeigt keinen echten Sex, keine Penetration, wir sehen kaum Vaginas. Aber ich zeige steife Penisse. Mit denen arbeitet die Hauptfigur Bella einfach. Das zu verstecken würde bedeuten, ihrer Geschichte nicht gerecht zu werden. Irgendwie provoziert es mich, dass es so ein großes Ding sein soll, Penisse zu zeigen, aber gleichzeitig sehen wir überall nackte Frauen. Der Film entlarvt das. Es gehört auch zum männlichen Blick, dass wir es nicht gewohnt sind, Männer als Objekte zu betrachten. Wer in ein Kunstmuseum geht, sieht gefühlt zu 90 Prozent nackte Frauen.

Freundschaft spielt eine sehr große Rolle in „Pleasure“. Weshalb?

Freundschaft ist die wichtigste Strategie unter Frauen, um mit dem Patriarchat umzugehen. Es geht darum, eigene Netzwerke zu schaffen. Denn genau das ist das Patriarchat – ein sehr effizientes männliches Netzwerk. Mit OnlyFans und Social Media verändert sich gerade viel, weil sich immer mehr Darstellerinnen dort selbst vermarkten können. Dazu beigetragen hat auch, dass Pornostudios wegen der Corona-Pandemie wenig gedreht haben. Die Darstellerinnen erwirtschaften den Gewinn vermehrt selbst. Je mehr Macht Frauen bekommen, desto mehr fangen sie an, zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig zu helfen. Und es ist eine sehr positive Entwicklung, dass sie, anstatt miteinander zu konkurrieren, sich gegenseitig liken, teilen und empfehlen.

„Pleasure“ ist ab 18 – und läuft ab sofort in den deutschen Kinos. 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.