Thema – Südamerika

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Latino Body Music

Straßenpartys, illegale Raves, queere Party-Kollektive: In Südamerika brodelt es im elektronischen Untergrund. Eine Rundreise mit DJ und Produzent Matias Aguayo

Mamba Negra

Matias Aguayo ist ein Weltbürger der elektronischen Musik. Er ist in Chile geboren, im Rheinland aufgewachsen, produziert seit gut 20 Jahren Musik und pendelt zwischen Südamerika und dem Rest der Welt als DJ und Produzent. Er ist Teil des Künstlerkollektivs Cómeme, das zum größten Teil aus lateinamerikanischen KünstlerInnen besteht.

Pinochet Boys (Santiago de Chile, Chile)

Mitte der 1980er-Jahre, während der Diktatur Augusto Pinochets in Chile, formierte sich diese Band, die damals im chilenischen Underground sehr umtriebig war und Widerstand in Form von Musik leistete, etwa mit Texten wie in dem Song „La música del general“: „Keiner kann zur Musik des Generals tanzen, nichts im Hirn, nichts im Kühlschrank“. Als sich die Gefahr für die Band in Santiago zuspitzte, beschloss sie nach einem Auftritt in Buenos Aires, nach Brasilien auszureisen. Leider gibt es nur zwei Aufnahmen von den Pinochet Boys – dennoch schrieben sie (elektronische) Musikgeschichte in Chile und bleiben Referenz, auch weil einige Mitglieder musikalisch aktiv blieben. Miguel Conejeros etwa mit seinem Projekt „Fiat 600“, einem der ersten populären chilenischen elektronischen Musikprojekte, oder Sebastián Levine, der unter anderem auch bei der Band Electrodomésticos aktiv war.

Teto Preto (São Paulo, Brasilien) 

Die Mamba-Negra-Partys in São Paulo sind ziemlich legendär und werden von dem gleichnamigen Kollektiv veranstaltet. Das ist queer, divers, widerständig und pflegt einen skurrilen Humor. Und sie sehen sich in direkter Opposition zum rechtsextremen Präsidenten Brasiliens, Jair Bolsonaro, und seinen Vorstellungen von weißer, männlicher Hegemonie. Das Kollektiv versteht sich als ein Anlaufpunkt für AktivistInnen, für People of Colour. Aus den Mamba-Negra-Partys erwuchs das Projekt „Teto Preto“, das bekannt ist für seine gejammten Auftritte, bei denen die Figur „Carneosso“, verkörpert durch Teto-Preto-Mitglied Laura Díaz, eine zentrale performative Rolle spielt. In Brasilien gibt es gerade eine ganze Menge von KünstlerInnen und Kollektiven, die elektronische Musik jenseits von irgendwelchen Genrekriterien produzieren und dabei explizit politisch sind.

Rionegro (Medellín, Kolumbien)

Mit Avril Ceballos habe ich vor zehn Jahren ein großes Kollektiv gegründet, das zum größten Teil aus lateinamerikanischen KünstlerInnen besteht. Wir vernetzen Szenen aus Santiago, Buenos Aires, Medellín und vielen anderen Städten. Losgelegt haben wir mit Straßenpartys in Buenos Aires und Santiago. In Medellín haben wir Natalia Valencia, Gregorio Gómez (Gladkazuka), Sano, Byron Idarraga (Lord Byron Maiden) und andere lokale MusikerInnen bei den illegalen Raves des Kollektivs „Perro Negro“ kennengelernt. Diese Raves sind eine Alternative zu den oft dem Drogenhandel nahestehenden Clubs, die das Geld für die internationalen DJs haben. Der Sound von „Perro Negro“ war elektronisch, underground und sehr geprägt von Rhythmen, die offensichtlich nicht aus Europa rüberschwappten, sondern eher so klangen wie eben das Album „Rionegro“, das wir dann gemeinsam aufgenommen haben. „Latino Body Music“, wie Projektmitglied Sano sagen würde, die eben nicht „for export“ produziert wurde.

Valesuchi (Santiago de Chile, Chile) 

Valentina Montalvo aka Valesuchi kommt aus Santiago de Chile, lebt aber in Rio de Janeiro. Sie tourt gerade erfolgreich in aller Welt herum, ihre Base sind aber Partys in Rio, São Paulo und Santiago, wo sie an der Seite von allerlei queeren und feministischen Dance-Kollektiven die Soundsystems rockt. Für Valesuchi ist das Nachtleben politisch. Sie kritisiert große Festivals wie Dekmantel in den Niederlanden dafür, dass die zwar mit dem Versprechen kulturellen Austauschs zig Franchise-Veranstaltungen in Südamerika über die Bühne gebracht haben, umgekehrt aber keine südamerikanischen KünstlerInnen auf ihr Festival in Europa buchen. Die Kritik gab dem Ärger vieler SüdamerikanerInnen eine Stimme, die die oft unsensible Attitüde europäischer Promoter als eine Fortsetzung kolonialistischer Vorgehensweisen verstehen. Den Track „Nasty Woman“ haben wir kurz nach der Wahl Donald Trumps aufgenommen. Darauf ist eine Rede vom Women’s March in Washington zu hören, mit dem Frauen einen Tag nach der Amtseinführung gegen den POTUS und seine Regierung protestierten. Den Track haben wir nie veröffentlicht, nur per Mail an befreundete DJs geschickt. Er verbreitete sich dann viral über den Globus, aufgelegt von DJs aller Couleur.

Badsista (São Paulo, Brasilien) 

Badsista ist eine sehr talentierte junge Producerin und als DJ Teil von „Bandidas“, einem Kollektiv von weiblichen DJs, das Partys, Workshops und Gratis-DJ-Kurse veranstaltet – mit Fokus auf Frauen und benachteiligte Communitys. Dabei geht es auch darum, zu lernen, wie man mit wenig Equipment Musik produzieren kann, die richtig gut klingt. Badsista arbeitet gerne mit RapperInnen und Baile-Funk-SängerInnen wie etwa mit der Transgender-Künstlerin Linn Da Quebrada und ist für ihre euphorischen Uptempo-DJ-Sets bekannt. 

Lechuga Zafiro (Montevideo, Uruguay) 

Montevideo ist entspannt, sympathisch und scheint immer ein bisschen leer zu sein. In Uruguay herrschen paradiesische Zustände im Vergleich zu anderen südamerikanischen Ländern, und im Gegensatz zu Chile ist hier das Gesundheits- und Bildungswesen gratis. Auch die sozialen Unterschiede sind weitaus weniger krass. Aus dieser netten Umgebung kommt Lechuga Zafiro, der sich in den letzten Jahren einen Namen in ganz Lateinamerika gemacht hat mit seinem speziellen Sound.

Linn Da Quebrada (São Paulo, Brasilien) 

Noch mal São Paulo. Hier lebt die Transgender-Künstlerin Linn Da Quebrada. Der in Europa eher als „Baile Funk“ bekannte Funk Carioca ist ja normalerweise sehr heteronormativ – wird aber hier mit einer ganz anderen Botschaft unterwandert. Linn gibt sich kämpferisch für die Rechte ihrer Community und ist dabei durch und durch eloquent und poetisch. Was sie von sich gibt, klingt dann auch nicht nach dem üblichen Rap in Funk-Tracks, sondern mehr nach Spoken Word. Es gibt einige Dokumentationen über sie wie „Bixa Travesty“, die ich empfehlen kann.

Ana Helder (Rosario, Argentinien) 

Obwohl sie eigentlich aus Rosario kommt, habe ich mich entschieden, sie hier ein bisschen stellvertretend für das aktuelle Buenos Aires vorzustellen. Neben dem das Nachtleben der argentinischen Hauptstadt dominierenden schwulen DJ-Paar „DJs Pareja“ („DJ-Pärchen“ wäre meine Übersetzung ins Deutsche), dem Elektropop-Duo „Ibiza Pareo“ oder auch dem von Caro Stegmayr und Ismael Pinkler ins Leben gerufenen adrenalingeladenen Techno-Projekt „Carisma“ gehört sie zum festen Bestandteil dieser so lebhaften Szene, die es irgendwie schafft, die permanenten Krisen und den andauernden Aufruhr in Argentinien zu überleben. Sie erfinden sich immer wieder neu, helfen sich gegenseitig beim Produzieren, veranstalten Kostümpartys, spielen auf LGBT-Demos, in Bars oder bei illegalen Raves, begleiten Theaterstücke und Performances musikalisch und sind dabei immer schillernd. Das Nachtleben in Buenos Aires ist Glamour ohne Geld. Geschmack kann man eben nicht kaufen. 

La Onda Aye Aye (Los Andes, Chile)

Carlos Reinoso, auch bekannt als Aye Aye, kommt aus Los Andes und ist eine Underground-Legende in Chile. Mittlerweile hat er einen Namen in ganz Lateinamerika, unter anderem wegen seines Radiopodcasts „La noche de los discos vivientes“ (Die Nacht der lebenden Platten), bei dem er Seite an Seite mit seinem Kater Panchito Cabrera durch seine Schellackplattensammlung geht und die lateinamerikanische Musikgeschichte humorvoll neu erzählt. Sein musikalischer Aktivismus begann mit seiner Band „Mostro“ und seinem obskuren Kassettenlabel „Horrible Registros“. Die Opposition zu allem Etablierten und allen Moden zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit und sein Leben. Er zog weg von Santiago in die Hafenstadt Valparaíso, wo er Comics zeichnete, surreale Videos drehte und von präkolonialen Mythen erzählte. Heute lebt er in Mexiko-Stadt, wo er – natürlich begleitet von Panchito Cabrera – regelmäßig auftritt.

Lucrecia Dalt (Pereira, Kolumbien) 

Wenn es darum geht, in die Tiefen unserer Wahrnehmung zu tauchen, dann fällt mir sofort Lucrecia ein. Ich habe sie zum ersten Mal bei einem Auftritt im Planetarium von Montreal gesehen. Der Ort machte im Kontext ihres Auftritts so viel Sinn, dass ich sie gleich fragen musste, ob sie eigentlich immer in Planetarien spielen würde. Tut sie nicht. Wäre aber toll. Statt um den Kosmos geht es bei ihrer letzten Platte eher um das, was tief unter uns begraben liegt in der Erde. Ihr Hintergrund als Ingenieurin der Geotechnik spielt hier mit sowie die Vorstellung einer nicht linearen Wahrnehmung von Zeit. 

Titelbild links: Carol Schutzer (Cashu) und Laura Diaz vom Mamba Negra Kollektiv fotografiert von João HBF/Emerge Mag. Rechts: Mamba Negra Party in Sao Paulo, Foto: Ivi Maiga Bugrimenko

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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