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Komm in die Hufe

Nichts hat uns so bewegt wie das Pferd

  • 4 Min.
Illustration: Frank Höhne

Vor etwa 50 bis 60 Millionen Jahren huschte in den sumpfigen Urwäldern, die Eurasien und Nordamerika bedeckten, ein fuchsgroßes Wesen mit krummem Rücken herum. Knappe 40 Zentimeter lang, vier Zehen an den vorderen Pfoten, drei an den hinteren: Das Eohippus gilt als einer der ältesten Vorfahren des Pferdes.

Als die Urwälder Platz für Steppen machten, entwickelte sich vor etwa fünf Millionen Jahren in Nordamerika das Pliohippus – der erste Einhufer. Es hatte lange Beine, seine mittleren Zehen wuchsen zu einem Huf zusammen, damit es Raubtieren schneller entkommen konnte, und es sah den heutigen Pferden schon recht ähnlich.

Wer sie zum ersten Mal gezähmt hat, ist nach wie vor ein Rätsel. Lange dachten Wissenschaftler, dass Menschen der Botai-Kultur im Gebiet des heutigen Kasachstan vor rund 5.500 Jahren die Vorfahren unserer heutigen Pferde domestizierten, doch 2018 widerlegte eine Studie diese Theorie, weil sich im Erbgut unserer heutigen domestizierten Pferde so gut wie keine DNA-Spur der Botai-Pferde findet.

Die Geschichte der Menschheit ist in weiten Teilen eine Geschichte von Menschen und Pferden

Fest steht: Die Zähmung des Wildpferdes, genannt Equus caballus, hat die Geschichte der Menschheit massiv beeinflusst. Durch das neue Transportmittel konnten sich Menschen wesentlich schneller als zu Fuß bewegen, so kam es etwa zu Völkerwanderungen, die DNA und Sprachen beeinflussten.

Die Ausweitung der Grenzen führte unter anderem zu Kriegen, auch diese waren pferdedominiert: In der Bronzezeit kämpften Menschen auf von Pferden gezogenen Streitwagen, in der Eisenzeit wurden die Tiere im Krieg geritten. Nur dank Pferden, die 100 Kilometer am Tag zurücklegten, konnte der mongolische Herrscher Dschingis Khan die Steppen Zen­tralasiens verlassen, bis nach Mitteleuropa vordringen und das größte Reich der Geschichte schaffen. Noch im Zweiten Weltkrieg setzte die Wehrmacht rund 2,75 Millionen Pferde ein: Soldaten ritten sie, sie zogen Geschütze und transportierten Versorgungsmittel.

Auch in friedlichen Zeiten war das Leben der Menschen von Pferden geprägt: Im 19. Jahrhundert zogen sie Straßenbahnen, Ponys und Grubenpferde die Loren in engen Bergwerken. Im Laufe der Geschichte waren Pferde für den Menschen Nahrung, Transportmittel, Zugtiere, Symbole des gesellschaftlichen Aufstiegs. Die Geschichte der Menschheit ist bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts in weiten Teilen eine Geschichte von Menschen und Pferden. 

Pferde können innerhalb weniger Sekunden menschliche Emotionen entschlüsseln


Dass ein Leben Seite an Seite überhaupt möglich war, verdanken wir eher dem Charakter der Tiere als unserem eigenen. Pferde sind nämlich soziale Wesen und äußerst sensibel. Sie können innerhalb weniger Sekunden menschliche Emotionen entschlüsseln, sogar menschliche Gesichtsausdrücke unterscheiden – und verfügen selbst über 17 dokumentierte verschiedene Ausdrücke, vier mehr als Schimpansen.

Sie können ihre Ohren in alle Richtungen drehen, haben einen ausgeprägten Gehör- und Geruchssinn, und bei Dunkelheit sehen sie besser als wir. Und wir haben es Pferden zu verdanken, dass wir so sind, wie wir sind. Vielleicht denken wir also beim nächsten Mal an die Pferde, die den Herrscher trugen, wenn wir über seine Heldentaten lesen.

Illustration: Frank Höhne

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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