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Ein bisschen Gönnung

Die Serie „Para – Wir sind King“ handelt vom schnellen Geld mit geklautem Koks – und der schieren Unmöglichkeit, fehlende Privilegien auszugleichen

Para - Wir sind King

Worum geht’s? 

Um Fanta (Jobel Mokonzi), Hajra (Soma Pysall), Jazz (Jeanne Goursaud) und Rasaq (Roxana Samadi) aus dem Berliner Stadtteil Wedding. Die vier besten Freundinnen eint die Sehnsucht nach einem besseren Leben, auch wenn ihr Alltag auf den ersten Blick ziemlich verschieden ist: Jazz tanzt in einem Club auf dem Bartresen (und kündigt, als ein Gast sie ungefragt fotografiert), Rasaq arbeitet als Zahnarzthelferin (und will sich auf eine von ihren Eltern arrangierte Ehe einlassen), Fanta geht noch zur Schule (und hilft nebenbei ihrer Mutter bei deren Jobs als Putzfrau und in einer Imbissbude). Hajra wiederum sucht einen Ausbildungsplatz (nachdem sie sechs Monate in Jugendhaft war). Ausgerechnet an dem Tag, an dem die vier Hajras Entlassung aus dem Gefängnis feiern, finden sie Koks im Wert von mehreren Zehntausend Euro.

Gut zu wissen

Para ist das türkische Wort für Geld.

Worum geht’s wirklich?

Von ihrem Drogenfund versprechen sich die Freundinnen schnelles Geld, nach der ersten Nacht als Dealerinnen gehen sie erst einmal shoppen. Wie im echten Leben ist Geld in der Serie aber mehr als ein Zahlungsmittel, es teilt die Gesellschaft: in Menschen mit und Menschen ohne Chancen. „Para“ verhandelt also ein aktuelles Thema: die wachsende soziale Ungleichheit in Deutschland. Zum Glück doziert die Serie darüber aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern erzählt anhand von ganz alltäglichen Beispielen. Fantas Mutter etwa hat zwei Jobs und kann am Ende des Monats entweder die Mahnung für die Stromrechnung zahlen oder Fantas kleinem Bruder eine neue Hose kaufen.

Als wäre das nicht genug, müssen die Protagonistinnen wegen ihrer Armut und ihrer Herkunft aus dem angeblichen „Problemviertel“ Wedding immer wieder mit Vorurteilen kämpfen: Hajra wird im Supermarkt vom Inhaber gefilzt, weil er sie grundlos des Ladendiebstahls bezichtigt, Fantas Mutter wird gefeuert, als Geld in der Imbisskasse fehlt. Im Kontrast dazu steht eine Party-Bekanntschaft der Freundinnen: Paula (Anna Platen), eine junge Frau aus dem gediegenen Berliner Grunewald, die mit ihrer Mutter in einer riesigen Villa lebt und als Influencerin auch noch Designersachen geschenkt bekommt. „Die, die alles haben, kriegen alles in den Arsch geschoben“, sagt Jazz nach dem Besuch bei ihr. „Und die, die nichts haben, kriegen gar nichts.“ Endlich richtig Para machen ist also der Plan der vier. Einziges Problem: Dem ursprünglichen Besitzer der Drogen fällt bald auf, dass sie verschwunden sind. 

Wie wird’s erzählt?

Sehr nah und unmittelbar. Immer wieder sieht man die Gesichter und Körper der vier Hauptdarstellerinnen in Nahaufnahmen, zum Beispiel wenn sie ausgelassen im Club lachen und schwitzen. So kommt die Serie trotz des ernsten Themas leicht daher. Hinter „Para“ steht das Autorentrio „HaRiBo“, die Erfinder der Neuköllner Clan-Serie „4 Blocks“. In „Para“ tauchen einige Nebenfiguren aus „4 Blocks“ auf, ansonsten ist die Serie komplett eigenständig.

Good Job!

„Para“ zeigt eine andere Lebenswelt als die der gehobenen Mittelschicht, die so häufig im Fernsehen abgebildet wird. Die Serie gibt Protagonistinnen eine Stimme, die sonst meist nicht gehört werden, und erzählt dabei nicht aus der Draufsicht – von außen und oben herab –, sondern authentisch. Das liegt an der diversen Besetzung vor und hinter der Kamera und am hervorragenden Spiel der vier Hauptdarstellerinnen.

 

Stärkste Szene

Auf einer Straße, wo sonst Drogensüchtige abhängen und es in der Ecke nach Urin stinkt, streiten die Freundinnen, ob sie die Drogen wirklich weiterverkaufen sollen. Hajra vertritt dabei die Position, ihr Leben wäre noch beschissener, hätten sie nicht manchmal etwas „gezockt“. „Habt ihr nicht mal Bock auf ein bisschen Gönnung?“, fragt sie und hält einen denkwürdigen Monolog. Zu Rasaq sagt sie zum Beispiel: „Dein Vater arbeitet sich den Arsch ab in der Werkstatt – jeden verfickten Tag –, und ihr kommt gerade so durch. Und das soll gerecht sein?“

  

Ideal für … 

… alle, denen „4 Blocks“ zu männerlastig war. Dort sind die Frauen im Laufe der drei Staffeln zwar aktiver und selbstständiger geworden, aber die meiste Zeit waren sie doch Ehefrau, Schwester oder Stripperin. Die schön ambivalenten Heldinnen in „Para“ sind dagegen nur untereinander solidarisch – und ansonsten völlig unabhängig.

„Para – Wir sind King“ läuft ab dem 22. April auf TNT Serie (unter anderem empfangbar über die Anbieter Sky, Vodafone Kabel Deutschland oder Deutsche Telekom) 

Titelbild: Turner Broadcasting System Europe Limited - a WarnerMedia Company / W&B Television GmbH / Gordon Timpen

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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