Das Heft – Nr. 68

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Du kriegst nichts mehr

Daten sammeln und damit das Verhalten von Menschen vorhersagen – das gibt es nicht erst seit Facebook, Google & Co. Unseren Autor hat seine Schufa-Auskunft fast die Wohnung gekostet

Es ist einer dieser ersten Frühsommertage im Mai. Ich habe beruflich in Köln zu tun. Kurz vor meiner Abreise war ich noch durch meine Berliner WG gehastet, hatte den Koffer gepackt – und die Zahnbürste vergessen. Das fällt mir erst in Köln auf. In einer Drogerie kaufe ich Zahnpasta, Zahnbürste und eine Cola, alles für 3,63 Euro. Auf dem EC-Terminal erscheint um 11:17 Uhr die Mitteilung: „Zahlung erfolgt“. Bald wird die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, kurz: Schufa, von diesem Einkauf erfahren. Und sie wird Vermietern und Telefonanbietern raten, mir lieber nicht mehr zu vertrauen. Aber das ahne ich noch nicht.

Das Geschäftsmodell der Schufa, 1927 in Berlin entstanden, ist einfach: Sie sammelt Daten über Zahlungsvorgänge und teilt Unternehmen mit, wer aus ihrer Sicht als Kunde und Geschäftspartner taugt – und wer nicht. Dafür bekommt die Schufa Informationen von ihren Partnern – Tausenden Banken und Unternehmen – über Telefonverträge, Kredite, Bankkon-ten, aber auch über Insolvenzverfahren oder Mahnungen. Au- ßerdem kennt sie Namen, Geschlecht, Wohnort und Alter von 67,5 Millionen Personen in Deutschland, über die sie Daten gespeichert hat. Ein Algorithmus berechnet schließlich aus vielen dieser Informationen den sogenannten Schufa-Score – eine Art Schulnote, die aussagt, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Kunde die Raten für den Flachbildfernseher nicht pünktlich bezahlt. Oder ein Konto überzieht. Grundsätzlich eine gute Idee: So muss nicht jedes Unternehmen selbst überprüfen, wem es vertrauen kann, und die Kunden bekommen schnell ihren Kredit, den Mobilfunkvertrag oder eine Wohnung. Nur ist der Algorithmus der Schufa geheim. Ob er eine Person richtig eingeschätzt hat, kann man als Außenstehender kaum nachvollziehen.

Das sei auch okay so, denn es sei ihr Geschäftsgeheimnis, urteilte der Bundesgerichtshof. Die neue Datenschutzgrundverordnung könnte das aber vielleicht ändern. Denn bei automatisierten Entscheidungen müssen Unternehmen jetzt erklären, wie sie zustande kommen – nur so lasse sich nachvollziehen, ob die Entscheidung korrekt war. Ob das auch für die Schufa gilt, ist unter Experten umstritten.

Wie schlecht es um mich steht, erfahre ich erst, als ich einige Monate später im kargen gläsernen Büro einer Postbank sitze, bei der man eine Schufa-Auskunft erhalten kann. Die brauche ich, weil mir eine Wohnungsgesellschaft eine 1,5-Zimmer-Wohnung angeboten hat. Sie braucht aber noch meine Schufa-Auskunft. Auf den angespannten Wohnungsmärkten der Großstädte überbieten sich mittlerweile Mieter mit Vertrauensbeweisen: eindrucksvolle Gehaltsnachweise, vorbildliche Lebensläufe und – fast das Wichtigste – positive Schufa-Auskünfte.

Als der Mitarbeiter der Postbank zum Drucker geht, pfeift er. Er hat gute Laune, weil wir uns beim Warten auf die Schufa-Daten Witze erzählt haben. Dann blättert er die frisch ausgedruckten Seiten durch. Wie ein Arzt, der dem Patienten den nahen Tod verkündet, sagt er: „Sehr kritisches Risiko. Das tut mir leid.“ Tatsächlich: Der Algorithmus der Schufa sieht in mir einen unzuverlässigen Geschäftspartner. Angeblich schulde ich einem Unternehmen 103,63 Euro. „Zahlungsausfall“ – so steht es in meiner Akte.

Hatte ich wirklich Briefe mit Mahnungen übersehen? Hatte jemand online meine Identität geklaut? Den Abend nutze ich, um mich gedanklich von meiner neuen Wohnung zu verabschieden – und mich über die Schufa zu informieren. Ich lese von Daten- und Verbraucherschützern, die einen Algorithmen-TÜV und bessere staatliche Prüfverfahren fordern. Ich lese über die „OpenSchufa“-Initiative, der man seine Schufa- Daten spenden soll, damit sie den Algorithmus rekonstruieren kann.

“Wir schaffen Vertrauen“ – das ist der Slogan der Schufa. Mein Vertrauen ist jedoch erschüttert. Die Gutachten von Universitäten, die den Algorithmus beurteilen sollen, werden oft nicht von staatlichen Datenschutzbehörden beauftragt, sondern von der Schufa selbst. Eher beunruhigt lese ich, dass laut einer Studie der schleswig-holsteinischen Datenschutzbehörde etwa jeder dritte Befragte die eigene Schufa-Auskunft als fehlerhaft bewertet. Und immer mal wieder bekommt der Schufa-Algorithmus falsche Informationen gemeldet, oder er verwechselt zwei Namensvetter miteinander. Das sind aber Ausnahmen. Ansonsten scheint die Schufa vollkommen gesetzeskonform zu handeln – im Rahmen des Datenschutzes.

Ich sitze in meinem WG-Zimmer und denke an die mehr als sechs Millionen anderen, die ebenfalls einen negativen Schufa-Eintrag haben. Und dass es ja eigentlich gut ist, dass jemand für Vertrauen zwischen Geschäftspartnern sorgt. Aber auch komisch ist, dass es ein Unternehmen gibt, das viele für eine Behörde halten und das eine so große Macht über das Schicksal zahlreicher Menschen hat.

Am Ende tue ich das, was man auch im Jahr 2018 immer noch macht, wenn es ernst wird: Ich schreibe Briefe. Der erste geht an die Open- Schufa-Initiative, der ich eine Kopie meiner Schufa-Auskunft spende. Im zweiten flehe ich: Mein angeblicher Gläubiger, ein großes Inkassounternehmen, soll mir sagen, wofür ich ihm 103 Euro schulde. Ich zahle gern. Wenn nur der Eintrag aus meiner Schufa-Akte gelöscht wird. Eine Woche später meldet sich das Inkassounternehmen zurück. Es habe meine Adresse falsch ermittelt, daher hätten mich die Mahnungen nicht erreicht. Es tue ihnen leid. Selbstverständlich würden sie den Eintrag bei der Schufa löschen lassen. Die Kosten dafür müsse ich auch nicht tragen. Die Forderung hatte sich aus rund 100 Euro für die Rechtsanwälte und Mahnungen sowie 3,63 Euro Forderung einer Drogerie zusammengesetzt. Die konnten damals, im Mai in Köln, nicht abgebucht werden. Warum? Das war wiederum mein Fehler: Ich hatte aus Routine mit der EC-Karte gezahlt, die zu dem Konto gehörte, das ich wenige Tage nach dem Drogerieeinkauf kündigte. Der Schufa-Algorithmus glaubte wohl, dass ich die 3,63 Euro mit einer falschen EC-Karte bezahlt hatte.

Ich hatte Glück. Ein Fehler, den man entdeckt und nachweisen kann, wird schnell gelöscht. Bei einem berechtigten Eintrag vergisst die Schufa erst drei Jahre nach dem Begleichen der Schulden. Einige Tage danach unterschreibe ich den Mietvertrag für die neue Wohnung, obwohl ich noch gar keinen neuen Schufa-Score vorzeigen kann. Die Hausverwalterin hat früher in einer Bank gearbeitet und kennt sich mit diesen Auskünften aus. Sie findet, dass mein Schufa-Eintrag nicht der Rede wert sei. „Das kann ja jedem mal passieren“, sagt sie.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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