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Die Jagd

In kürzester Zeit töteten weiße Jäger Millionen Bisons und raubten so den nordamerikanischen Ureinwohnern die Lebensgrundlage. Über ein düsteres Kapitel, das bis heute nachwirkt

  • 8 Min.
Foto: Burton Historical Collection/Detroit Public Library

Der Anblick muss überwältigend gewesen sein: Millionen von Bisons zogen noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts über die Great Plains, jene gigantische Graslandschaft, die sich von der kanadischen Grenze im Norden bis zum Mississippidelta im Süden ausdehnt und fünfeinhalbmal so groß wie Deutschland ist. Ein einzigartiges Naturschauspiel war es, wenn sich die bis zu Zigtausende Tiere umfassenden Herden in Bewegung setzten. „Bis zum Horizont sah man Büffel und hörte ein Donnergrollen wie Meeresbrandung“, so beschrieb ein europäischer Siedler die Stampede.

Bis zu 30 Millionen Bisons soll es zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegeben haben, die bis 1890 fast komplett ausgerottet wurden – in einem wahren Blutrausch, dessen Anfänge auch in Deutschland lagen. Dort hatte man ein neues Gerbverfahren entwickelt, das die dicke Bisonhaut haltbarer und elastischer machte: perfekt, um Gürtel oder Stiefel herzustellen. So entwickelte sich die Bisonjagd rasch zu einem riesigen Geschäft, das durch den Bau der Eisenbahn in Nordamerika entscheidend beschleunigt wurde. Nun konnten die Jäger bequem von eigens dafür eingesetzten Zügen aus auf die Tiere schießen.

Praktisch und bequem: Bisonjagd aus der Eisenbahn

Manche professionellen Jäger brachten es auch durch das Aufkommen neuer Gewehre auf mehrere Dutzend Abschüsse am Tag. Den erlegten Bisons zogen sie noch vor Ort das Fell ab, um es im großen Stil zu exportieren. „Wäre ein Plains-Indianer im Jahr 1869 (…) in Tiefschlaf gefallen und erst zwei Jahrzehnte später wieder aufgewacht, hätte er die ihm einst so vertraute Welt nicht mehr erkannt“, schreibt der Historiker Aram Mattioli in seinem Buch „Verlorene Welten“. „Wo zuvor Bisons, Gabelböcke und Wildpferde herumgeschweift waren, weideten nun auf mit Stacheldraht umzäunten Weiden Rinder-, Schweine- und Schafherden.“

Schon bevor das große Schlachten begann, war die Vertreibung der Native Americans in vollem Gang, die großen Gebiete im Westen der damals noch jungen USA sollten schließlich für weiße christliche Siedler erschlossen werden. Im Zuge des „Homestead Act“ vergab die Regierung in Washington großzügig Land, das ihr gar nicht gehörte. Für die Ureinwohner wiederum war der Umzug in kleine Reservate vorgesehen, wenn sie nicht vorher schon durch eingeschleppte Krankheiten oder bei Massakern der Kavallerie ein schreckliches Ende gefunden hatten – oder schlichtweg verhungert waren.

Mit der exzessiven Bisonjagd hatte man den Plains-Stämmen die Lebensgrundlage entzogen, obwohl die auch nicht gerade zimperlich mit den Tieren umgegangen waren und ganze Herden in den Abgrund getrieben hatten. Traditionell wurde von den Ureinwohnern aber nicht nur das Fleisch gegessen, man verwertete das ganze Tier. Sie handelten mit Fellen und fertigten aus den Knochen, Zähnen und Sehnen Waffen, Schmuck oder Werkzeuge.

In München kamen 200.000 Menschen, um über die Bisonjagden zu staunen

Die Fast-Ausrottung der Bisons erwies sich so als effektives Mittel bei der Vertreibung der Menschen. Selbst als die US-Regierung überlegte, nach dem millionenfachen Tod der Bisons einige Exemplare für die Nachwelt zu erhalten, drängte General Philip Sheridan, von dem auch der Spruch „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“ stammt, auf die Ermordung der letzten Tiere, um „die Indianer ruhigzustellen“.

In Europa wurde derweil der Überlebenskampf von Tieren und Menschen zur Shownummer. Der berühmte Bisontöter William Frederick Cody – bekannt geworden als Buffalo Bill – zog, nachdem es keine Bisons zum Schießen mehr gab, als Entertainer durch die Welt. Allein in München kamen rund 200.000 Schaulustige im Frühjahr 1890 zur Theresienwiese und staunten über Bisonjagden mit wagemutigen Cowboys und den inszenierten Überfall auf eine Postkutsche.

Bisons (Foto: Loomis Dean/The LIFE Picture Collection via Getty Images)

Früher war alles besser: als noch große Bisonherden friedlich über die Ebenen der Prärie zogen

(Foto: Loomis Dean/The LIFE Picture Collection via Getty Images)

Dass es heute überhaupt noch Bisons gibt, ist der Gründung des Yellowstone-Nationalparks 1872 zu verdanken, der den letzten Exemplaren einen Rückzugsort bot – und dem damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt, der eine Kavallerie in den Yellowstone schickte, um die dortigen Wilderer zu stoppen. Dabei dachte er jedoch weniger an den Tierschutz, denn die Bisons waren ein Symbol für die Macht und Männlichkeit Amerikas – deshalb sollten sie nicht ganz verschwinden. Heute schätzt man die Zahl der auf öffentlichem Grund in Schutzherden wild lebenden Tiere auf gut 20.000 Exemplare. Im Mai 2016 hatte Barack Obama den Bison zum Nationaltier der USA erklärt.

Viele Native Americans vergleichen das Schicksal der Bisons auch heute noch mit ihrem eigenen. „Sie müssen wie wir in einem Reservat leben und dürfen außerhalb des Yellowstone nicht weiden, sonst werden sie erschossen“, sagt der ehemalige Marine und Aktivist Catcher Cuts the Rope, der im Reservat Fort Belknap in Montana lebt, das wie viele andere Reservate von großer Armut geprägt ist. Unter den knapp 3.500 Einwohnern gibt es viele Arbeitslose, laut Gesundheitsverwaltung des Reservats hat sich die Zahl der Crystal-Meth-Abhängigen in den letzten Jahren verdreifacht. Ein Lichtblick für die Bewohner war 2012 die Erlaubnis, einen Teil der Bisonherde aus dem Yellowstone-Nationalpark hier anzusiedeln. „Der wilde Bison ist eine Ikone und das Wissen um die eigene Kultur für das Selbstbewusstsein junger Menschen wichtig“, sagt Catcher Cuts the Rope. Unterstützt von Lehrern, die mit einem Abschluss der „Native American Studies“ aus größeren US-Städten zurückkommen, lernen die Kinder wieder ihre indigene Sprache und entwickeln ein neues kulturelles Selbstbewusstsein, das sich in Musik, Sub- und Protestkultur ausdrückt.

„In Wirklichkeit hat uns nicht der Bison verlassen, sondern wir haben den Bison verlassen“

Zur Wiederentdeckung kultureller Identität gehört auch der Kampf für Naturschutzanliegen, wie sich nicht nur im Einsatz für die Bisons zeigt. Ursprünglich galt das Land, auf dem die Reservate eingerichtet worden waren, als wertlos, bis man dort wertvolle Rohstoffe entdeckte, darunter Öl und Uran. Gegen die Ausbeutung dieser Vorkommen ohne Rücksicht auf die Umwelt und die dort lebenden Menschen formiert sich zunehmend Widerstand. So stoppte der Havasupai-Stamm erfolgreich den geplanten Uranabbau am Grand Canyon, und die sogenannten Standing-Rock-Proteste trugen 2016 dazu bei, dass die Weltöffentlichkeit vom größten Pipelineprojekt der US-Geschichte erfuhr. Das 3,7 Milliarden US-Dollar teure Dakota Access Pipeline Project sah vor, Rohöl von Fracking-Bohrstellen von North Dakota in den Süden zu leiten, ohne die Erlaubnis der dort heimischen Sioux.

Bei all diesen Projekten sind neue Allianzen zwischen Natives und Umweltschützern entstanden – auch beim Versuch einer größeren Rücksiedlung des Bisons. Naturschützer leasen mittlerweile Grünflächen, ähnlich wie Viehzüchter für ihre Rinder. 2014 trafen sich zudem elf indigene Stämme aus Kanada und den USA, um den ersten grenzüberschreitenden indigenen Vertrag zu unterschreiben: den „Buffalo Treaty“, eine Allianz, um Bisons neue Weideflächen zu bieten und sie auf 2,5 Millionen Hektar Land zwischen Kanada und den USA neu anzusiedeln. „In Wirklichkeit hat uns nicht der Bison verlassen“, sagt Catcher Cuts the Rope, „sondern wir haben den Bison verlassen, also müssen wir ihn wieder zurückholen.“

Titelbild: Burton Historical Collection/Detroit Public Library

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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