Als Coco Chanel kurzerhand zur Schere greift und die Hemden und Hosen ihres reichen Liebhabers zur eigenen bequemen Garderobe umschneidert, bekommt man eine Vorstellung davon, was für eine Person sie gewesen sein muss. Selbst wenn diese Szene nur der Fantasie von Anne Fontaine entsprungen ist, der Regisseurin der Filmbiografie „Coco avant Chanel“, und in Wirklichkeit die Hauptdarstellerin Audrey Tautou die Schere ansetzt, passt sie doch genau zu dem Bild von Coco Chanel als unabhängige Rebellin, die stets versuchte, ihren ganz eigenen Weg zu gehen.

Coco Chanel gilt bis heute als eine Modeikone des 20. Jahrhunderts. Sie legte den Grundstein für eines der größten und bedeutendsten Unternehmen der Branche. Sie hat einiges zur Emanzipation der Frauen beigetragen – es heißt sogar, dass sie ihnen durch die Befreiung aus dem Korsett überhaupt erst den nötigen Atem und die Bewegungsfreiheit zur Handlung ermöglichte.

Wer Coco Chanel tatsächlich war, wusste sie vielleicht nicht einmal selbst, schon zu ihrem Namen kam sie auf verschlungenen Pfaden: Geboren wurde sie 1883 als Gabrielle, uneheliches Kind des Hausierers Henri-Albert Chasnel – nicht Chanel – und der Wäscherin Eugénie Jeanne Devolle, in einem Armenhaus in Saumur an der Loire. Der Spitzname Coco könnte aus dem Grand Café in Moulins stammen, wo Gabrielle in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts abends Chansons vortrug – darunter bevorzugt die Lieder „Qui qu’a vu Coco?“ und „Ko-Ko-Ri-Ko“. Coco Chanel hingegen gibt an, dass sie den Spitznamen direkt von ihrem Vater erhalten habe.

Was stimmt nun? Um Coco Chanel ranken sich viele Legenden, eine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe wollte 2014 gar den „Mythos Chanel“ ergründen. Jüngere Filme wie „Coco avant Chanel“ von 2009 oder Jan Kounens „Coco Chanel & Igor Stravinsky“ aus dem gleichen Jahr zeichnen das Bild einer starken Persönlichkeit, die sich über jede Konvention hinwegsetzt.

Sie hatte das Talent, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein

Demgegenüber stehen die Vorwürfe, die der US-amerikanische Journalist Hal Vaughan 2011 in seinem Enthüllungsbuch „Coco Chanel – Der schwarze Engel: Ein Leben als Nazi-Agentin“ aufstellte: Unter anderem sollte sie 1944 als Teil der „Operation Modellhut“ Churchill zu Gesprächen mit den Deutschen über einen „Separatfrieden zwischen Deutschland und Großbritannien“ überreden. Inwiefern derartige Kollaborationsvorwürfe der Wahrheit entsprechen und welchen konkreten Hintergrund sie hatten – so wird auch behauptet, allein die Haftentlassung ihres Neffen André Palasse sei Motivation ihres Handelns gewesen –, lässt sich bis heute nicht eindeutig nachweisen.

Sie würden aber nicht verwundern, denn zu Coco Chanels Stärken zählte zweifellos das Talent, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und die Möglichkeiten, die sich ihr dadurch boten, zu ergreifen – wenngleich ihre Motive nicht unbedingt politischer Natur gewesen sein müssen. Die Filmbiografie „Coco avant Chanel“ entgeht hier einer Positionierung, da sie sich auf die frühen Jahre Coco Chanels konzentriert, auf den „Beginn einer Leidenschaft“, so der Filmtitel in der deutschen Übersetzung. Die große Karriere beginnt erst nach dem Abspann.

Uns bleiben heute die Früchte ihrer Fähigkeiten. Das Korsett hat sie zwar gar nicht abgeschafft – das war bereits die Lebensreformbewegung um 1900, die dem freien Körperkult huldigte, und wenig später der Pariser Designer Paul Poiret, der Kleidung schuf, die sich ohne Korsett tragen ließ und Frauen sogar das Radfahren ermöglichte. Doch spürte Coco Chanel früh, dass die Dame der Gesellschaft als ausstaffiertes Accessoire am Arm eines Mannes nicht länger zeitgemäß war.

Sie wusste, dass körpereinschnürende Kleidung, aufwendiger Dekor und ausladende Hutmoden nicht mehr in eine Zeit passten, in der Frauen ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten erweiterten und erprobten – und sie verstand es, diese Erkenntnis in eine neue Art des Kleidens zu transformieren: klare Schnitte, luftige Stoffe für mehr Bewegungsfreiheit, schlichte Eleganz, die Frauen zu jeder Gelegenheit korrekt gekleidet erscheinen ließ.

Sie ebnete Wege, von denen die Frauen bis heute profitieren

Als Paradiesvogel der Pariser haute société konnte Chanel sich ihr eigensinniges Auftreten leisten. Ihr Privileg war die Freiheit, einen eigenen Kopf zu haben, weil ihr keiner durch ihre Herkunft aufgesetzt worden war. Damit konnte sie vorleben, was andere Frauen ihrer Zeit nur erträumten. Sie konnte Wege ebnen, von denen Frauen bis heute profitieren.

Inwiefern Coco Chanel tatsächlich politische Kleidung entwarf, also eine, welche die erstarkende politische Macht der Frauen demonstrierte, oder ob sie auf der Suche war nach einer Mode, die ihr Freiheitsstreben überhaupt erst ermöglichte, ist wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Wenn sich Audrey Tautou als Coco in Hosen auf ein Pferd schwingt, das nicht, wie für diese Zeit üblich, mit einem Damen-, sondern mit einem Herrensattel ausgestattet ist, dann mag man vor allem Letzteres annehmen.

Mahret Kupka ist Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt. Davor war sie in Berlin als freie Autorin, Bloggerin und Dozentin für Modetheorie tätig. Sie promovierte über Modeblogs und die Revolutionierung der Mode.