Wenig, was der Mensch mit seinem Erscheinungsbild anstellen kann, eignet sich so gut als Statement wie eine Frisur, die von der Konvention abweicht. Allerdings wird fast jedes extravagante Design der Kopfhaare, das anfangs noch revolutionäre Botschaften oder subkulturelle Lebensentwürfe ausdrückt, früher oder später von Modeindustrie und Mainstream vereinnahmt. „Zeig mir Deine Frisur und ich sage Dir, wie Du tickst“, funktioniert immer weniger politisch. Es schnurrt zusammen auf die Frage, ob sich jemand für Style und Hipness interessiert oder aber in äußerlichen Angelegenheiten einfach praktisch denkt. Schade eigentlich. Und deshalb hier, voilà, eine kleine Revue von Frisuren mit Botschaft:

Zopfkranz

Wo Revolution ist, da ist Gegenrevolution nicht weit. Und die kramt, statt Avantgarde zu sein und Tabus zu brechen, gerne Tradition und Brauchtum hervor. Stramm geflochtenes und akkurat als Kranz um den Kopf gewundenes Haar machte im vergangenen Jahrzehnt Julija Timoschenko weltberühmt. Der bäuerliche Kopfschmuck begleitete die Ukrainerin bei ihrem steilen Aufstieg zur Ministerpräsidentin, und machte sie zum Stylevorbild für Hollywoodgrößen wie Sienna Miller und Scarlett Johansson. Das aber nur kurz, offenbar taugte die Retronummmer  weder als politisches noch als modisches Massenstatement.

Bubikopf/Bob

Es ging um nichts weniger als die Sehnsucht nach Freiheit, schon um die Jahrhundertwende, aber erst in den 1920er Jahren setzte sich die Idee richtig durch: Schluss mit einengenden Korsetts und zeitraubenden Frisuren! Stattdessen trugen Frauen nun lockere Kleider und kürzten ihr Haar radikal auf Kinnhöhe. Der pflegeleichte Bubikopf war die Frisur der flamboyanten emanzipierten Frau von Coco Chanel bis Else Lasker-Schüler. Heute ist der Bubikopf ein Allrounder für wirklich jeden Typen: von Mireille Matthieu bis Gundel Gaukeley aus Entenhausen oder Uma Thurman als Mia Wallace in Pulp Fiction –  und Angela Merkel in Berlin.

Pixiecut

Die Demütigung, eine Frau ihrer Weiblichkeit zu berauben, indem man ihre Haarpracht absäbelt oder gar schert, führt über einen Umweg zu einer diametral entgegengesetzten Wirkung. Und dieser Umweg ist die freie Entscheidung, sich vom traditionellen, lieblichen Weiblichkeitssymbol zu verabschieden. Sinead O’Connor ging es vor einem Vierteljahrhundert provokant an und kam über die Glatze zum Pixie. 30 Jahre zuvor war Jean Sebergs Auftritt in „Außer Atem“ Anfang und bereits Höhepunkt der Umwertung der knabenhaften Kurzhaarfrisur zum Ausdruck weiblichen Selbstbewusstseins.    

Punk/Iro

Ach, Du meine Güte: So hübsche junge Männer,  und dann rasieren sie sich die Haare ab, bis auf einen dünnen Streifen, und der wird noch hochgegelt und gefärbt, wie schrecklich! Keine Frage: Der Punk mit Irokese gehört zu den besten Bürgerschrecknummern aller Zeiten. Vierzig Jahre nach seiner Erfindung ist dieser Punk-Look fast schon spießiges PR-Accessoire, das Semiprominenz wie dem Internet-Exegeten Sascha Lobo einen Wiedererkennungswert gibt (vergleiche Julija Timoschenko). David Beckham hatte natürlich auch seine Iro-Phase.

Afro

Der natürlichste Look von allen ist zugleich die offensivste politische Frisur. Der Afro setzt ein voluminöses Zeichen für Gleichberechtigung. Die Botschaft: Anpassung ist keine Option mehr für uns. Schon die Bürgerrechtlerin Angela Davis machte den Afro (und mit dem Afro sich) in den 1960er und 1970er Jahren berühmt. Nach Jahrzehnten, in denen sich schwarze Frauen dann doch weiterhin mühsam die Haare glätten ließen, um dem von Weißen vorgegeben Ideal nahe zu kommen, ist jetzt wieder Natur en vogue. Du hast krauses Haar? Zeig es! Mach es nicht kaputt, denn damit machst du dich selbst kaputt!

Chelsea Cut

Der Look weiblicher Skinheads ist der rare Fall einer Subkulturfrisur, die keinen Eingang in den Mainstream gefunden hat und keine begeisterten Promi-Imitatoren. Sich kahl rasieren zu lassen ist cool, aber mit Pony und Restfransen vor den Ohren? Bitte nicht! In seinem Tabu-Potential, seiner Nicht-Adaptierbarkeit für irgendeine Form von konsensfähiger Ästhetik ist dieser Schnitt, auch Feathercut genannt, vergleichbar der mönchischen Männerfrisur Tonsur. Die tut sich auch keiner als bloßes modisches Accessoire an, sondern nur, wer wirklich Mönch ist.

Dreadlocks

Wie der Afro waren auch die Dreadlocks Zeichen der Abgrenzung vom Dominanzgebahren der Weißen. In diesem Fall in der Karibik. Es ging ungefähr so: Ihr Kolonialisten steht auf kurze, glattgekämmte Haare? Ok, dann lassen WIR unser Haar jetzt wachsen und verfilzen. Funktionierte und wurde, auch dank Bob Marley und Reggae, ein Welterfolg. Irgendwie was Rebellisches und einen Hauch von Dauerkiffern vermittelt der Look noch immer, zugleich ist er mit Momo aus der Lindenstraße in die Jahre gekommen und in der Bürgerlichkeit angekommen.

Mähne

Lange Haare und markiger Vollbart, das ist die Weiterentwicklung des pseudo-individuellen Hipsters zum richtigen Kerl. Ein bisschen mehr Haar überall macht zwar aus keinem Stadtnerd einen supermännlichen Holzfäller oder superentspannten Hippie. Aber Mann wird ja noch träumen dürfen! Nur sollte er Obacht geben, um nicht muffelig wie ein Waldschrat oder lächerlich wie Joaquin Phoenix auszusehen. Das wahre lumbersexuelle Rollenmodell ist natürlich Religionsrevolutionär Jesus, wenngleich niemand weiß, wie der wirklich aussah.

Undercut

Das Konfliktpotential des Undercut ist nur ästhetisch, egal ob bei Männern wie Frisurenkamäleon David Beckham oder Frauen wie Scarlett Johansson. Man mag es oder eben nicht, wenn die Seiten rasiert und die Deckhaare lang sind. Politisch wird der Undercut in seiner nordkoreanischen Variante: Diktator Kim Jong-un trägt ihn. Und gerüchteweise gab es in Pjöngjang Überlegungen, den Einheitslook allen nordkoreanischen Männern zu verpassen (anstatt sie, wie bisher, aus zehn Frisuren wählen zu lassen). Wie das mit Gerüchten aus Nordkorea so ist, sie lassen sich nur schwer überprüfen. Ziemlich sicher ist dies: Nordkorea dürfte eines der letzten Länder der Erde sein, in denen jede normabweichende Frisur ein politisches Statement und ein echtes Wagnis ist.

Dutt

Während der Dutt in hiesigen Regionen weiblich ist, von praktisch-streng (Witwe Bolte, Fräulein Rottenmaier) bis lässig-locker (Out-of-Bed & Was-mit-Medien-Mädchen), ist der Haarknoten andernorts historisch eine männliche Haartracht. Bei Sikhs, Samurai und Sumoringern zum Beispiel. Was tut also der sehr coole, sehr moderne Westeuropäer, der Männlichkeit verströmen möchte, ohne seine weibliche Seite zu verleugnen? Er erfindet sich als metrosexuellen Mann, der das Haar auch mal nonchalant als Knoten trägt, wenn ihm danach ist. Temporärer Topknot-Protagonist: David Beckham.

Katrin Weber-Klüver ist freie Autorin, lebt in Berlin und aus Altersgründen, was ihr Haar betrifft, dem Trend Grau ist das neue Blond gegenüber aufgeschlossen. Und ansonsten wertkonservativ: Pixiecut. Fertig.