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„Die Grenze des Sagbaren verschiebt sich“

Wie geht man an Schulen mit radikalen Muslimen um? Ein Gespräch mit André Barth, 39, Lehrer an einer Integrierten Sekundarschule

Samuel Paty, Demo, Frankreich

fluter: Herr Barth, Sie unterrichten interdisziplinär Ethik, Geschichte, Politik und Geografie, 90 Prozent Ihrer Schüler und Schülerinnen sind muslimischen Glaubens. Begegnen Sie dort auch radikalen Meinungen?

André Barth: Kinder mit palästinensischen Wurzeln sagen zum Beispiel, dass ihnen Juden das Land wegnehmen. Solche verallgemeinernden Aussagen gehen dann schnell über in antisemitische Vorurteile und Verschwörungstheorien: Juden sind Gewaltverbrecher, Juden sind geizig, Juden sind böse …

Wie reagieren Sie?

Ich schaffe einen geschützten Raum, wo diese Aussagen zunächst unkommentiert stehen bleiben können. Die Schüler und Schülerinnen sollen sich ernst genommen, nicht bevormundet fühlen. Dafür bilden wir einen Stuhlkreis, ich setze mich dazu, doziere nicht von oben herab. Meine Meinung ist erst einmal nicht mehr wert als die der anderen. Erst dann steuere ich dagegen. Wir suchen zum Beispiel gemeinsame Werte der Religionen.

„Beziehungsarbeit ist essenziell. Meine Meinung wird geprüft, akzeptiert – und im Idealfall übernommen“

Das klappt?

Ja, weil ich in meiner Klasse zu so etwas wie einem großen Bruder werde. Meine Schüler, die ich von der Siebten bis zur Zehnten betreue, vertrauen mir, erkennen meine Meinung an. In ihrem Kopf entsteht dann ein Widerspruch zwischen ihrer bisherigen Sichtweise und meiner Perspektive. So kann ich einen Lernprozess anregen, etwas verändern. Natürlich kann ich nicht nachvollziehen, ob das bei jedem Einzelnen funktioniert. Aber Beziehungsarbeit ist essenziell. Meine Meinung wird geprüft, akzeptiert – und im Idealfall übernommen.

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand mit Enthauptung droht, wie es einer Lehrerin an einer Berliner Schule passiert ist?

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Samuel Paty, Demo, Frankreich (Foto: Cyril Zannettacci/VU/laif)

Keine Angst vor radikalen Islamisten: Französische Schülerinnen protestieren nach dem Mord an einem Lehrer für die Meinungsfreiheit

(Foto: Cyril Zannettacci/VU/laif)

Auch in schwierigen Situationen suche ich den Dialog. Die meisten Aussagen spiegeln nicht die Meinungen der Schülerinnen und Schüler wider, sie werden von ihrem Umfeld, u. a. der Familie übernommen. Bei uns gab es eine Schülerin, die sich geweigert hat, an der Schweigeminute für den ermordeten Lehrer in Frankreich teilzunehmen. Darüber haben wir anschließend sehr differenziert diskutiert. Meine Schüler kritisierten, dass in Frankreich häufig nicht zwischen Islamismus und Islam unterschieden wird, dass dem Islam terroristische Inhalte zugeschrieben werden. Sie haben aber auch deutlich gesagt, dass der Mörder nicht im Rahmen des Islam gehandelt hat, und die Sure zitiert: Wenn man einen Menschen tötet, ist das, als würde man die ganze Menschheit töten.

Was sind die Ursachen für die einfachen Wahrheiten, die unsere Meinungsvielfalt bedrohen?

Die Grenze des Sagbaren verschiebt sich. Das merke ich auch bei meinen Schülern. Sie entgegnen mir immer öfter: Das sagen doch auch die von der AfD – und das ist eine gewählte Partei. Schule findet im gesellschaftlichen Rahmen statt, und in der ganzen Gesellschaft breitet sich die Haltung „Das wird man ja noch sagen dürfen“ aus.

Erleben Sie manchmal einen Konflikt zwischen Religions- und Meinungsfreiheit?

Sowohl die Religions- als auch die Meinungsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Ich kann nicht eines absolut setzen, sondern muss immer in diesem Rahmen, zwischen diesen beiden Polen im Gespräch bleiben.

Im Koran gibt es ein paar Stellen, die antisemitisch interpretiert werden können. Wie gehen Sie darauf ein?

Schülern, die solche Zitate vorbringen, entgegne ich, dass eine wortwörtliche Lesart des Korans meiner Meinung nach nicht zeitgemäß ist. Ich erkenne aber auch an, dass im Koran wichtige Werte zu finden sind. Die heiklen Stellen, die es übrigens auch im Alten Testament, also in der Bibel und in der Thora gibt, nehme ich dann als Grundlage für eine Diskussion. Ich frage: Was heißt das heute? Was ist der Kern? Ich wähle also einen klassisch aufklärerischen Ansatz – und erlebe Aha-Momente bei meiner Klasse.

„Wir müssen im Gespräch bleiben“

Wie sieht so ein Aha-Moment aus?

Unsere Schule kooperiert mit dem Jüdischen Museum, wir veranstalten Workshops, docken mit den Inhalten aus dem Rahmenlehrplan an dem an, was dort geboten wird. Allein wenn Schülerinnen und Schüler, die normalerweise nie in das Museum gehen würden, dort Jüdinnen und Juden begegnen, setzt ein Aha-Moment ein, im Sinne eines humanistischen Bildungsideals. Sie erleben, dass das auch Menschen sind. Normalerweise reden die meisten nur über Juden. Das Miteinander verändert.

Nicht in allen Fächern können Lehrer offene Diskus­sionen führen. Was raten Sie Kolleginnen und Kollegen im Umgang mit schwierigen Aussagen?

Allgemeine Handlungsanweisungen gibt es nicht, jede Situation muss neu verhandelt werden. Wenn sich jemand an mich wendet, biete ich an, dass ich mit ihm gemeinsam da­rüber im Unterricht spreche. Als Lehrer muss ich Zweifel und Zweideutigkeiten aushalten können. Dafür bedarf es eines bestimmten Bildes von mir selbst und von der Rolle des Lehrenden.

Was erwarten Sie von anderen?

Unser Schulsystem muss grundsätzlich verändert werden, es muss gerechter, weniger hierarchisch werden. Und wir müssen Vorurteile unter uns Lehrern abbauen, um den Unterricht noch sensibler zu gestalten. Unsere eigenen Ressentiments dürfen wir nicht in Aufgabenstellungen reproduzieren, Sachtexte müssen wir kritisch auswählen. Wenn ein junger Mensch Rassismus erfährt und das Gefühl hat, darüber nicht sprechen zu können, entsteht ein Nährboden für Radikalisierung. Wir müssen das tun, was ich mit meinen Schülern mache: im Gespräch bleiben.

Religion & Staat

In früheren Jahrhunderten war die Weltanschauung der Menschen auch in Deutschland stark an die Religion und die Kirche gebunden. Deren Gebote und Verbote schrieben vor, wie die Menschen zu leben hatten. Erst als die geistige Bewegung der Aufklärung Ende des 17. Jahrhunderts in Europa entstand, setzte eine „Verweltlichung“, eine Abwendung von Religion und Kirche ein. Die Aufklärung erklärte, dass die Menschen sich bei ihrem Handeln vor allem von der Vernunft leiten lassen sollten und nicht so sehr von den Gesetzen der Religion.

Die heutige Trennung von Kirche und Staat wurde erstmals in der Weimarer Verfassung festgeschrieben. Einige Paragrafen finden sich noch heute im Grundgesetz. So sind die staatsbürgerlichen Rechte unabhängig vom religiösen Bekenntnis – und niemand darf zur „Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden“. Der Staat ist zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet und darf sich mit keiner Religionsgemeinschaft identifizieren.

Titelbild: Cyril Zannettacci / Agence VU / laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Damits Wecht
  ·  
15.01.2021-12:01

Gott ist tot. Punk.t