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Ziemlich beste Freunde

24 Stunden Betreuung, 7 Tage die Woche, kein Urlaub und kein Geld. Was ziemlich ausbeuterisch klingt, ist für Fellow der beste Job der Welt

  • 5 Min.
Assistenzhund

Auf die Klingel folgt ein heiseres Bellen und Tapsen hinter der Tür. Sie öffnet sich, und durch den Spalt schiebt sich Fellow, neugierig schnuppernd. Hinter dem Golden Retriever-Rüden sitzt Frieda Krieger in ihrem Rollstuhl. Seit zehn Jahren ist Fellow Teil der Familie und hilft der Schülerin im Alltag.

Die 19-Jährige wurde als Frühchen geboren und bekam während der Geburt zu wenig Sauerstoff. Sie kann Arme und Finger nur teilweise bewegen, nicht ohne Hilfe gehen und stehen. „Als Kind hat die Angst mein ganzes Denken bestimmt. Ich konnte noch nicht mal allein bleiben, wenn meine Mutter nur in den Keller ging.“ Das änderte sich, als ihre Mutter auf den Verein „Vita e.V. Assistenzhunde“ aufmerksam wurde, der die Tiere ausbildet und vermittelt.

An den ersten Besuch bei Vita kann sich Frieda Krieger noch gut erinnern: „Es war furchtbar. Wir kamen rein, und zehn junge Hunde rannten auf mich zu. Ich bin fast aus dem Rollstuhl gekippt!“ Heute kann sie darüber lachen. „Mir wurde klar: Fellow wird mir nichts tun, und meine Angst vor Hunden war irgendwann weg. Als er dann mit uns nach Hause kam, mussten wir uns natürlich erst mal kennenlernen und Rituale festlegen. Heute hilft er mir jeden Abend beim Ausziehen.“

„Er kann Schubladen öffnen und den Einkaufskorb tragen – sogar die Waschmaschine ausräumen.“

Die Ausbildung eines Assistenzhundes ist aufwendig: Das erste Lebensjahr verbringen die Hunde in einer Patenfamilie, um sich an den menschlichen Alltag zu gewöhnen. Nach der ca. 15-monatigen Patenzeit beginnt im Trainingszentrum die Ausbildung. Und schließlich lernen sich Hund und Familie kennen und wohnen dann gemeinsam sechs Wochen lang im Ausbildungszentrum wie in einer großen WG mit anderen Familien und deren Hunden.

Meist vermittelt Vita Golden oder Labrador Retriever. Diese Rassen verstehen es als eine Art Spiel, Aufgaben für Menschen zu erledigen. Für Frieda Krieger, die nicht gut greifen kann, hebt Fellow immer wieder Dinge vom Fußboden auf. „Er kann auch die Tür aufmachen, mir meine Socken und Jacke ausziehen, Schubladen öffnen und den Einkaufskorb tragen. Sogar die Waschmaschine kann Fellow ausräumen.“ Die Schülerin revanchiert sich mit Streicheln und Bürsten, was wiederum ihre Motorik fördert.

Ein ausgebildeter Assistenzhund kostet im Durchschnitt 25.000 Euro – eine Summe, die kaum eine Familie aufbringen kann. Anders als bei Blindenführhunden bezuschussen Krankenkassen Assistenzhunde nicht standardmäßig. Bei jedem Einzelfall wird entschieden, ob ein Assistenzhund notwendig ist. Meistens ist ein technisches Gerät aber kostengünstiger, und die Kriterien, wann ein Assistenzhund notwendig ist, sind nicht genau definiert.

Für alle Felle: Assistenzhunde können nicht nur Blinden, sondern auch Diabetikern und Epileptikern helfen

Frieda Krieger sagt heute: „Fellow hat mein Leben komplett verändert. Ich musste Verantwortung übernehmen, mich kümmern und vor die Tür mit ihm. Plötzlich konnte ich mich nicht mehr verkriechen, wenn mich Selbstmitleid überkam und ich am liebsten tagelang nicht aus dem Bett wollte.“ Der Hund spüre immer, was er tun muss. Ist sie traurig, tröstet er sie. Nicht mit Worten, sondern mit Blicken. Er versucht sie abzulenken, indem er Spielsachen anschleppt oder die Leine, um sie zu einem Spaziergang zu motivieren. Und er hält viel aus. „Fellow ist eher ein ruhiger Typ, ich bin sehr temperamentvoll, da wird es schon mal laut.“ Stur seien sie beide.

Die Idee der Assistenzhunde kommt aus den USA, wo die Tiere traumatisierte Kriegsveteranen begleiten. Blindenführhunde werden schon seit dem Ersten Weltkrieg eingesetzt, zunächst für Kriegsblinde, später als Begleithunde für Rollstuhlfahrer. Andere Hunde warnen Epileptiker vor einem Anfall oder stupsen Diabetiker an, wenn ihr Blutzuckerspiegel schwankt. Auch in der Demenztherapie oder bei posttraumatischen Belastungsstörungen werden sie eingesetzt. In allen Fällen kommunizieren Mensch und Tier miteinander – auf einer Ebene, auf der die Krankheit des Menschen keine Rolle spielt.

„Man lernt sich selbst neu kennen. Ohne ihn wäre ich nicht die, die ich heute bin“, weiß Frieda Krieger. Sie sitzt selbstbewusst in ihrem Rollstuhl, erzählt mit kräftiger Stimme, lacht viel. Nächstes Jahr wird sie Abitur machen, sie möchte Erzieherin werden. Auf der Kommode im Wohnzimmer steht ein Foto, darauf umarmt ein kleines blondes Mädchen einen ebenso blonden, ebenso kleinen Hund. „Das war noch im Ausbildungszentrum.“ Da war sie neun, Fellow zwei. Zehn Jahre später ist er längst ein Hunde­opa. „Fellow war immer ein großes Geschenk. Und jetzt muss ich ihm das zurückgeben. Ich will für ihn da sein, so wie er es für mich war – ein Hundeleben lang.“

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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