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Silicon Country

Was macht das mit einem, wenn man von allen Seiten von drallen Körperteilen umgeben ist? Unsere deutsche Autorin war in Brasilien, Platz zwei der Länder mit den meisten Schönheitsoperationen weltweit

  • einmal Bizeps einölen
Strand von Rio

Wenn mal wieder so ein Tag ist, an dem nichts richtig zu sitzen scheint und sich diese kleine Fettrolle penetrant über den Hosenbund schiebt, ziehe ich mir meinen schwarzen Rollkragenpulli aus Samt an. Er sitzt eng, aber nicht zu eng. Er ist Tarnanzug und Uniform in einem. Wenn ich ihn trage, fühle ich mich stark und weiblich und ein bisschen französisch-intellektuell. 

In Brasilien ist er leider unbrauchbar. Meinen Pulli könnte ich höchstens im Kino oder im Bus tragen, da wird gern auf deutsche März-Temperaturen heruntergekühlt. Ansonsten sinkt das Thermometer selten unter 25 Grad.

2016 wurden 13,9 Prozent aller kosmetischen Eingriffe in Brasilien durchgeführt – dabei leben weniger als drei Prozent der Weltbevölkerung hier

Bei diesem Wetter gibt es wenig zu verstecken. Tun die Brasilianer auch nicht: Rio ist die körperbetonteste Stadt, in der ich jemals gewesen bin. Das liegt nicht nur am guten Wetter, sondern auch am Strand, dem Taktgeber der Stadt. Ganze Familien richten ihre Stühle routiniert nach der Sonne aus. Die Körper glänzend vom Sonnenöl, die Lippen dick mit Sunblocker beschmiert. Nur die Eis- und Bierverkäufer, die mit ihren Kühltaschen den Strand auf und ab laufen, verstecken ihre Haut vor der Sonne unter langen Kleidern. Der Rest präsentiert, was er hat: gestählte Körper, ebenmäßige Haut, pralle Hintern und Brüste, flache Bäuche und Sixpacks. 

Längst nicht alles davon ist ein Geschenk der Natur oder Ergebnis harten Trainings. Brasilien lag 2016 auf Platz zwei der Länder mit den meisten Schönheitsoperationen weltweit; mehr gab es den Schätzungen der Internationalen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie zufolge nur in den USA: 2016 wurden 13,9 Prozent aller kosmetischen Eingriffe in Brasilien durchgeführt – dabei leben weniger als drei Prozent der Weltbevölkerung hier.

Anders als in Deutschland gelten Schönheitsbehandlungen in Brasilien als geeignetes Thema für Smalltalk. Die Mutter einer Freundin erzählte beim Abendessen von ihrer Botox-Behandlung. Eine Freundin berichtete, wie sie einmal im Aufzug von einer Fremden dazu gedrängt wurde, deren neue Po-Implantate anzufassen. Und von einer Bekannten weiß ich, dass sie sich regelmäßig das Fett am Bauch wegmassieren lässt. Ich wusste bisher nicht einmal, dass das geht. 

Strand von Rio
Wozu die ganzen Kniebeugen, wenn man dann Surfershorts trägt? Eben. Laut Volney Pitombo, Präsident der Vereinigung plastischer Chirurgen in Rio de Janeiro, boomen Schönheits-Ops auch bei Männern. Zwischen 2009 und 2014 hat sich die Zahl der Operationen vervierfacht
 

„Kennt ihr auch Jungs, die etwas an sich haben machen lassen?“, fragte ich bei einem Barbecue in die Runde, während alle an ihren Getränken nippten. „Ja, ich!“, rief ein Bekannter und knöpfte sogleich sein Hemd auf, um das Resultat zu präsentieren. Er hat sich vor ein paar Jahren Drüsengewebe aus der Brust entfernen lassen. „Jetzt ist vom Eingriff fast nichts mehr zu sehen!“, sagte er und deutete auf seine linke Brustwarze. Ich beugte mich ein wenig vor und stimmte zu. Nur eine feine weiße Linie erinnerte noch an die OP. 

„Jeder hat ein Recht auf Schönheit“, sagte der 2016 verstorbene Schönheitschirurg Ivo Pitanguy. Er wird wie ein Nationalheld gefeiert

Der 2016 verstorbene Schönheitschirurg Ivo Pitanguy, der in Brasilien wie ein Nationalheld gefeiert wird, sagte, jeder habe das Recht auf Schönheit. Dieses Recht vertrat auch der muskulöse Typ, der einmal während des Karnevals neben mir auf einer Bank saß. Er war als Polizist verkleidet, seinen Plastik-Schlagstock hatte er neben sich an die Sitzfläche gelehnt. Weil er von der Seite meine Pommes beäugte, bot ich ihm davon an. „Nein danke, ich esse keine Kohlenhydrate“, lehnte er bedauernd ab. Keine Pommes?! Das geht entschieden zu weit, dachte ich mir. 

Spurlos ging der Körperkult aber auch an mir nicht vorbei. Zum Beispiel meldete ich mich bei einem Fitnessstudio an. Die Auswahl war groß, allein in meiner Straße gab es drei. So wurde auch ich Teil der Masse, die nach Feierabend auf den Straßen unterwegs war in knallbunten Sport-Leggins oder weit ausgeschnittenen Muskelshirts auf dem Weg zum perfekten Körper.

Komplette Haarlosigkeit? Gehört in Rio genauso zum Strandoutfit wie ultraknappe Bikinis

Ich fing auch an, regelmäßig zum Waxing zu gehen. Beim ersten Mal schaute die Mitarbeiterin ein bisschen vorwurfsvoll auf meine Beinhaare. „Dort, wo ich herkomme, ist es gerade Winter“, versuchte ich mich zu rechtfertigen. Dann fiel ihr Blick auf den Ansatz von Schamhaar, der aus meiner Unterhose lugte. Bevor sie auf falsche Ideen kommen konnte, zog ich schnell mein T-Shirt über den Slip.

 

Eigentlich gehört in Rio komplette Haarlosigkeit genauso zum Strandoutfit wie ultraknappe Bikinis. Die paar Härchen mehr, dachte ich mir aber, machen das Kraut auch nicht mehr fett: Mit meinem Badeanzug und der deutschen Winterblässe fiel ich am Strand sowieso auf 100 Meter Entfernung auf. Mit letzterer habe ich übrigens schon bald meinen Frieden geschlossen – Stichwort Hautkrebs und frühzeitige Hautalterung. Ganz davon abgesehen passt die Blässe eh viel besser zu meinem französisch-intellektuellen Look im Rollkragenpulli.

Sarah Heuberger, 26, hat die letzten Monate in Brasilien verbracht. Mittlerweile ist sie wieder in Deutschland und vermisst ihr täglich frisches Kokosnusswasser, nicht aber das verwirrende Bussystem in Rio. 

Fotos: Martin Parr / Magnum Photos / Agentur Focus

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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