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Inglourious Klarsfelds

Ein Paar, das auf der Suche nach Altnazis um die Welt jagt: Klingt nach einem Tarantino-Film, ist aber wirklich passiert – und jetzt in einer Graphic Novel nachzulesen

  • 4 Min.
Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger

Es ist eine der berühmtesten Ohrfeigen der deutschen Geschichte. Am 7. November 1968 gelingt es einer 29-jährigen Frau, den deutschen Bundeskanzler auf offener Bühne als Nazi zu beschimpfen und ins Gesicht zu schlagen. Der Kanzler heißt Kurt Georg Kiesinger, im Nationalsozialismus hatte er im Außenministerium als stellvertretender Leiter der Rundfunkabteilung gearbeitet. Seiner späteren Karriere hat das wenig geschadet.

Die Frau heißt Beate Klarsfeld, und für sie ist die Ohrfeige erst der Anfang. Gemeinsam mit ihrem französischen Ehemann Serge verfolgt sie eine Lebensaufgabe: diejenigen Täter der NS-Zeit, die nach dem Zweiten Weltkrieg unbehelligt weiterleben, aufzuspüren, sie für ihr Tun zur Rechenschaft zu ziehen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Wie das Ehepaar dabei vorgegangen ist, davon erzählen Pascal Bresson und Sylvain Dorange in ihrer Graphic Novel „Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger“.

Beate und Serge lernen sich 1960 in Paris kennen. Sie, schwarzer Pagenschnitt und viel eleganter gekleidet, als es dem Klischee einer Rebellin entspricht, ist als deutsches Au-pair nach Frankreich gekommen. Er, Lockenkopf und dicke Brille, ist Jude und hat den Holocaust in Frankreich als Kind in Verstecken überlebt. Sein Vater wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Unerträglich ist es für das Paar, dass viele der Nationalsozialisten nie verurteilt wurden, darunter Männer wie Kurt Lischka, der als ehemaliger Gestapo-Kommandeur in Paris für den Tod und die Deportation Tausender Menschen mitverantwortlich ist. Einige der Täter setzten sich ins Ausland ab, andere schlüpften durch das Netz der Prozesse und Entnazifizierungsmaßnahmen der Alliierten, und letztlich scheint es der Gesellschaft im Nachkriegs-Westdeutschland auch gar nicht so drängend damit, jedes Detail nachhaltig aufzuklären. Zu viele Leute stecken selbst mit drin.

Die Klarsfelds gehen in Archive, sammeln Beweise, schaffen Öffentlichkeit

Die Klarsfelds nehmen die Sache deswegen selbst in die Hand. In den frühen 1970ern gehen sie in Archive und sammeln Beweise, sie machen Zeug:innen ausfindig und dokumentieren deren Aussagen, sie lassen Fotografien analysieren, bearbeiten Staatsanwälte, machen politischen Druck, schaffen Öffentlichkeit. Immer wieder erleiden sie Rückschläge, werden aus rechten Kreisen sogar mit dem Tode bedroht, doch immer machen sie weiter. Und überschreiten dabei auch Grenzen: Mit einigen Verbündeten versuchen sie 1971, den besagten Kurt Lischka auf offener Straße bewusstlos zu schlagen und ihn nach Frankreich zu entführen, damit ihm dort der Prozess gemacht werden kann. Dieser Plan scheiterte. Erst ein 1975 ratifiziertes Zusatzabkommen ermöglichte es, Lischka in Deutschland anzuklagen. 1980 wurde der mittlerweile 70-Jährige zu zehn Jahren Haft verurteilt.

 
Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger
 

Die Legitimation für solche Formen der Selbstjustiz wird im Comic nicht infrage gestellt – hier geht es nur um die Jagd nach NS-Verbrechern, für die aus Sicht der handelnden Figuren mitunter auch Gewalt und Gesetzesbruch angebracht zu sein scheinen.

Einen besonderen Schwerpunkt im Leben der Klarsfelds und auch in „Die Nazijäger“ nimmt die Suche nach Klaus Barbie ein. Der Lyoner Gestapo-Chef Barbie wurde „Schlächter von Lyon“ genannt, er war berüchtigt für seine brutalen Foltermethoden und während der deutschen Besatzung Frankreichs verantwortlich für mehrere Massaker und Deportationen, unter anderem von mehr als 40 jüdischen Waisenkindern. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte er unter falschem Namen nach Bolivien, wo ihn die Klarfelds 1971 aufspüren. Mehr als elf Jahre dauert es danach noch, bis Barbie ausgeliefert und in Frankreich vor ein Gericht gestellt wird. Seine Verurteilung 1987, an der Serge Klarsfeld als Anwalt mitbeteiligt ist, zählt zu den größten Erfolgen des Ehepaars.

Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger

Autor Pascal Bresson hat genau diesen Klaus-Barbie-Prozess als 19-Jähriger in den französischen Medien gespannt mitverfolgt. Für „Die Nazijäger“ hat er das Ehepaar Klarsfeld, das, heute 82 und 85 Jahre alt, noch immer in Paris lebt, ein halbes Jahr lang jede Woche getroffen und sich ihr Leben erzählen lassen. Das alles anschließend zu einem spannenden Comic zu formen ist eine große Aufgabe, die Bresson ziemlich gut gelöst hat, indem er das Material beinahe wie einen Agententhriller arrangiert: Mit vielen Rückblenden und Ortswechseln, bei denen die Helden mal in Frankreich, mal in Deutschland, mal in Südamerika Aufträge erfüllen.

Zeichner Sylvain Dorange fängt den Stil der 1960er- und 70er-Jahre überragend ein 

Unterstützt wird diese Dynamik von der tollen Arbeit des Zeichners Sylvain Dorange, der Perspektiven, Bildgrößen und Erzähltempo immer wieder variiert. Speziell die von ihm gewählte Kolorierung ist überragend: Eine erdig-warme Farbpalette wie aus einem Guss, die ideal zum Stil der 1960er- und 70er-Jahre passt. Auch der Inneneinrichtungs- und Kleidungsstil der damaligen Zeit wird von Dorange mit viel Liebe zum Detail eingefangen, genau wie die Accessoires, seien es die aufwendigen Tonbandgerätschaften der Radiojournalisten oder die Paulchen-Panther-Puppe von Klarsfeld-Tochter Lida.

Die Einzelheiten in der Ermittlungsarbeit hingegen bekommt Pascal Bresson mal besser, mal schlechter vermittelt: Das grundsätzliche Vorgehen lässt sich gut nachvollziehen, mitunter verliert man sich aber auch im Dauerfeuer der vielen Namen und Organisationen. Und dabei wurden große Teile des Wirkens der Klarsfelds sogar noch ausgespart – sie hätten den Rahmen eines Comics gleich mehrfach gesprengt.

„Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger“ ist im Carlsen-Verlag erschienen und kostet 28 Euro.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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SYBILLE
  ·  
13.07.2021-04:07

Kleiner Fehler in dem letzten Bild : "Das kann nur ein Gutachten festsellen" statt "feststellen".