Es wird derzeit viel über Russland geredet und berichtet – und das oft von Nicht-Russen. Aber die besten Russlandkenner sind wohl immer noch die Russen selbst. Wir möchten mehr darüber wissen, wie sie ihr Land sehen und haben daher russische Journalistenkollegen um kurze Statements gebeten. Manche betreffen ganz normale Alltagsphänomene, andere gehen auch die aktuelle Krise in der Ukraine ein. Die fünfte Folge:

Ich lebe in Twer. Das ist eine Universitätsstadt, in der viele Mädchen und Jungs aus den verschiedensten Ländern studieren. Als wäre es eine grundsätzliche Verhaltensregel, unterhalten sich diese Studenten meistens nur untereinander, in ihren kleinen geschlossenen Gruppen. Wir Menschen in Twer wissen nichts über sie, und sie wissen nichts über uns. Aus diesem gegenseitigen Unwissen entsteht Misstrauen. Und auf die gleiche Weise entsteht es wahrscheinlich auch gegenüber anderen Nationen – was bei uns in Russland leider immer noch sehr ausgeprägt ist. Sich zu integrieren und mit Menschen aus unterschiedlichen Nationen Freundschaft zu schließen ist die Idee des sozialen Projekts „Cocktail“, das ich mir ausgedacht habe und das ich ehrenamtlich leite. Begonnen habe ich damit 2014. Ein Besuch in Stockholm und die dortige Bekanntschaft mit Karin Bruce haben mich sehr inspiriert. Sie organisiert ähnliche Treffen in Schweden. Es geht darum, Spaß an neuen Bekanntschaften und neuen Kulturen zu haben, indem man sich austauscht. Das ist etwas, was mir im Leben wichtig ist und wo mein Land Nachholbedarf hat. 

So ist jedes unserer Projekttreffen einem Land gewidmet: Wir wählen gemeinsam ein Thema aus, bereiten eine Präsentation vor und organisieren Workshops zur italienischen oder russischen Küche, zur Arbeitsweise von Jugend-NGOs in verschiedenen Ländern oder zu den Herausforderungen des Journalismus in Schweden oder in Finnland. Von Japanern haben wir Kalligrafie gelernt, ein englischer Regisseur hat mit uns Shakespeare gespielt. 

An unseren Veranstaltungen haben auch schon Leute aus Frankreich, aus den USA, aus Deutschland und China teilgenommen. Unsere Treffen werden von Mal zu Mal größer, so dass die Stühle in unserem Raum nicht mehr reichen, was ein großes Glück ist – nicht nur für mich, sondern auch für mein Land, das auf diese Weise immer etwas offener wird. Für unsere Zukunft kann das nur gut sein.

Jekaterina Novak lebt in Twer, einer alten historischen Stadt nordöstlich von Moskau. Sie arbeitet als freie Journalistin. Novak liebt es, zu reisen und andere Kulturen zu erkunden, und sie spielt Theater. Ihr Lebensziel sei es, sagt sie, Menschen aus unterschiedlichen Kontexten zusammenzubringen.

Organisiert und übersetzt hat die Statements der russischen Journalisten unser Autor Ingo Petz, der in Osteuropa über ein großes Netzwerk verfügt, weil er selber oft von dort berichtet.