Aus Geschichte Geschichten zu machen, ist eine schwierige Angelegenheit. Dabei könnte es so leicht sein, es ist ja alles da, jedes Datum, jede Tat – man muss sich nichts mehr ausdenken. Doch die Form der Erzählung hat so ihre Tücken. Allzu oft soll sie Spannung konstruieren und Helden stilisieren, wo eigentlich keine sind. Um emotional zu sein, um den Leser zu packen. Man kennt das von schlechten Historienromanen.

Das Comic-Fotoalbum „Palatschinken“ hingegen findet einen authentischeren Weg, Geschichte zu erzählen. Und das, obwohl die Fotografin Caterina Sansone von einer Flucht berichtet. Ihre italienisch-kroatische Mutter Elena floh vor Hunger und Unterdrückung aus der nach dem Zweiten Weltkrieg von Italien an Jugoslawien abgetretenen Stadt Rijeka - einst: Fiume - ins Exil. Damals war Elena noch ein Kind und lebte mit ihrer Familie von 1951 bis 1963 in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften in Italien.

Mit ihrem Partner, dem Comiczeichner Alessandro Tota, bereiste Caterina Sansone den Fluchtweg in umgekehrter Reihenfolge - von Florenz bis ins heutige Kroatien. „Mehr über meine Mutter und ihr Leben als Flüchtling zu erfahren bedeutete auch, mehr über mich selbst zu erfahren“, sagt Sansone. Auf diese Art entsteht ein sehr persönlicher Blick auf Nachkriegsitalien und die Suche nach einer neuen Heimat.

Aber wie wird nun erzählt? Das Buch zeigt die Recherchereise des Paares als Comic - schwarz-weiß, mit leichtem Strich, zurückhaltend. Sansones und Totas Cartoon-Ichs kommentieren hier, was sie über die Vergangenheit der Mutter erfahren, und legen dem Leser die originalen Dokumente vor: Ausweise, alte Familienfotos, Sansones Bilder der heutigen Orte und Interviewauszüge. Episodenhaft wird immer wieder die Flucht beschrieben, ebenfalls als Comic. Dabei beweist Tota ein gutes Gespür für die emotionale Wirkung von Zwischentönen. Das blasse Braun, das matte Grün, das sanfte Rot heben die Zeit der Entbehrungen und Isolation in den Baracken im Wald von Neapel hervor.

Durch die Augen eines Kindes

In erster Linie wird jedoch der ganz normale Lageralltag veranschaulicht - ohne Dramen, ohne Helden. Der Vater baut aus einem Besenstiel ein Damespiel. Die Schwester feiert ihre Hochzeit. Und die Oma fällt ins Plumpsklo. Erzählt wird das durch die Augen eines Kindes, durch Elenas Augen. Sie mag man sofort. Drückt ihr deshalb die Daumen beim Gang in die neue Schule und teilt ihre Skepsis vor diesem nackten Kerl am Kreuz, der überall in Italien herumhängt und dem sie sogar die Füße küssen soll.

„Neu anzufangen muss schwer gewesen sein“, sagt Sansone, „aber meine Mutter hat immer ihren Optimismus behalten.“ Auf Seite 104 von 186 gibt es dann ein Schwarz-Weiß-Bild von Elena - es ist ihr 17. Geburtstag. Furchtlos lächelt die junge Frau in die Kamera, als wolle sie sagen: „Ja, ich bin neu. Und mir gefällt's hier. Wisst ihr was, ich bleibe.“

„Palatschinken“ ist damit nicht die erwartbare Leidensgeschichte. Das Buch ist vielmehr eine ziellose Erzählung, eigen, nicht gemacht, sondern erlebt. Wie eine Flucht. Das gilt für den Inhalt - rasant wechseln Orte, Zeit und Handlung. Und die Form - auf jeder Seite finden die Briefe und Notizen, die Panels und Bilder einen neuen Platz. Das ist spannend. Denn auf diese Art entstehen Brüche, die den Betrachter die Geschehnisse selbst sortieren, die Bedeutung selbst zusammensetzen, die Gefühle individuell bestimmen lassen.

Denn: Das Leben lässt sich nicht immer in Klimaxform erzählen. Es ist manchmal öde, selbst auf der Flucht. Aber vielleicht beginnt hier das Gefühl von Heimat: mit Alltäglichkeiten, die man überall kennt. Dem gemeinsamen Essen von Palatschinken zum Beispiel, diesem osteuropäischen Pfannkuchengericht, das auf Italienisch genauso ausgesprochen wird wie auf Kroatisch: /palatʃǐːnka/.

Christine Stöckel ist freie Journalistin und arbeitet unter anderem für die taz. Ihre Heimat ist Niedersachsen, ihr selbstgewähltes Exil Berlin